Plattform für verantwortungsvolle und mutige Zukunftslobbyisten

Ja, woran orientieren wir uns? Oder anders gefragt: Was bietet überhaupt noch Orientierung – nicht nur, aber vor allem in Zeiten wie diesen? Wobei mit Letzterem gar nicht mal so sehr die Corona-Pandemie gemeint ist, sondern eher die Tatsache, dass Veränderungen vermehrt in Echt-Zeit stattfinden. Noch bevor wir uns an etwas Neues gewöhnt haben, steht bereits der nächste Wandel an. Das war längst vor Corona der Fall. Allerdings hat uns diese Krise in gewisser Weise ins eiskalte Wasser der hyperschnellen Veränderungen geschmissen. So hat sich in den letzten beiden Jahren so gut wie jeder von uns in irgendeiner Art und Weise verändert – ob beruflich oder privat, ob gewollt oder gezwungenermaßen. Auch das war schon immer so, nicht zuletzt, weil wir uns stetig weiterentwickeln – zumindest die meisten von uns. Und doch ist es jetzt anders. Zum einen, weil es uns zum Teil eben von außen, um nicht zu sagen „von oben“ auferlegt wurde. Zum anderen wurde vielen von uns wohl erst jetzt klar, wie unglaublich schnelle sich unsere Welt verändert.

Planen war gestern

Wir sind es gewohnt zu planen: seien es die Termine der kommenden Woche, sei es der nächste Urlaub, seien es Hausbau oder Wohnungskauf, die Anschaffung eines neuen Autos oder (E-)Bikes – whatever. Und viele von uns sind in Zeiten aufgewachsen, in denen man solche Dinge auch noch planen konnte, in denen einem der vorgegeben Weg – Ausbildung, Job, Familiengründung, Hausbau, Pension – eine Form der Sicherheit und, ja, auch Orientierung gegeben hat. Ob man diesen Weg schlussendlich genauso gegangen ist, ist freilich eine andere Frage. Allein: Wir konnten zumindest derart langfristige Pläne schmieden. Heute scheint das nahezu sinnlos zu sein – schlichtweg, weil es an sich unmöglich ist. Und die letzten beiden Jahre haben uns in der Hinsicht regelrecht vorgeführt. Manch einer versucht nach wie vor zu planen. Andere haben mittlerweile damit aufgehört, weil es am Ende des Tages eben doch keinen Sinn ergibt, wenn morgen ohnehin wieder alles anders ist. Die derzeitige Situation ist durchaus mit einer Fahrt bei schlechter Sicht zu vergleichen. Wenn Nebelschwaden aufziehen, bräuchte man Anhaltspunkte wie die weißen Halbkreise, die man am Rande des Autobahnstreifens sieht und die einem Aufschluss darüber geben sollen, wie schnell man bei Nebel fahren sollte. Den dritten der im Abstand von jeweils 33 Meter hintereinander aufgemalten Halbkreise sehen wir schon lange nicht mehr. Den zweiten glaubt man noch ausmachen zu können. Doch wenn wir ehrlich sind, können wir nur noch den ersten Halbkreis erkennen – und manchmal bereitet sogar das Schwierigkeiten.

Kein Durchgang (© Christiane Mähr)

Vorhersage für Morgen: Nebel

Sollen wir also auf die Bremse steigen und unvermittelt stehen bleiben? Was würde passieren, würden wir es tatsächlich tun? Wenn nicht auch alle anderen so denken, hätte die eigene Vollbremsung einen Riesencrash mit erheblichen Aus- und Nachwirkungen zur Folge. Sollten die anderen ebenfalls vom Gas gehen, hätten wir es mit einem Stillstand zu tun, bei dem nicht absehbar ist, wann es wieder weitergeht. Denn wer weiß schon, wann sich die Nebelschwaden wieder lichten werden – wenn überhaupt. Genauso wenig wird sich die Welt, in der wir leben, langsamer verändern. Vielmehr wird sie sich immer öfter, wenn nicht sogar durchgehend in einem nebulösen, sprich für uns unklaren und mitunter rätselhaften Zustand präsentieren. Umgelegt auf unsere Zeit könnte man sagen: Wir befinden uns tagtäglich am Rande einer Nebelzone. Orientierung: Fehlanzeige. Dabei repräsentiert der erste halbkreisförmige Nebelpunkt das Heute, der zweite das Morgen und der dritte das Übermorgen. Die Zukunft ist somit eine unbekannte, nicht greifbare und gewissermaßen schleierhafte Zeitzone. Trotzdem oder gerade deshalb sollten wir lernen, mit ihr umzugehen und sie im Heute nach unseren Vorstellungen zu formen. Müssen wir dafür „auf Sicht fahren“? Ja und nein. Ja, wenn darunter verstanden wird, dass Zukunft die Folge der Entscheidungen ist, die wir heute treffen. Insofern macht es nämlich sehr wohl Sinn, uns auf das heute Sichtbare zu konzentrieren, ins Tun zu kommen und alles in die Wege zu leiten, um Morgen und Übermorgen erfolgreich zu sein. Wer beim Fahren auf Sicht jedoch darauf abzielt, immer und überall auf Nummer Sicher zu gehen, muss sich über zwei Dinge im Klaren sein: Erstens ist das nicht möglich und zweitens bringt es uns keinen Schritt weiter.

Wertvolle Zukunftsvisionen

Einmal mehr stellt sich somit die Frage: Was gibt uns in derart nebligen Zeiten Orientierung? Gesellschaftliche Strukturen, Gegebenheiten des Marktes, Wirtschaftsdaten, Politik oder andere äußere Faktoren können wohl schwerlich dafür herhalten. Und zwar nicht nur weil wir diese nicht direkt beeinflussen können, sondern insbesondere, weil sie sich in unserer schnelllebigen Zeit als zu instabil und nicht vertrauenswürdig erwiesen haben, als dass sie konstante Parameter sein könnten. Megatrends bilden ab, wie sich Gesellschaften auf unterschiedlichen Ebenen (höchstwahrscheinlich) entwickeln werden und können damit durchaus als wertvolle Hilfestellungen betrachtet werden. Sie sind – wie die Bezeichnung Megatrend vermuten lässt – groß, zum Teil schwer fassbar und langsam, wobei Letzteres auch so sein soll. Insofern können sie dem Einzelnen bei seinen persönlichen Entscheidungen im Hier und Heute Orientierung bieten. Konkrete Lösungen, Ziele oder Visionen aber geben sie keine – das wollen sie gar nicht.

Der deutsche Aktionskünstler Joseph Beuys hat einmal gesagt: „Die Zukunft, die wir uns wünschen, muss erfunden werden. Sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen.“ Oder um Pippi Langstrumpf zu zitieren: „Ich mach‘ mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt.“

Mit anderen Worten: Es liegt an uns selbst, Lösungen für das Morgen zu finden, denn wer nicht weiß, was und wohin er möchte, verhindert Veränderung und (Weiter-)Entwicklung. Wer im Nebel navigieren, zu den Sternen greifen und somit ins Tun kommen möchte, braucht Visionen. Untermauert werden diese durch Werte: Was braucht es, um die eigene Vision zu erfüllen? Worin möchte man Zeit und Energie investieren? Was bereitet Freude? Was ist wirklich wichtig, wenn es darum geht, Zukunft neu zu denken und das Morgen nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten – und zwar nachhaltig. Letzteres ist entscheidend, denn bei all der Konzentration auf die eigenen Visionen und Werte ist es unsere Pflicht als Individuum, als Unternehmen, Organisation oder Institution – kurz als Gesellschaft die Zukunft derart zu denken, zu planen und zu gestalten, dass sie für einen jeden von uns lebenswert bleibt.

Zukunftsrichtung (© Christiane Mähr)

Learning by doing par excellence

Visionen sind Möglichkeitsräume von morgen, Werte die dafür nötigen Triebfedern. Und beide zusammen geben Orientierung. Dass wir dabei dennoch flexibel bleiben müssen, haben uns die letzten beiden Jahre verdeutlicht. Corona hat uns irrsinnig viel abverlangt und tut es zum Teil nach wie vor. Trotzdem kann es auch als Spielwiese der Flexibilität betrachtet werden. Wann, wenn nicht jetzt, sollten wir anfangen, unsere Zukunft neu zu denken? Fakt ist: Herumsitzen und Warten bringt uns nicht weiter. Wir wissen nicht, wann diese Krise zu Ende sein, wie sich dieses Ende überhaupt zeigen und was danach sein wird. Was aber würde es ändern, wenn wir wüssten, dass die Pandemie morgen oder erst in x Jahren für beendet erklärt wird – sofern es überhaupt ein eindeutiges Ende geben wird? Auf all diese Fragen gibt es keine Antworten – nicht wegen Corona, sondern weil niemand die Zukunft vorhersagen kann. Wir werden nie wissen, was morgen und übermorgen passiert. In gewisser Weise befinden wir uns in einem Zustand des perfekten Umbruchs, der uns gleichzeitig mehr denn je die große Chance bietet, die eigene Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Und dafür brauchen wir keine Zukunftstrends oder sonstige Vorhersagen. Vielmehr gilt es, die Möglichkeiten zu sehen, die sich vor uns auftun. Es geht darum, den gedanklichen Trendbildern einen richtigen Raum zu geben und ins Tun zu kommen. Orientieren, Positionieren und Navigieren in unbekannten Zukunftsgefilden beginnt im Kopf. Der erste Schritt besteht darin, sich die richtigen Fragen zu stellen. Also auf was warten wir noch?

 

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weiter neu denken

Im Kreuzworträtsel hat das Vertrauen in die Zukunft acht, manchmal zehn Buchstaben. Im echten Leben benötigen wir dafür wesentlich mehr Buchstaben. Und immer öfter fehlen uns die Worte, wenn es darum geht, vertrauensvoll in die Welt von morgen zu schauen. Das zeigte etwa eine im Frühjahr 2022 vom SORA-Institut durchgeführte Umfrage unter rund 24.000 jungen Österreichern zwischen 16 und 25 Jahren. Diese nämlich ergab, dass es nicht gerade zum Besten steht mit dem Vertrauen in die Zukunft. Vor allem der Krieg in der Ukraine (84 %) bereitet der Generation Z Sorgen, aber auch der Klimawandel (67 %), die immer breiter werdende Schere zwischen Arm und Reich (59 %) sowie Pandemie und Wirtschaftskrise (jeweils 55 %). Dass dabei nur wenig Vertrauen in die Zukunft aufkommt, habe laut Umfrage insbesondere damit zu tun, dass wir bei den großen Zukunftsthemen – von der zunehmenden ökonomischen Ungleichheit über den Klimawandel bis hin zur Pflegeproblematik, Energiewende und Bildung – schlecht unterwegs sind. Wobei mit „wir“ eigentlich die Politik gemeint ist, denn diese handle schon seit Jahren zu kurzfristig und zu populistisch, sind 88 % der Befragten überzeugt.
Dass auch andere Generationen – ob Y, X, Babyboomer oder wie sie sonst noch so heißen – eher misstrauisch in Richtung Zukunft schielen, bedarf wohl keiner weiteren Umfragen. Doch wäre es zu kurz gedacht, den politischen Entscheidungsträgern den schwarzen Peter zuzuschieben, sich zurückzulehnen und abwartend Däumchen zu drehen. Zum einen, weil es nicht so ausschaut, als würde sich die Politik alsbald und voller Tatendrang um die anstehenden Herausforderungen bemühen. Und zum anderen ist es nicht nur Aufgabe der Politik, sich um Lösungen für die aktuellen Probleme zu bemühen. Dessen sind sich die Jungen übrigens durchaus bewusst: So sind 71 % der Meinung, dass wir alle unseren Lebensstil verändern müssen, um beispielsweise den Klimawandel zu bekämpfen.

Es liegt an uns selbst

Dass wir das Ruder selbst herumreißen, Verantwortung übernehmen und mutig (voran)gehen können, stimmt positiv – zumindest mich. Eine entscheidende Rolle spielt dabei allerdings das Vertrauen. Dieses sorgt nämlich unter anderem dafür, dass wir uns wohlfühlen und zuversichtlich sind. Was aber, wenn man sich eben hinsichtlich der Zukunft mit dem Vertrauen schwertut? Wie soll man Zuversicht schöpfen, wenn einen nur mehr Sorgen und Ängste plagen? Wie soll man sich wohlfühlen, wenn sich alles nur noch schlecht anfühlt?
Was das Wohlbefinden angeht, sollten wir wissen, dass dieses weniger mit dem zusammenhängt, was kommt, als vielmehr mit dem, was ist und was war – also mit den aktuellen Erlebnissen sowie mit unseren Erinnerungen. In seinem Weltbestseller „Thinking, Fast and Slow“ beschreibt der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahnemann unter anderem das Konzept der zwei Selbste: So haben wir ein erlebendes Selbst, das sich andauernd mit der Frage beschäftigt: „Fühle ich mich gerade wohl oder tut es weh?“ und zugleich ein erinnerndes Selbst, dass die Frage beantwortet: „Wie war es im Großen und Ganzen?“ Kahnemann ist mittlerweile davon überzeugt, dass das eigene Wohlbefinden nicht nur damit zu tun hat, wie es uns mit dem, was wir gerade erleben, geht, sondern dass wir immer auch Urteile und Bewertungen über das bereits Erlebte einfließen lassen. Oder um es mit seinen Worten zu sagen:

„Wir müssen uns mit der Komplexität einer hybriden Sichtweise abfinden, bei der das Wohlbefinden beider Selbste berücksichtigt wird.“

Gehe ich nun davon aus, dass mein Wohlbefinden in der Zukunft sowohl davon abhängt, was ich in Zukunft erleben werde, als auch davon, was ich in der Vergangenheit erlebt habe, dann sollten wir doch alles daransetzen, heute schon positive Erinnerungen zu schaffen, sodass wir morgen eine Welt haben, in der wir uns wohlfühlen können.

Vertrauen lernen

Soweit so gut. Um das Vertrauen in die Zukunft steht es trotzdem noch nicht besser bestellt? Das mag daran liegen, dass wir in die Zukunft gar nicht vertrauen können. Nicht, weil sie sich chaotisch, alles andere als planbar und sicher präsentiert, uns im Gegenteil Rätsel aufgibt und die eine oder andere Sorgenfalte beschert. Das ist eine Tatsache, die wir akzeptieren und mit der wir leben müssen. Der Grund, warum wir der Zukunft nicht vertrauen können, ist, dass Vertrauen immer mit Menschen zu tun hat – mit uns selbst und mit unseren Mitmenschen, vom engsten Familienkreis über entfernt Bekannte bis hin zur Gesellschaft generell. Sowohl das Selbst- als auch das Vertrauen gegenüber anderen ist eng mit Erfahrungswerten verbunden. So haben wir beispielsweise schon früh gelernt, ob wir auf uns selbst und unseren Fähigkeiten und/oder auf andere Menschen bauen können. Vertrauen ist folglich eine erlernte Entscheidung. Und das ist gut, denn somit liegt es erstens an uns, ob wir vertrauen oder nicht. Und zweitens können wir es wieder lernen – sofern uns das Vertrauen abhandengekommen ist.

Hoffnungsvoll ins Morgen

Wenn wir vom Vertrauen in die Zukunft sprechen, geht es also darum, den eigenen Fähigkeiten als auch anderen Menschen zu vertrauen und darauf, dass man gemeinsam den Weg meistern wird. Es gilt, (wieder) Zuversicht zu erlangen und sich beim Gedanken an die Welt von morgen wohl zu fühlen. Das lässt die Hoffnung auf eine gute Zukunft immer noch nicht wachsen, schließlich – so das allgemeine „Totschlagargument“ – weiß niemand, was kommen wird. Befasst man sich aber genauer mit dem Thema Vertrauen, schaut die Sache anders aus.
Der deutsche Philosoph und Soziologe Georg Simmel (1858-1918) beschrieb Vertrauen als einen Zustand zwischen Wissen und Nichtwissen, eine „Hypothese künftigen Verhaltens“, auf die wir konkretes Handeln gründen. Wer vertraut, geht also bewusst und im guten Glauben davon aus, dass man selbst und/oder die Mitmenschen sich so oder so verhalten und dass sich in der Folge eine Sache so entwickelt, wie es versprochen wurde oder wie man es erhofft hat. Ob diese dann tatsächlich so eintritt, ist eine andere Sache und für den ersten vertrauensvollen Schritt gar nicht entscheidend. Viel wichtiger ist, dass wir Vertrauen als ein reißfestes Band begreifen, an dem wir uns auf dem Weg ins Neue, Unbekannte – oder eben in die Zukunft – anhalten und orientieren können, sogar dann, wenn Umstände (noch) unsicher erscheinen. Genauso aber sollten wir uns auch darüber im Klaren sein, dass sich Vertrauen ungeheuer schnell und durch kleinste Dinge zerstören lässt.

Was und wen bringst du mit?

Inwiefern wir anderen Menschen vertrauen (können), ist freilich so eine Sache. Doch uns selbst können oder vielmehr müssen wir auf jeden Fall vertrauen. Mit Blick in die Zukunft bedeutet das, sich seiner Fähigkeiten und Begabungen, seiner Charaktereigenschaften, seiner Werte und Haltungen bewusst zu werden. Diese sind sozusagen die Werkzeuge, die uns helfen, Situationen im Jetzt, aber auch im Morgen zu meistern und anstehende Aufgaben zu lösen.
Also: Über welche Fähigkeiten und Kompetenzen verfügst du? Was kannst du gut? Was kannst du, was viele andere nicht (so gut) können? Welche Kenntnisse und Leidenschaften treiben dich an? Worüber möchtest du immer mehr wissen? Was weckt deine Neugier, deinen Wissensdrang? Womit beschäftigst du dich intensiv – mehr als die meisten Menschen? Welche Werte vertrittst du? Welche Werte sind dir wichtig? Was gibt deinem Leben Sinn und Richtung? Welche Stärke macht dich aus, für welche Tugend stehst du, welche besondere Eigenschaft verkörperst du?
Neben all dem, was wir selbst mitbringen, kommt es auf Beziehungen, auf Gruppen und Gemeinschaften an, denen wir angehören. Womit wir wieder bei den Mitmenschen wären. Denn Tatsache ist: Gemeinsam können wir besser für unsere Interessen eintreten, uns gegenseitig motivieren und uns durch gegenseitiges Vertrauen stärken. Spätestens dann kennen wir des (Kreuzwort-)Rätsels Lösung und wissen, dass „Vertrauen in die Zukunft“ Hoffnung oder Zuversicht oder noch besser beides zusammen bedeutet.

 

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Christiane Mähr,Featured,Vertrauen

Vertrauen wir uns mal selbst – dann der Zukunft

Warum wir gar nicht in die Zukunft vertrauen können, was das mit Ängsten und Sorgen, Erinnerungen und Erlebnissen zu tun hat und warum wir es selbst in der Hand haben, mutig in die Zukunft zu gehen und dabei andere an der Hand nehmen sollten.

Dein neues Buch heißt „Medizin verändern“. Sollten sich nicht auch die Menschen verändern – im Sinne von „Gesundheit neu denken“ und Eigenverantwortung übernehmen?
Ich habe ja schon vor Jahren „Den kleinen Medicus“ bewusst als Abenteuergeschichte geschrieben – in dem Verständnis, dass jeder von uns ein kleiner Medicus, eine kleine Medica ist. Und es ist mein grundsätzlicher Ansatz, dass wir Menschen als Patienten diejenigen sind, die am besten wissen, wo der Schuh drückt, was uns die Beine wegzieht, was uns Magenschmerzen bereitet, was uns Angst macht. Ärzte und Therapeuten sind Gehilfen, Medikamente, Operationen und medizinische Geräte sind Hilfsmittel. Medizin verändern bedeutet also einerseits das System zu verändern. Andererseits sind wir das eben selbst und so braucht es Selbstwahrnehmung, Selbstgestaltung und Offenheit gegenüber anderen Menschen, aber auch dem System gegenüber. Wir Menschen sind somit mittendrin in der Medizin und Teil eines Systems, das wir mitgestalten. Wir nehmen es allerdings nicht so wahr.

Und leider geben viele die Verantwortung ab, sobald sie eine Praxis, ein Krankenhaus betreten.
Ja, wir „hängen“ uns sozusagen „an der Garderobe ab“. Wir glauben sogar, dass eine Vorsorgemedizin, die Prävention, in unserer medizinischen Versorgung und den Gesundheitssystemen weltweit bereits praktiziert wird, weil es immer wieder Tenor von politischen Ankündigungen ist. Wenn man allerdings schaut, welche medizinischen Systeme vorsorgend arbeiten, muss man ganz weit zurückgehen und landet etwa bei den alten Chinesen. Dort wurde ein guter Arzt dafür bezahlt, Krankheiten zu verhindern, ein schlechter Arzt wurde nicht mehr bezahlt und entlassen. Dieses geschichtliche Wissen unserer Vorfahren tragen wir eigentlich in uns und somit auch in die Medizin hinein. Nur leider hat kaum jemand mehr dieses Verständnis. Oder wir haben es vergessen und kümmern uns immer mehr um Kosten und Einsparungen.

Heilung braucht folglich immer das Wechselspiel zwischen Arzt und Patient.
Mein Credo ist: Die Medizin der Zukunft ist eine Medizin auf Augenhöhe zwischen Arzt bzw. Therapeut und Patient. Das Zweite ist: Zuhören und verstehen, dass man ganz viel vom Patienten lernen kann. Ich habe in meiner mittlerweile über 40-jährigen Praxis so viel von meinen Patienten gelernt. Wenn ich zuhöre, erfahre ich, welche „Laus dem Patienten über die Leber gelaufen ist“, wie er sein Leben lebt, warum er traurig ist, wie sich seine Schmerzen zeigen, und wie er sich möglicherweise mit ganz anderen Methoden selbst heilt als diejenigen, die ich bisher kennengelernt habe. Jeder Mensch ist individuell, aber nur wenn ich mit ihm spreche, erfahre ich das.

Die Ärzte müssten also aus dem System ausbrechen und sich die Zeit nehmen.
Ja, wir müssen uns Wege schaffen, wie wir aus dieser Falle wieder herauskommen. Ich hatte das seinerzeit für meine Institute derart gelöst, dass ich schon vor gut 20 Jahren mit den Kassen eine Paketlösung bei der Behandlung von Rückenbeschwerden ausgehandelt habe. Darin ist immer ein langes Erstgespräch inbegriffen. Das ist nicht von heute auf morgen passiert, hat mich viel Energie gekostet, aber es hat funktioniert und funktioniert nach wie vor – auch in den aktuell bestehenden Systemen, die ja verständlicherweise alle auf Einnahmen angewiesen sind. Doch dazu braucht es halt ebenso Wertschätzung und zwar auf allen Seiten.

Um noch einmal auf die Eigenverantwortung zu kommen: Wie kann den Menschen klar gemacht werden, dass sie selbst für ihre Gesundheit verantwortlich sind? Ich glaube nämlich, dass sich viele dagegen wehren und doch lieber dem „Gott in Weiß“ die Heilung überlassen.
Auf zwei Ebenen. Einerseits muss die medizinische Ausbildung erweitert werden – um die Aspekte der Psychosomatik, der seelischen Gesundheit, aber auch der Naturheilkunde, ebenso der High-Tech und Umweltmedizin und um das Pro und Kontra der verschiedenen Ansätze. Außerdem sollte sich jeder angehende Mediziner ehrlich die Frage beantworten: Warum mache ich Medizin? Welche Bedeutung hat Medizin für mich, das Leben und das Wohlbefinden – in der Medizin sollte es nämlich vor allem um Wohlbefinden gehen. Nicht jeder ist oder wird gesund. Denn chronisch kranke Menschen etwa möchten sich genauso wohlfühlen. Weiters müssen wir uns von Anfang an damit beschäftigen und inhaltlich auseinandersetzen, dass der Tod zum Leben gehört und uns folglich auch mit Spiritualität bzw. philosophischen, teils theologischen Fragen beschäftigen.
Auf der anderen Seite braucht es eine Auseinandersetzung mit der Frage: Mit welcher Haltung gehe ich auf denjenigen zu, der von mir Hilfe erwartet? Das hat mit Humanismus zu tun und damit, wie ich dem Leben und der Gesellschaft, den Menschen und der Natur gegenüberstehe. Dann kann ich den Patienten auch zur Eigenverantwortung, zum lebenslangen Lernen und Selbsthilfe motivieren. Eigenverantwortung, individuelle Medizin? Das wäre es! Aber zurzeit existiert das hierarchische System – oben der Arzt, unten der Patient. Und daher passiert nichts.

„Eigenverantwortung auf Rezept“ bzw. medizinische Anweisung sozusagen.
Stimmt. Ich fordere deshalb auch die Schulen schon seit fast 30 Jahren auf, Kinder und Jugendliche zu Gesundheitsbotschaftern auszubilden. Ich habe mit meiner Stiftung viele Projekte zur Prävention von Krankheiten und zur Gesundheitsförderung unterstützt, wobei sich viele davon speziell an Kinder und Jugendliche gerichtet haben. In meinen Augen nämlich ist es unglaublich wichtig, dass Kinder von klein an ein Gesundheitswissen haben, dass sie sich selbst kennenlernen, das Verhältnis von Körper und Seele verinnerlichen, dass sie wissen, welche Hausmittel ihnen zur Verfügung stehen und wie sie diese anwenden können – in der Vorsorge sowie in der Heilung. Welche Rolle spielt Kamillentee, aber genauso was sind Antibiotika und worauf muss man dabei achten? Was mache ich um mein Immunsystem zu stärken? Was können Bewegung und Sport bewirken – von der Aktivierung des Stoffwechsels bis hin zum Abbau von Aggressionen?
Also eigentlich sind die Methoden einfach – wirklich. Gesundheitsbildung ist in meinen Augen auch ein wesentlicher Teil der Zukunft der Medizin. Aber doch so schwer.

Weil die Menschen halt im gelernten System stecken.
Du hast das ja in einem Artikel so schön geschrieben: Man will nicht aus der Höhle heraus.

In deinem neuen Buch beschreibst du einige neue, mutige Wege, die die Medizin einschlagen muss, um zukunftsfähig zu bleiben bzw. zu werden. Welche davon sind die für dich wichtigsten?
Wollen wir eine Medizin auf Augenhöhe, die auf Vertrauen setzt, dann muss die Ärzteschaft von den Patienten und vor allem vom Pflegepersonal lernen. Krankenschwestern nämlich sind nah am Menschen dran und haben in den meisten Fällen auch aus diesem Grund ihren Beruf gewählt: Weil sie sich den Menschen emotional nah fühlen und weil sie wissen, dass sie heilsam sein können. Bei der Ärzteschaft ist das leider nicht immer der Fall. Überspitzt könnte man sagen: Die mit guten Schulabschlüssen werden Ärzte, obwohl sie es oft nicht aus einer inneren Haltung heraus machen, die aber ist gerade in der Medizin so unglaublich wichtig. Ich habe in meinem Berufsleben schon so viel vom Pflegepersonal gelernt und habe über sie sehr viel von meinen Patienten erfahren.

Das Pflegepersonal könnte ja das Sprachrohr sein – für Patienten und für Ärzte.
Ich plädiere schon lange für ein System, das die Hausarztpraxen stärkt und die dort tätigen Personen zu Co-Piloten und Gesundheitsmanager macht. Die Hausärzte agieren darin auch als Präventologen und stärken die Menschen somit in Vorsorge und Eigenverantwortung. Außerdem braucht es in jeder Praxis eine Krankenschwester bzw. einen Pfleger, die oder der die Brücke zum Patienten schlägt. Hausarzt und Krankenschwester, das ist für mich das Dream-Team, das gemeinsam für das Wohl des Patienten arbeitet. Fakt ist: Die Menschen wissen heutzutage nicht, an wen sie sich wenden sollen und sind zunehmend verunsichert. Außerdem werden wir es in Zukunft öfters mit Epidemien und Pandemien zu tun haben, multiresistente Keime werden ein immer größeres Problem darstellen, Volkskrankheiten wie Diabetes, koronare Herzerkrankungen, Adipositas usw. zunehmen. Hinzukommen Digitalisierung, Medien usw., die einmal mehr zur allgemeinen Überforderung beitragen. In so einem Umfeld braucht es dringend eine Person des Vertrauens. Und das ist in meinen Augen der Hausarzt und die Krankenschwester.

…die aber so schon viel arbeitet und „nichts“ verdient.
Stimmt. Daher und auch weil wir beispielsweise in Deutschland in naher Zukunft rund 500.000 Krankenschwestern und Pfleger brauchen, muss der Beruf aufgewertet und attraktiver werden –inhaltlich und finanziell. Sofort. In Deutschland fordere ich sofort Brutto als Netto-Auszahlung (also keine Steuer mehr abziehen) für begrenzte Zeit einführen bis das System eine neues Finanzierungsmodell festgelegt hat.

Wie viel Hoffnung hast du, dass das tatsächlich passiert?
Bei den Jungen ist durchaus ein Umdenken zu spüren. Sie haben zwar noch wenig Einfluss, aber der wächst. Da passiert doch eine ganze Reihe, auch wenn es ein weiter Weg ist. Daher braucht es kleine, regionale Schritte. Wenn sich die Menschen in Netzwerken zusammentun, ist vieles möglich. Ich habe das ja selbst erlebt – bei den Verhandlungen mit den Krankenkassen, bei Schulprojekten, bei der Mikrotherapie. Heute wird meine Methode weltweit nachgefragt, obwohl sie, als ich Mitte der 1980er Jahre damit angefangen habe, von Orthopäden, Chirurgen usw. bekämpft und die Mikrotherapie, also die Behandlung beispielsweise von Bandscheibenvorfällen oder Tumoren mit Mikroinstrumenten im Computertomographen oder MRTs, als Hokuspokus bezeichnet wurde.

Können auch Patienten etwas bewirken, sodass die Medizin wieder menschlicher wird?
Ja, jeder kann das. Beispielsweise kann sich jeder, der zum Arzt geht, drei Fragen aufschreiben, die er auf jeden Fall beantwortet haben möchte, bevor er wieder zur Tür hinausgeht. So zwingt man dem Gegenüber ein Gespräch auf – und bei all dem Zeitdruck, der von der anderen Seite kommen mag: Wir bezahlen ja dafür. Wenn wir in ein Geschäft gehen, wollen wir Beratung und beste Qualität. Warum fordern wir die nicht auch beim Arzt ein?
Oder man wendet sich an den Sachbearbeiter der Krankenkasse, beispielsweise wenn bestimmte Leistungen nicht von der Kasse bezahlt werden. In Deutschland etwa müssen Frauen, die Kosten für eine Früherkennungsmammografie selbst tragen, sofern diese nicht in Screening-Zentren stattfindet. Das ist doch absurd. Warum fragen wir nicht nach: Wieso muss ich selbst bezahlen? Wie kann man das ändern? Was kann ich tun? Kann ich mich zusatzversichern? Zum Beispiel für Naturmedizin, Psychosomatik, Krankenpflege etc.! Daher plädiere ich übrigens schon lange für eine „Priva-Setzliche“ Versicherung: gesetzlich grundversichert und privat zusätzlich in die individuelle Gesundheit investieren.
Wir sind also nicht hoffnungslos. Wir müssen nur die Möglichkeiten nutzen, die wir haben. Und wir sollten sofort damit anfangen, denn der Umbau des Systems kann nur in kleinen Schritten erfolgen. Wenn wir uns aber alle zusammentun, in Teams denken und arbeiten, Kostenträger und Investoren ins Boot holen, auf Prävention und auch Umweltmedizin setzten, können wir alle gemeinsam die Medizin von morgen verändern. Zu einer Spitzenmedizin für alle.
 
Vielen Dank für das wunderbare Gespräch, Dietrich. Und vor allem auch noch nachträglich alles Gute zum Geburtstag – gesund bleiben 😉

Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer (© Laura Möllemann)

Zur Person: Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer

…ist Arzt und Autor, Vordenker und Vorkämpfer, Wissenschaftler und Wegbereiter. In all seinem Tun geht es dem Bochumer Radiologen und Begründer der „Mikrotherapie“ (mikro-invasive Behandlung mit Hilfe von tomographischen Sichtmethoden insbesondere von Rückenschmerzen und Krebs) darum, Voraussetzungen für ein gesundes, wohlbefindliches und zufriedenes Leben für jeden Menschen zu schaffen. Der Gründer des interdisziplinär arbeitenden Grönemeyer Instituts in Bochum und anderen Standorten in Deutschland engagiert sich außerdem für einen bewussteren Umgang mit den Themen Gesundheit, Ernährung, Prävention, Digitalisierung sowie Spitzenmedizin und Spitzenforschung. Sein Ziel: Hightech-Schulmedizin und Naturheilkunde, Psychosomatik, Sozial- und Umweltmedizin als eine Einheit im Sinne einer humanen Humanmedizin zu vereinen. Er prägte den Begriff „Weltmedizin“ dafür. Am 12. November feierte Dietrich Grönemeyer seinen 70. Geburtstag.
www.groenemeyerinstitut.de
www.heilpflanzenwelt.de
www.worldmedicine.eu

Buchtipp: MEDIZIN VERÄNDERN – Heilung, Humanität und Innovation

Der Dreiklang für gute Gesundheit und ein menschenwürdiges und zukunftsorientiertes Gesundheitswesen.

In seinem neuesten Buch (erschienen im Verlag Ludwig) präsentiert Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer umfassende Aufklärung und weitsichtige Maßnahmen, damit der dringend notwendige Strukturwandel im Gesundheitswesen gelingt, und Medizin zu einer würdevollen Heilkunst zwischen HighTech und Naturheilkunde, zwischen Psychosomatik und Umweltmedizin wird.

www.medizinveraendern.de

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Im Gespräch mit...,Vertrauen

Medizin verändern – Gesundheit neu denken

Dietrich Grönemeyer hat uns zum 70. Geburtstag ein Buch geschenkt. Im Gespräch gibt er erste Einblicke, erklärt, warum und wie wir für unsere Gesundheit Verantwortung übernehmen können, welche Wege eine zukunftsfähige Medizin einschlagen sollte und wieso er Hoffnung hat, dass sich tatsächlich etwas ändert.

Land schafft Leben ist österreichischen Lebensmitteln auf der Spur. Werdet ihr künftig also auch in Fleisch-Laboren und Gemüse-Hochhäusern unterwegs sein oder 3D-Drucker unter die Lupe nehmen, die Lebensmittel aufbereiten? 
Wenn es das ist, was wir in Zukunft essen, werden wir dem Essen dort auf der Spur sein. Ob es tatsächlich soweit kommt, dass Lebensmittel nur mehr im Labor gefertigt werden, wird sich natürlich zeigen. Aktuell betreiben wir in Österreich immer noch vor dem Hintergrund Landwirtschaft, dass auch Lebens- und Kulturraum gestaltet wird, während wir uns die Natur für die Herstellung von Lebensmitteln zunutze machen.

Die Frage ist halt, ob es sich bei der großen Nachfrage ausgeht, dass Lebensmittel in Zukunft ohne industrielle Fertigung produziert werden können. Ich meine: In den wohl meisten Fällen kommt das, was wir essen, halt nicht von glücklichen Viechern, die man in der Werbung sieht, sondern von Großbauern mit riesigen Stallungen und Ackerflächen.
Sagen wir so: Es ist immer wichtig zu hinterfragen, woher die Informationen kommen und ob sie auch die heimische Landwirtschaft betreffen. Immerhin werden Lebensmittel nicht überall gleich produziert, das macht es ja so spannend. Zudem ist die Welt nie nur schwarz und weiß. Die eine Seite nimmt ausschließlich Negativberichte und Skandale wahr. Das führt dann dazu, dass man sich all dem komplett entziehen möchte, etwa indem man gar kein Fleisch mehr konsumiert. Auf der anderen Seite gibt es jene, die alles schönreden. Und wenn wir uns ausschließlich an der Werbung orientieren, besteht – anscheinend – wirklich kein Handlungsbedarf. Doch Fakt ist: Die Realität liegt zwischen diesen Extrempositionen. Und wenn wir uns für die Zukunft ausrichten wollen, müssen wir die Ist-Situation auch korrekt abbilden. Nur so können wir Eigenverantwortung übernehmen und etwas verändern. Und das können wir – meiner Meinung nach können wir sogar mit allem, was wir tun, Zukunft gestalten.

Dafür allerdings müssen wir wissen, was wir essen…
Genau. Und deshalb bemühen wir uns, dieses Wissen zu vermitteln. Leider gibt es nämlich ganz viel Halbwissen, aus dem viele ihre Meinung bilden. Es werden zum Teil Kampagnen gefahren, um den Menschen zu sagen, was falsch und was richtig ist. Aber wer entscheidet das? Land schafft Leben gibt es nun seit über acht Jahren und mittlerweile weiß ich, dass nichts ganz eindeutig in richtig oder falsch eingeteilt werden kann. Es ist wichtig, dass Menschen sich wieder eine eigene Meinung auf Basis von transparenten Informationen bilden. Wir wollen niemandem eine Meinung überstülpen. Es geht ausschließlich darum, dass jeder die Sicht auf die reale Ist-Situation hat und in der Folge Eigenverantwortung übernehmen und bewusste Konsumentscheidungen treffen kann. Letztlich geht es um den bewussten Griff ins Regal.

Und dabei sollten wir möglichst zu Bioprodukten greifen?
Gute Frage. Noch vor einigen Jahren hätte ich ganz klar mit Ja geantwortet. Tatsache ist: Ja, eine kleinstrukturierte ökologische Landwirtschaft ist unter anderem gut für die Biodiversität. Eine intensivere Landwirtschaft kann im Vergleich ihre Flächen und Ressourcen oft effizienter nutzen. Das ist genauso gut für Umwelt und Klima, weil sie objektiv betrachtet weniger Fläche für die produzierten Lebensmittel verbraucht. Auch der Effizienzgedanke sollte also in der Landwirtschaft Platz finden dürfen. Und nicht immer ist die biologische Produktion gegenüber der konventionellen klar im Vorteil.
Bis vor ein paar Jahren hätte ich gesagt: Das kann nicht sein. Einfach weil ich es nicht wahrhaben wollte. Und warum ist das so? Weil wir so mit einseitigem Halbwissen gefüttert wurden und werden, dass wir nicht mehr wissen, was die Realität ist. Bei Land schafft Leben geht es um den ökoeffizienten Gedanken – und zwar in jeder Hinsicht. Nicht um richtig oder falsch, nicht um guter Bauer versus böser Bauer, gute Freilandhaltung versus schlechte Massentierhaltung. Wobei es Letztere in Österreich gar nicht gibt.

 

Welche Werte legst du in deinen Einkaufswagen? (© Land schafft Leben)

Wirklich? Wir haben keine Ställe mit tausenden von Viechern?
Hier müssen wir uns die Frage stellen: Was ist Massentierhaltung? Die größten Schweineställe in Österreich haben nicht ganz 2.000 Schweine, in Deutschland sind es 20.000, in China fünf Millionen. Die für mich größte Erkenntnis war allerdings, als wir uns mit der Zuckerrübe auseinandergesetzt haben und die Biozuckerernte filmen wollten. In mehreren Anbauanläufen konnte keine einzige Ernte eingefahren werden, weil die Bauern gewisser Schädlinge einfach nicht Herr werden konnten. Ein konventioneller Betrieb sät und hat die Möglichkeit, bei Schädlingsdruck ein Pflanzenschutzmittel anzuwenden. Das ist ein wichtiger Beitrag, um Ernteausfälle zu verhindern. Ein Bio-Betrieb kann Unkräuter mechanisch entfernen oder ein für den Bio-Bereich zugelassenes Pflanzenschutzmittel ausbringen. Hier sind oft mehrere Überfahrten für eine entsprechende Wirksamkeit notwendig. Wenn am Ende null Kalorien produziert wurden, weil keine der Methoden funktioniert hat, ist das nicht nur wirtschaftlich betrachtet, sondern auch aus ökologischer Sicht ein Wahnsinn. Bei Kartoffeln haben wir im Biobereich vergleichsweise oft bis zu 50 Prozent weniger Ertrag. Dennoch nimmt die Gesellschaft die biologische Landwirtschaft gern als positiv und die konventionelle Landwirtschaft als eher negativ wahr.

Warum ist es auch im Hinblick auf die Welt von morgen so wichtig, dass wir mehr darüber wissen, was bei uns auf den Teller kommt?
Zum einen natürlich wegen der eigenen Gesundheit. Im Westen haben wir ja das Phänomen, dass wir übergewichtig und zugleich unterernährt sind. Wir kaufen Fertigprodukte und wundern uns, dass wir nach dem Essen immer noch Hunger haben und sogar zunehmen. Wir müssen uns aber nicht nur um uns und den eigenen Körper kümmern, sondern auch um unseren Lebensraum. Als Konsument ist es wichtig zu wissen: Wofür stehe ich? Was sind meine Werte? Und welche lege ich mir in den Einkaufswagen? Muss ich ausschließlich auf meinen Vorteil schauen oder betrachte ich es ganzheitlich? Ich kann nicht von allem mehr konsumieren, eine höhere Qualität bzw. alles in Bioqualität verlangen und gleichzeitig einen niedrigen Preis fordern. Klar ist der Preis ein Wert und für manche ist er eben entscheidend. Für andere hingegen stehen Tierwohl, Erhalt des Lebensraums oder Menschenrechte im Vordergrund. All das kann ich mir in den Korb legen – vorausgesetzt ich verfüge über das nötige Wissen. Ja, wir nutzen die Natur fürs Überleben, das war immer schon so. Doch wir müssen es in Kreisläufen denken entsprechend bewusste Konsumentscheidungen treffen. Das ist für mich Zukunft neu denken.
 
Zukunft neu denken bedeutet für Dich also, dass der Konsument sich wieder als Teil der Kreislaufwirtschaft sieht?
Ja. Und das fängt schon damit an, dass man sich fragt: Was und wie viel brauche ich wirklich? Lebensmittelverschwendung ist ein Riesenthema. Im Schnitt landen in Österreichs Haushalten pro Jahr fast 58 Kilo genießbare Lebensmittel und Speisereste im Müll. Wir sind nicht nur eine Verbraucher-, sondern mehr noch eine Wegwerfgesellschaft. Das ist auch ein großes Bildungsthema. Es freut uns sehr, dass mehr und mehr Schulen unser Arbeitsmaterial zu Lebensmittelwissen, Ernährungsbildung und Konsumkompetenz in Anspruch nehmen. Denn die nächste Generation ist sehr daran interessiert, Eigenverantwortung zu übernehmen. Kinder und Jugendliche haben Spaß daran, sich das Essen dienlich zu machen, insofern als sie sich damit auseinandersetzen, was dem Körper dient und wie man sich den eigenen Lebensraum schmackhaft und nachhaltig nutzbar machen kann. Im Prinzip sind wir die Avatare des Lebens: Wir können unseren Körper, unseren Lebensraum und damit auch unsere Zukunft modellieren – vorausgesetzt wir verfügen über Wissen, übernehmen (wieder) Eigenverantwortung und bewahren uns unsere Neugier.

Vielen Dank für das interessante Gespräch, Maria. Wir freuen uns schon auf den Talk am 17. November in Dornbirn.

 

Maria Fanninger (© Land schafft Leben)

Zur Person: Mag. Maria Fanninger

…ist Mitbegründerin und Vorständin von Land schafft Leben, die sich auf die Spuren heimischer Lebensmittel machen. Maria befasst sich vor allem mit den Themen Bildung und Ernährung, wobei es der studierten Wirtschaftspädagogin besonders darum geht, den Menschen die Eigenverantwortung in vielen Bereichen ihres Lebens bewusst zu machen. Denn für Maria gilt: Nur wer Verantwortung übernimmt, kann auch (Zukunft) gestalten, ganz besonders, wenn es um Gesundheit, Ernährung und Konsum geht.
www.landschafftleben.at

 

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Im Gespräch mit...,Vertrauen

Lebensmittel: Nicht nur zum Essen sind sie da…

Maria Fanninger, Vorständin von Land schafft Leben, weiß, was auf Österreichs Tellern landet. Ein Gespräch über (Halb-)Wissen und Eigenverantwortung, warum wir Werte und Haltungen in den Einkaufswagen legen und was bewusste Konsumentscheidungen mit Zukunft zu tun haben.