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Du bist schon seit drei Jahrzehnten in der Zukunftsarbeit tätig. Was hat sich seither verändert?
Die Zukunft ist seit jeher ein Thema – für den einzelnen, die Gesellschaft als Ganzes, für Industrie, Wirtschaft und Politik. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Allerdings ist das Thema in Gestalt der Zukunftsforschung mittlerweile auch in anderen Bereich angekommen – von Bildungseinrichtungen bis hin zu Ministerien und Regierungen. Natürlich ist der Weg nicht beendet, er geht weiter. Und das ist ja eigentlich das Spannende: Zukunft kann nie gebannt werden, sie bleibt störrisch und immer überraschend. Sie wird immer eine kreative Annäherung erfordern. Letzteres ist im Grunde die herausfordernde Konstante, wenn es um Zukunft geht. Die Bedingungen ringsherum verändern sich laufend. Und aktuell haben wir es noch dazu mit multiplen Krisen zu tun: Klima, Corona, Krieg – um nur einige zu nennen. Das erfordert ein Nachdenken im Voraus: Wie gehen wir künftig mit dem Selbstverständnis um, das wir in Europa über all die Jahre im Hinblick auf Sicherheiten entwickelt haben? Gibt es diese Sicherheiten überhaupt noch?

Hat es sie überhaupt jemals gegeben? Obwohl wahrscheinlich nicht absehbar war, dass es derart viele, wie Du sagst, multiple Krisen in so kurzer Zeit gibt.
Nein! Wobei ich nie behauptet habe, die Zukunft voraussagen zu wollen, geschweige denn zu können. Aber man muss sich schon darüber im Klaren sein: Krisen gehören zur gesellschaftlichen Routine – Krisen, wie das Waldsterben, Tschernobyl, 9/11, die Weltwirtschaftskrise 2008, Corona und jetzt eben der Ukraine-Krieg begleiten uns beständig. Wenngleich natürlich niemand gehofft oder erwartet hat, nach 77 Jahren Frieden noch einmal eine derartige Krise erleben zu müssen. Das haben wir wahrscheinlich ein Stück weit auch verdrängt. Die heftig umstrittene Ost-Politik von Willy Brandt war der Versuch, eine Nachkriegsordnung zu entwerfen, die dauerhaft Frieden ermöglicht. Dieser Versuch ist gescheitert. Fakt ist auch: Eine derart einseitige Energieabhängigkeit von Russland zu schaffen, war ein großer politischer Fehler, gerade im Hinblick auf die notwendige Energiewende.

Ein Fehler, aus dem wir nun lernen dürfen bzw. mit Blick auf die Klimathematik eigentlich müssen…
Stimmt. Krise heißt ja, etwas zum Besseren zu wenden. Und obwohl es nicht widerspruchsfrei ist, so eröffnet sich derzeit immerhin ein Fenster der Möglichkeiten, sodass etwa die Energiewende breiter diskutiert und die eine Beschleunigung erfahren wird, eine mit Sackgassen und Umwegen. Gradlinigkeit ist keine Sache der Zukunft.

Krisen und Sackgassen (© Lachlan Donald, unsplash)

Apropos Wende: Welches war und/oder ist Deiner Meinung nach im Sinne der Zukunft die wichtigste Transformation?
Ich denke gerne in historischen Analogiebildern. Schaut man sich etwa die Entwicklung der Industriegesellschaft an, so ist der Verbrauch der Ressourcen in den letzten 200 Jahren exponentiell angestiegen. Und das hat mit den langen Wellen der gesellschaftlichen Entwicklung, die von Basistechnologien getrieben wird, zu tun: von der Dampfmaschine über die Elektrizität bis heute zu Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz. Allerdings wird dabei meiner Meinung nach viel zu wenig darüber diskutiert, dass die Basistechnologien auch jeweils eine neue Infrastruktur benötigen: Autos brauchen Straßen, Energie braucht Leitungen und Computer brauchen Netzwerke. Das passiert aktuell beim Megatrend der Digitalisierung wieder. Was sich aktuell auch beim Megatrend der Digitalisierung mit der Herausbildung von Plattformen zeigt. Die Digitalisierung ist dabei lediglich eine Technologie, sie ersetzt und ist keine Ethik.
Interessanter und hinsichtlich der Zukunft sogar wichtiger sind die Kontexte dahinter: die kulturelle Aneignung, die Entfaltung neuer Produktionsweisen, die Chance, mit neuen Möglichkeiten, aktuelle Probleme anzugehen, wie etwa eine algorithmengesteuerte, ressourceneffiziente Kreislaufwirtschaft. Und es geht auch immer um alte Fragen: Was hält uns zusammen und wie wollen wir leben?

Es braucht also Wissen und Austausch.
Ja, wobei man hier zwei Dinge bedenken sollte: Etliche Studien zeigen, dass die große Mehrheit der Bevölkerung nicht zukunftsoffen ist, sondern der Zukunft eher ängstlich und kritisch gegenübersteht. Das muss man ernst nehmen. Man darf die Menschen nicht vor vollendete Tatsachen stellen, sondern muss sie an Veränderungen beteiligen. Auf einer abstrakten Ebene ist das schwierig, daher brauchen wir einen breiten Diskurs, Auseinandersetzung, Kommunikation, wohin wir wollen und wie wir dorthin kommen. Außerdem müssen den Bürgern Erprobungsräume für Zukünftiges eröffnet werden. Erfolge und Misserfolge müssen erlebbar sein. Spannend ist hier etwa der neue Ansatz einer missionsorientierten Innovationspolitik in Deutschland und Europa: Die Ziele der Innovationen sollen sich an den 17 UN-Zielen für eine nachhaltige Entwicklung orientieren und im Rahmen partizipativer Prozesse unter Einbindung der Zivilgesellschaft formuliert werden. Bis dato ist das noch kaum in der Zivilgesellschaft angekommen, doch der Ansatz verdient mehr Aufmerksamkeit.

Und der zweite Punkt, den wir bedenken sollten?
Der betrifft das Wissen. Noch nie standen den Menschen so viele Informationszugänge zur Verfügung. Wir werden regelrecht davon überflutet. Das war im Verlauf der Industrialisierung nicht der Fall. Außerdem haben wir mit den Fortschritten in Wissenschaft und Technik jetzt Werkzeuge in der Hand, die neu und mächtig sind: von der Atomkraft bis zu KI und Life Science. Nicht zuletzt auch aus diesem Grund wurde Anfang des Jahrtausends der Begriff des Anthropozäns geprägt. Demnach erleben wir aktuell eine Epoche, in der der Mensch zum wichtigsten Faktor auf den blauen Planeten geworden ist. Er bestimmt nicht nur den CO2-Eintrag in die Atmosphäre, er ist heute in der Lage in die Grundbausteine des Lebens, den Atomen, Genen, Bits und Bytes gestaltend einzugreifen.

Die Frage ist: Wird es das Zeitalter des zerstörerischen Menschen und der Krisen?
Das kommt darauf an. Die Klimaproblematik – sicher eine der größten Krisen unserer Zeit – ist etwa auf das Engste mit unserer Lebensweise und unserem Wohlstandsmodell verbunden. Und ja, damit nachfolgende Generationen noch eine lebenswerte Welt vorfinden, braucht es ein Umdenken und einen weitreichenden Wandel. Ob wir uns tatsächlich, wie viele sagen, in einer Zeit des Epochenwechsels befinden, ist schwer zu sagen, wenn man selbst Zeitgenosse ist. Es spricht aber einiges dafür, schließlich erleben wir vielfältige Veränderungen, auch Kipppunkte, sei es politisch, technologisch, ökonomisch oder eben ökologisch. Wir müssen grundsätzliche Dinge des Zusammenlebens, des Wirtschaftens und Arbeitens neu denken.

Allerdings kann Wandel halt auch nicht angeordnet werden. Der Einzelne kann durch die eigene Veränderung andere inspirieren und somit zum gesellschaftlichen, kulturellen Wandel beitragen.
Sofern der Einzelne das tut. Schlussendlich kann die bevorstehende und politisch gewollte Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft nur gelingen, wenn Akteure der Zivilgesellschaft daran beteiligt werden – mit all ihren unterschiedlichen Sichtweisen. Robert Jungk, den ich selbst noch kennenlernen durfte, war in der Hinsicht ein großer Vordenker. Er hat sich gegen das Expertentum ausgesprochen und für Beteiligungen wie in Zukunftswerkstätten stark gemacht. Uns muss klar sein, dass wir in der Gesellschaft Rechte aber auch Pflichten als Bürger haben. Das ist ein Grundsatz der Demokratie und die ist nun mal kein Geschenk. Das müssen wir ebenfalls begreifen. Wenn wir Demokratie zu schätzen wissen, werden wir sie mit klarer Haltung gegen alle Krisen verteidigen und an die jeweiligen Rahmenbedingungen anpassen müssen.

Wege aus den Krisen (© Lili Popper, unsplash)

Womit wir bei D2030 sind: Eine Initiative, die Du zusammen mit anderen Visionären 2018 ins Leben gerufen hast mit dem Ziel, eine Landkarte von Zukunftsbildern für Deutschland zu erstellen.
Ja, wir wollten in einem offenen Szenarioprozess „Deutschland neu denken“. Wir wollten zeigen: Es gibt Alternativen und Perspektiven. Und wir wollten damit Orientierung bieten. In drei Beteiligungsrunden haben wir acht Szenarien erarbeitet, die zusammen eine Zukunftslandkarte ergeben. Die sogenannten Neue Horizonte-Szenarien wurden dabei als wünschenswert bewertet. Die Szenarien beschreiben Pfade in die Zukunft. Man könnte sie auch als Trichter betrachten, der einen prinzipiell vorstellbaren Zukunftsraum aufspannt. Mit Corona haben wir sie auf ihre Robustheit überprüft und sie haben standgehalten. Wir sind aber derzeit dabei, die Neue Horizonte-Szenarien nach 2018 insgesamt neu zu entwerfen. Es ist viel passiert, nicht zuletzt der Krieg in der Ukraine. Weiters wollen wir als Verein, der Zukunft eine Stimme geben, etwa mit unseren monatlichen Futures Lounges via Zoom oder durch praxisbezogene Projekte und Initiativen. Wir sind übrigens offen für Mitarbeit.

Also wir sind auf jeden Fall dabei. Danke für das inspirierende Gespräch, Klaus!

 

Zur Person: Klaus Burmeister

… ist, wie er selbst sagt, Zukunftsdiagnostiker – und nicht Zukunftsforscher. So oder so ist er seit Mitte der 1980er-Jahre im Bereich der Zukunftsarbeit tätig, baute 1990 das Sekretariat für Zukunftsforschung in Gelsenkirchen auf, war 1997 Mitgründer von Z_punkt und rief 2014 das foresightlab in Berlin ins Leben. Seit 2016 ist er außerdem Geschäftsführer der gemeinnützigen Initiative D2030.
www.foresightlab.de
www.d2030.de

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weiter neu denken

Nicht einmal die Hälfte der Beschäftigten in der DACH-Region sieht einen Sinn im Job. 45 Prozent bezeichnen ihren Arbeitsplatz sogar als psychisch und emotional ungesund. Dies nur zwei Ergebnisse der jüngsten „Employee Engagement“-Studie von Great Place to Work, bei der 14.000 Arbeitnehmer aus 37 Ländern weltweit befragt wurden. Bedenklich ist übrigens auch, dass derartige Zahlen nur mehr wenige überraschen. Nicht erst seit Corona stellen sich immer mehr Menschen die Sinnfrage, wie Monika Kraus-Wildegger weiß: „Es reicht nicht mehr aus, den Menschen Geld anzubieten, um die Herausforderungen des Jobs zu bewältigen. War dies vor rund zehn Jahren nur latent zu spüren, ist es heute wohl jedem bewusst.“ Die Gründerin und Geschäftsführerin von GOODplace ist davon überzeugt, dass die Zukunft der Arbeitswelt in einer menschenzentrierten Unternehmenskultur mit Herz und Hirn besteht. Oder wie die studierte Volkswirtin aus Hamburg sagt: „Arbeitszeit ist Lebenszeit. Soll heißen: Die Zeit, die wir haben, ist wertvoll. Folglich muss sie derart genutzt werden, dass die Menschen glücklich sind und zwar nicht nur im privaten Bereich, sondern vor allem auch im Job, schließlich verbringen wir einen beträchtlichen Teil unserer Lebenszeit bei der Arbeit.“

Good Place to work

Insbesondere aufgrund der Digitalisierung und globalen Vernetzung hat die Dynamik in der Arbeitswelt in den letzten Jahren massiv zugenommen: Projekte müssen schneller und flexibler abgewickelt werden, Kollegen besser miteinander kommunizieren sowie kooperieren und Teams selbstverantwortlich agieren. Als Folge wurde unter anderem der Ruf nach agilem Arbeiten laut. Da dies für Führungskräfte ebenso eine Umstellung bedeutete wie für deren Mitarbeiter, wurde ihnen nicht selten ein sogenannter agiler Coach zur Seite gestellt.
Diese und andere Veränderungen stellen Unternehmer und Belegschaft seither permanent vor Herausforderungen. Agiles Arbeiten ist eine gute Antwort darauf, macht den Arbeitsplatz allerdings nicht gleich zu einem „good place“, wo sich die Mitarbeiter wohlfühlen. Es gab – und gibt – freilich viele Firmen, die sehr nah an den Menschen sind. Vielfach passiert(e) das aber eher aus dem Bauch heraus und somit ohne Qualitätskriterien und Standards. Für Monika war daher recht schnell nach der Gründung von GOODplace klar, dass hier Handlungsbedarf besteht: „In einer neuen, modernen Arbeitswelt mit einem menschenzentrierten Mindset braucht es jemanden, der dafür Sorge trägt, dass diese Art der Unternehmenskultur nachhaltig im Betrieb implementiert wird.“ Zusammen mit dem Fraunhofer Institut wurde das Berufsprofil des Feelgood-Managers entwickelt, das nunmehr seit bald zehn Jahren an der GOODplace Academy gelehrt wird.
Mittlerweile ist das Thema in der Mitte der Gesellschaft angekommen – nicht nur, weil das Gut „Arbeitskraft“ knapper wird, sondern weil sich die Menschen eben immer öfter die Sinnfrage stellen, wenn es um die Arbeit geht: Was bringt mir meine Arbeit? Ergibt es für mich persönlich Sinn, dass das Unternehmen, in dem ich tätig bin, jährlich seine Gewinne maximiert? Oder bleibe ich als Mensch dabei auf der Strecke? Inwiefern schade ich durch mein Tun der Umwelt?
Und es sind nicht nur die Millennials oder die Gen Z, die sich mit diesen und anderen Fragen beschäftigen. Auch die „alte Garde“ und somit langjährige Mitarbeiter hinterfragen ihr (berufliches) Tun. Und es ist Aufgabe des Unternehmens, Rahmenbedingungen zu schaffen, dass derartige Sinnfragen im Betrieb beantwortet werden können.

Mitarbeiter im Mittelpunkt

Hier kommt der Feelgood Manager ins Spiel. Dieser ist allerdings keine Manager, der Bälle im Raum herumwirft oder mal ein bisschen den Nacken massiert, um Verspannungen aufzulösen. Er ist ebenso wenig der Kümmerer, der sich um die Probleme seiner Mitarbeiter kümmert. Der Feelgood Manager ist ein Kulturgestalter für menschenzentriertes Arbeiten. Dabei weiß er oft gar nicht, was die Menschen brauchen, um sich bei der Arbeit wohl zu fühlen. Und er gibt das offen zu, wie Monika hervorhebt: „Der Feelgood Manager fragt die Mitarbeiter, was sie brauchen, um sich an ihrem Arbeitsplatz langfristig wohl zu fühlen. Er hat das ‚Go‘ derartige Fragen zu stellen und die Themen anzugehen – und zwar sowohl vonseiten der Geschäftsführung als auch vonseiten der Mitarbeiter. Da diese nämlich gefragt werden und ihre Wünsche und Vorstellungen mitteilen können, fühlen sie sich gesehen, wahrgenommen und gehört. Sie erleben eine Art ‚Wow-Effekt‘, weil ihnen klar wird: Unsere Führung weiß, dass es besser ist, uns zu fragen, was wir brauchen, als uns irgendwelche Konzepte drüber zu stülpen.“
Feelgood Management zeigt sich unter anderem in einem wertschätzenden Umgang, verlässlichen Strukturen und nachhaltigen Rahmenbedingungen. Die Mitarbeiter müssen täglich spüren, dass sich der Arbeitgeber tatsächlich mit ihren Belangen auseinandersetzt, dass ihre Ideen gehört und wenn möglich umgesetzt werden. Dafür erntet der Arbeitgeber strahlende Gesichter, besseres Feedback und vor allem Mitarbeiterempfehlungen – das ohnehin beste und kostengünstigste Marketingtool überhaupt. Dieses kann im Übrigen gemessen werden und ist somit ein aussagekräftiger Indikator dafür, dass sich Mitarbeiter tatsächlich wohlfühlen. „In einer menschenzentrierten Arbeitswelt geht es nicht um Krankenstände und Produktivität. Es geht um Lösungen für Zukunftsfragen – von der Zufriedenheit am Arbeitsplatz über die Gesundheit bis hin zum Klima. Die Welt wird immer komplexer und die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit haben sich längst aufgelöst. Entsprechend brauchen wir Mitarbeiter, die über Fachwissen verfügen und psychosoziale Fähigkeiten mitbringen, die mitdenken und sich engagieren. Es braucht Hirn und Herz und die Möglichkeit, all das auch einbringen zu können“, ist Monika Kraus-Wildegger überzeugt.

Feelgood Manager als Brückenbauer

Seit Jahrzehnten, wenn nicht sogar Jahrhunderten war es Usus, dass die Geschäftsführung Ziele vorgibt und sagt, was getan werden muss. Dennoch würde es im Chaos enden, wenn ein Unternehmen nun von einem Tag auf den anderen auf Feelgood Management macht, schließlich haben sich die Mitarbeiter durchaus daran gewöhnt, dass hierarchisch von oben nach unten entschieden wird. Und mit der – überspitzt formulierten – Ansage „fühl Dich ab jetzt wohl“ kann niemand etwas anfangen. Um nachhaltig etwas verändern zu können, gilt es, das gesamte System anzuschauen. „Allerdings scheitern 75 Prozent der Change-Projekte, so aktuelle Studien. Das bedeutet auch, dass das Unternehmen sehr viel Geld verliert“, weiß Monika und fügt hinzu: „Es braucht daher einen Übergang. Eine Brücke, die wir mit dem Feelgood Management schaffen können.“
Es geht also nicht gleich ans Eingemachte, sondern erst einmal beispielsweise um die interne Unternehmenskultur. So befasst sich der Feelgood Manager etwa mit der internen Kommunikation. In vielen Fällen funktioniert diese nämlich nicht, was sich unter anderem darin zeigt, dass die Spitze gar nicht weiß, wie die Stimmung im Unternehmen tatsächlich ist. Um die Mitarbeiter aber nicht sofort zu „überfahren“, geht der Feelgood Manager neue Wege in der Kommunikation: Im Rahmen einer internen Messe oder eines Mitarbeiterevents wird die Belegschaft aufgefordert, über ihre Arbeitsbedingungen Feedback zu geben. Die Ergebnisse werden transparent kommuniziert und die Mitarbeiter sind eingeladen, gemeinsam nach Lösungen zu suchen, die dann im Zuge von Pilotprojekten umgesetzt werden können. „Beim Feelgood Management geht es darum, Fragen zu stellen und die Mitarbeiter ernst zu nehmen“, erklärt Monika. „Die Menschen werden eingeladen, sich einzubringen. Wenn jemand nicht möchte, wird ihm signalisiert, dass auch das OK ist. Erfahrungsgemäß entsteht aber rasch eine Eigendynamik, es werden Gruppen gebildet, die Maßnahmen formulieren, Kampagnen erstellen und sich komplett selbst organisieren.“
Fakt ist: Zukunftsfähigkeit bedeutet in der Arbeitswelt, menschenzentriert mit Herz und Hirn zu agieren. In einer derartigen Unternehmenskultur sollten Unternehmer Antworten auf die Sinnfragen der Menschen haben. Daher müssen sie anfangen, die Arbeitnehmer zu fragen: Was braucht ihr, um einen guten Job machen zu können – heute genauso wie übermorgen? Nur so kann der Arbeitgeber sicherstellen, dass seine Mitarbeiter ein Umfeld vorfinden, wo sie sich mit all ihren Fähigkeiten und Potenzialen einbringen können – und das auch möchten.

 

GOODplace-Gründerin und Geschäftsführerin Monika Kraus-Wildegger (© Gaby Bohle)

 

Fakten zu GOODplace

Volkswirtin Monika Kraus-Wildegger arbeitete viele Jahre in der IT-Branche und als Nachhaltigkeitsmanagerin für einen großen Konzern. Nach zahlreichen Auslandsaufenthalten gründete sie 2012 GOODplace in Hamburg, das anfangs ganz im Zeichen von „guten Beispielen“ stand. Aber schon bald war klar: Für den Wechsel zu einer Unternehmenskultur, die Leben und Arbeit unter einen Hut bringt, braucht es Menschen, die ihn gestalten – und zwar hauptberuflich! Die Idee der Feelgood Manager-Ausbildung war geboren. GOODplace steht heute für die fundierteste und engagierteste Kompetenz in diesem Bereich.
Die Fachausbildung dauert sechs Monate und umfasst sechs Module (drei davon in Hamburg, plus Facharbeit, Hospitanz, Prüfung und Zertifizierungsprozess). Mittlerweile gibt es über 300 Certified Feelgood Manager. Daneben bietet die GOODplace Academy Masterclasses, Learning Circles und Meet ups in verschiedenen Regionen.
Weitere Infos unter www.goodplace.org

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Gestaltbarkeit,Good News

Feelgood at work, denn Lebenszeit ist Arbeitszeit

Immer mehr Menschen stellen sich die Sinnfrage im Job. Warum es an den Unternehmen liegt, ihnen Antworten zu ermöglichen und wie ihnen Feelgood Management dabei helfen kann.

Während wir uns auf die aktuelle Situation konzentrieren und versuchen, das Beste daraus zu machen, gilt es gleichzeitig, im Sinne der Zukunft nachhaltig und weitblickend zu agieren. Bei diesem Spagat zwischen zwei Extremen ist Ambidextrie nahezu unabdingbar – und zugleich unbequem, weil ungewohnt bzw. fremd. Der Begriff setzt sich aus dem lateinischen „ambo“ für „beide“ und „dextra“ für „geschickt“ zusammen. An sich handelt es sich also um Beidhändigkeit und somit die Fähigkeit, die rechte und die linke Hand gleich gut benutzen zu können. Und das können nur die wenigsten – nicht nur, weil wir (anderen) es nicht können, als vielmehr, weil wir es nie können mussten.
Im Managementbereich ist der Begriff seit einigen Jahrzehnten angekommen. Oder sagen wir so: Zumindest wurde er als „organisationale Ambidextrie“ bereits 1976 vom US-amerikanischen Organisationsdesigner Robert B. Duncan erstmals ins Spiel gebracht. Demnach ist es für Unternehmen entscheidend, sowohl Neues zu erkunden und zu erforschen (Exploration) als auch Bestehendes auszunutzen und zu optimieren (Exploitation). Organisationen müssen somit im Sinne der Ambidextrie zugleich effizient und flexibel sein – oder, wie Jan-Erik Baars sagen würde, eine Entwurfs- und Exzellenzkultur leben.

Die Welt löst sich auf

Inwiefern das in den Unternehmen tatsächlich der Fall ist, steht freilich auf einem anderen Blatt geschrieben und soll an dieser Stelle gar nicht weiter erörtert werden. Auch weil es ohnehin viel zu klein gedacht ist. Schließlich besteht das Leben erstens nicht nur aus Arbeit und zweitens findet Wandel genauso rasch und umfassend im privaten Alltag wie im wirtschaftlichen Umfeld statt. Wenn wir also mit dieser sich so rasch verändernden Welt Schritt halten wollen, müssten wir eigentlich von klein auf im übertragenen Sinn beidhändig unterwegs sein und langfristig zu einer „ambidextrischen“ Gesellschaft werden.
Bislang war das jedoch nicht nötig. Denn in der linear und industriell geprägten Welt war Beidhändigkeit nebensächlich. Der Laden lief und wir konnten der Zukunft mit Verbesserungen à la „Jetzt noch besser…“ begegnen. Nun sorgen Digitalisierung, Globalisierung und vor allem eine immer noch größere Veränderungsdynamik dafür, dass Produkte und Dienstleistungen obsolet werden. Ganze Branchen und Märkte lösen sich quasi vor unseren Augen auf. Die Form der bisherigen Produktentwicklung und die Art, wie wir Innovation betrieben haben, funktionieren nicht mehr. Unser Handeln greift zu kurz und das „alte Denken“ kann mit dieser Kurzfristigkeit und Schnelllebigkeit nicht umgehen. Dabei wird das Wechselspiel zwischen dem Rational-Wirtschaftlichen, das auf Fakten, Studien und Erfahrungen beruht, und dem Kreativ-Emotionalen, also dem Gestalterischen und Anwendbaren, immer wichtiger.

Ambidextrie macht Schule

Ambidextrie ist übrigens kein fertiges Konstrukt, das einmal erlernt, in jeder Lebenslage angewendet werden kann. Vielmehr handelt es sich um eine Fähigkeit, die sich aus einem Mindset im Sinne eines offenen Zugangs kontinuierlich weiterentwickelt. Es ist eine Art Kulturtechnik, die sich nur dann entfalten kann, wenn es dafür auch passenden Rahmenbedingungen gibt. Und das fängt, wie so oft, bereits im Bildungsbereich an bzw. sollte es dort anfangen. Denn bis dato haben wir es ebendort nach wie vor mit Strukturen zu tun, die aus einem industriell geprägten Zeitalter stammen. Diese gilt es aufzubrechen und Kinder, Jugendliche sowie junge Erwachsene vollumfänglich mit der Beidhändigkeit vertraut zu machen. Wir sollten schon in jungen Jahren lernen, die Dinge auf einer wissens- und faktenbasierten Ebene anzugehen und zugleich kreativ in die Vollen des Anwendbaren zu gehen. Denn wir können nicht wie bisher zuerst das eine und dann das andere machen. Wir müssen unser Tun tatsächlich in den Parallelbetrieb bringen. Da uns diese Fähigkeit aber nicht in die Wiege gelegt wurde, sollten wir geistes- und naturwissenschaftliche Ausbildungen um kreative Komponenten ergänzen. Wir müssen über den fachlichen Tellerrand schauen und Inter- bzw. noch besser Multidisziplinarität fördern, das eine mit dem anderen abgleichen und in Verbindung setzen. Wir können nicht auf Knopfdruck kreativ sein – schon gar nicht, wenn es einem in der Schule abgewöhnt wird.

 

Was, wenn die nächsten Generationen lernen würden, dass eben nicht nur Disziplin, Ordnung und Wissen erforderlich sind, sondern auch Neugier, Mut und Kreativität in Kombination die Lösungen für eine Welt von Morgen aufzeigen? Was, wenn wir es uns angewöhnen bzw. nie abgewöhnen würden, neugierig an die Dinge heranzugehen, das eigene Tun gegebenenfalls zu korrigieren, um daraufhin erneut Mut zu fassen und immer wieder aufs Neue zu üben und anzuwenden? Was bräuchte es, damit das Bildungssystem nicht mehr der schleichende Tod der Kreativität ist?

New Business

Auch in Unternehmen brauchen wir Rahmenbedingungen, die weit über Kreativ-Workshops, Cross-Thinking, Canvas-Modelle, Innovation Circles oder Breakout-Rooms hinausgehen. Geschäftsführung, Führungskräfte und Mitarbeiter sollten die beiden Seiten der Ambidextrie-Medaille nicht nur verstehen, sie müssen sie beherrschen. So gilt es, Teams zu formen und ein Mindset zu schaffen, das gleichzeitiges Handeln und Denken verinnerlicht hat. Dass bei einer derart neuen Innovationskultur hierarchische Strukturen aus industriellen Zeiten fehl am Platz sind, versteht sich von selbst. Erst wenn Hierarchien beseitigt sind, wird jeder Einzelne danach streben, Produkte und Dienstleistungen nicht nur zu optimieren, sondern sie gänzlich neu zu denken. Tradition und Innovation müssen tatsächlich Hand in Hand gehen und nicht nur als Werbeslogan nach außen getragen werden. Wir haben keine Zeit mehr, die Dinge nur ein Stückweit zu verbessern.

Wenn es um die Zukunft geht, haben wir es seit geraumer Zeit mit einer Welt des „sowohl-als auch“ zu tun. Soll heißen: Es gibt nicht mehr die eine richtige Entscheidung, sondern immer eine Vielzahl anderer Möglichkeiten. Die Dinge gestalten sich als Wechselspiel, verflüssigen sich regelrecht und entwickeln sich gerade dadurch weiter. Das Leben mit all seinen Facetten wird zum Prozess, bei dem sich alles gegenseitig beeinflusst und ineinander übergeht.

Je mehr wir die Liquidität der Dinge und Fähigkeiten akzeptieren und sie anwenden können, umso leichter wird es uns fallen, zwei vermeintlich gegensätzliche Pole wie Handeln und Denken, Gegenwart und Zukunft in Einklang zu bringen. Wenn wir das schaffen, wird sich auch der Bruch zwischen dem Heute und Morgen auflösen. Dann werden wir uns nicht mehr im gegenwärtigen Leben verlieren und einen Disconnect zur Zukunft verspüren. Vielmehr wird es ein Leichtes sein, uns um aktuelle Bedürfnisse zu kümmern und uns gleichzeitig fit für die Zukunft zu machen.

Beidhändig nach den Sternen greifen

Es ist unsere Aufgabe als Gesellschaft, Ambidextrie zu einer Kulturtechnik zu machen, sodass jeder einzelne einen unbändigen Willen verspürt, das Bestehende zu verbessern und zugleich grundlegend Neues zu gestalten. Werden wir hier und heute konkret, während wir wissenschaftlich und abstrakt über die Welt von morgen nachdenken. Lassen wir Technologie und Ästhetik ineinanderfließen. Denken und machen wir die Welt neu und begeben wir uns dabei ruhig mal ins Hamsterrad – nicht um uns auszupowern, sondern um zu merken, dass wir der Zukunft gar nicht entkommen können. Hören wir auf, Workshops zu veranstalten. Kümmern wir uns vielmehr um einen neuen Workflow. Trauen wir uns, Fehler zu machen, um im selben Moment aus ihnen zu lernen und die Dinge sogleich komplett neu zu denken und anzugehen. Das Einzige, was wir falsch machen können, ist nur das eine oder das andere zu machen – oder noch schlimmer gar nichts zu machen. Also packen wir die Welt heute an, um morgen schon beidhändig nach den Sternen gegriffen zu haben.

 

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit Holger Bramsiepe, Zukunftsgestalter bei der Future Design Akademie sowie Managing Partner der Generationdesign GmbH in Wuppertal.

 

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Ambidextrie: Beidhändig in die Zukunft

Wir leben in einer Welt, die sich immer schneller verändert. Folglich müssen wir mindestens eine ebensolche Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an den Tag legen – als Individuum genauso wie als Organisation oder Gesellschaft. Warum und wie wir uns dabei einer Art Beidhändigkeit bedienen sollten.

Mit dem Dokumentarfilm „Die Zukunft ist besser als ihr Ruf“ habt ihr 2017 ein positives Bild der Zukunft gezeichnet, während ansonsten schon damals gefühlt nur von Krisen gesprochen wurde. Hat sich deine Sicht auf die Zukunft durch diesen Film verändert?
Produzent Michael Kitzberger wollte Menschen vor die Kamera holen, die sich gesellschaftlich engagieren, die einer eigenen Überzeugung folgen und Dinge angehen, die nicht nur für sie selbst, sondern auch für ihre Umwelt wichtig sind. Menschen, die durch ihr Tun Hoffnung geben, Mut machen und inspirieren. In der Schnittphase haben wir nochmals über den Titel nachgedacht. Und zufällig bin ich beim Theater in der Josefstadt über den Satz „Die Zukunft ist besser als ihr Ruf“ gestolpert. Das ganze Team war sich einig, dass das der richtige Titel ist, schließlich setzen sich alle Protagonisten für eine Zukunft ein, die ihnen lebenswert, menschlich nahbar und ökologisch sinnvoll erscheint. Der Film ermöglicht eine Art des Innehaltens, bietet eine kurze Irritation inmitten des ganzen „schlecht Redens“, sodass die Zuschauer hinterfragen können, was sie selbst über die Zukunft glauben und wie diese sein könnte. Auch ich frage mich oft: Was kann ich selbst beitragen, damit die Zukunft besser wird als ihr Ruf? Was braucht es, damit Menschen Handlungen setzen und ihre eigenen Potenziale ausloten im Hinblick auf das, was möglich ist? Und: Sind diejenigen, die glauben, einen neuen Weg gefunden zu haben, offen genug, in weiterer Folge möglicherweise etwas wieder zu integrieren, was man zuvor weggeschoben hat?

In vielen Dingen braucht es sicherlich eine gewisse Radikalität, damit bestehende Dinge überhaupt aufbrechen können, aber eben auch den kritischen Diskurs im Anschluss.
Ja, die Fähigkeit, in der eigenen Bubble etwas Neues, etwas Anderes auszuprobieren. Aber eben auch etwa im zwischenmenschlichen Dialog herauszufinden, was nicht funktioniert, was man wieder bzw. noch ändern sollte usw. – das ist ein anspruchsvoller Prozess. Ich durfte sehr früh miterleben, was es heißt, neue Weg zu gehen, von denen viele sagten: Das geht doch nicht Und es hat mich sehr geprägt, als Teil einer Gruppe von Pionieren aufgewachsen zu sein. (Teresas Vater hat 1990 in Herzogenburg eine alternative Schule gegründet – heute Lernwerkstatt im Wasserschloss in Pottenbrunn, Niederösterreich; Anm.)

Hast du vielleicht aus diesem Grund den Beruf der Filmemacherin gewählt, bei dem du viel gestalten kannst?
Es war weniger eine bewusste Entscheidung, als vielmehr ein innerer Ruf. Irgendwann hatte ich die Klarheit, dass das mein Platz ist. Ich denke mir gerne neue Sachen aus. Da kommt es mir sehr zugute, dass ich das als Künstlerin auch umsetzen kann. Wobei die frühe Prägung sicherlich eine Rolle gespielt hat, denn selbst wenn alle sagen, dass etwas nicht geht, kann es trotzdem funktionieren. Anfangs habe ich diesen Glauben an die Möglichkeit des Gestaltens vielleicht mit einer gewissen Naivität weitergetragen und musste auch feststellen, wo die Grenzen aus der individuellen Position heraus liegen.

Mittlerweile aber machst Du Filme, die motivieren. Die meisten Dokumentarfilme hingegen zeichnen dystopische Zukunftsbilder.  
Nun, Dokumentarfilme beschäftigen sich mit der Realität und haben durchaus die Aufgabe, Missstände aufzuzeigen. Allerdings bleibt dann am Ende oft das Gefühl, alles läuft schief und man selbst kann nichts dagegen tun. Doch man kann sich als Filmemacher auch bewusst entscheiden, nicht nur Probleme aufzudecken, sondern sich außerdem auf die Suche nach möglichen Antworten und Lösungen zu begeben. In „Die Zukunft ist besser als ihr Ruf“ waren das eben Menschen, die für sich selbst Wege gefunden haben und dadurch vielleicht Zuschauer inspirieren. Es ist ohnedies meine Hoffnung, dass einzelne Menschen erkennen, was ihre Aufgabe ist und wie sie diese wahrnehmen und Rahmenbedingungen schaffen können, sodass ihr Umfeld reagiert.
Wenn ich das große Ganze betrachte und mir überlege, wo es hinauslaufen kann, werde ich auch dystopisch. Schau ich mir aber an, was ich selbst tun und wie ich konstruktiv beitragen kann, komme ich in eine lösungsorientierte Denkweise und in meine kreative Energie. Auch wenn ich mich dabei vielleicht auf das beschränke, was in meiner Macht liegt.

Ich bin ja der Meinung, dass wir ohnehin nur den eigenen Machtkreis beeinflussen können. Oder sagen wir so: Ich kann andere nicht verändern. Doch ich kann sie durch mein Tun ermutigen.
Ja. Manchmal aber braucht mehr als nur meinen Beitrag. Dann muss ich akzeptieren, dass ich nur für mein eigenes Leben verantwortlich bin und nur mir selbst gegenüber Rechenschaft ablegen muss. Wenn ich an all die tollen Menschen denke, die alles gegeben und viel bewegt haben und trotzdem gestorben sind, ohne dass sie die Probleme, mit denen sie sich beschäftigt haben, lösen konnten, macht mich das einerseits traurig. Denn es zeigt, wie starr unsere Welt ist und wie langsam Veränderungen stattfinden. Andererseits hat es mich zu dem Punkt gebracht, dass ich das Leben, das mir gegeben wurde, sinnvoll nutzen, es aber auch leben möchte. Soll heißen: Wenn ich mich nur mit dem Negativen beschäftige, verpasse ich mitunter die vielen schönen und guten Dinge.

Da bin ich voll bei Dir. Zumal nicht nur schlechte Dinge passieren. Sie sind nur „lauter“ als all das Positive, das Mut und Lust auf Zukunft machen kann – wie ja „Die Zukunft ist besser als ihr Ruf“ zeigt. Weißt Du, ob der Film etwas ausgelöst hat?
Ich hoffe und denke schon. Leider erfahre ich das in den seltensten Fällen – und wenn nur zufällig. So habe ich zum Beispiel bei einer Party jemanden getroffen, der mir erzählt hat, dass er, nachdem er den Film gesehen hat, eine WhatsApp-Gruppe gegründet hat, in der die Mitglieder darüber informieren, wenn sie irgendwohin fahren, wo es gute Lebensmittel gibt. Ein anderes Beispiel ist ein Straßenfest, das jemand vor allem für die vielen „Zuagrasten“ während der Lockdowns organisiert hat, nachdem er „Rettet das Dorf“ gesehen hat (in dem 2020 erschienenen Dokumentarfilm zeigt Teresa neue Perspektiven sowie Potenziale auf und erzählt von Menschen, die mit ihren Ideen zu einer Entwicklung beitragen, die das Dorf weiterleben lässt; Anm.).

Welche Möglichkeiten gibt es denn, damit Filme mehr Wellen schlagen? Du machst unter anderem Filmbesprechungen im Anschluss.
Ja. Filmbesprechungen bieten tolle Gelegenheiten und es war und ist mir ein großes Anliegen neben den üblichen Fragen zum Film einen Raum zu bieten, wo die Menschen Dinge aussprechen können, die später eventuell aufgegriffen und weiterverfolgt werden. Dabei ist schon die Tatsache, dass man Filme physisch live an einem Ort anschaut, eine große Qualität des Kinofilms. Schaut man Filme nur mehr zuhause an, lässt man sich gewissermaßen die Chance entgehen, mit Gleichgesinnten zusammenzukommen, zu sehen, wen dieser Film in der eigenen Umgebung auch anspricht und möglicherweise im Anschluss ins Gespräch zu kommen.

Womit wir wieder beim kritischen Diskurs sind. Danke Dir, Teresa, dass wir hier einen solchen führen und vielleicht auch Mut und Lust auf Zukunft machen und inspirieren konnten.

 

Teresa Distelberger (© NGF)

Zur Person: Teresa Distelberger

… ist Filmemacherin mit Fokus auf Kurz- und Dokumentarfilme. 2017 kam der mit der ROMY 2018 als „Beste Kino-Doku“ ausgezeichnete Film „Die Zukunft ist besser als ihr Ruf“ in die Kinos, den sie gemeinsam mit Niko Mayr, Gabi Schweiger und Nicole Scherg realisierte. 2020 folgte mit „Rettet das Dorf“ (2020) der erste Langdokumentarfilm, den die Wahl-Wienerin als alleinige Regisseurin verantwortete. In Performances, Installationen und dialogische Kunsträume beschäftigt sich die Künstlerin außerdem mit ländlichen Traditionen, urbanen und globalen Lebenswelten, Gedenkkultur und einer vielschichtigen Interpretation des kontroversen Heimatbegriffs.
www.artofco.com

 

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Gestaltbarkeit,Im Gespräch mit...

Wenn wir im Film der Zukunft begegnen…

Filmemacherin Teresa Distelberger durfte schon als Kind erfahren, dass die Zukunft mehr Potenzial bietet, als man ihr zugesteht. Ein Gespräch über Gestaltungsmöglichkeiten des (künstlerischen) Tuns, warum Dokumentarfilme nicht dystopisch sein müssen und wieso wir sie im Kino anschauen sollten.