Plattform für verantwortungsvolle und mutige Zukunftslobbyisten

Im zweiten Wiener Gemeindebezirk befindet sich auf einer Fläche von mehr als 4.000 m² ein einzigartiger städtischer Lebens- und Lerngarten: Die City Farm Augarten. Zwischen der Porzellanmanufaktur auf der einen und den Wiener Sängerknaben auf der anderen Seite wird das ganze Jahr biologischer Gemüse- und Obstanbau gepflegt. Und zwar weniger von professionellen Landwirten, als vielmehr von Menschen, die Lust haben, ökologische Gartenkultur ganzheitlich zu erleben. Nach dem Motto „Man kann nie früh genug beginnen und es ist nie zu spät damit anzufangen“ ist der Garten im Herzen von Wien ein Ort für Groß und Klein, Alt und Jung: „Die City Farm ist ein sozialer Ort. Es zeigt sich immer wieder, dass gerade das generationenübergreifende Element sehr wichtig ist“, weiß Gründer und Leiter Wolfgang Palme, dem die Liebe zum Gartenbau sozusagen in die Wiege gelegt wurde, hat er doch schon als Kind mit seiner Oma das Gemüsebeet umgegraben. Seit rund drei Jahrzehnten ist er als Leiter der Abteilung Gemüsebau an der Höheren Bundeslehr- und Forschungssanstalt Schönbrunn tätig, wo er sich mit zukunftsfähigen Anbauarten beschäftigt, diese weiterentwickelt und erforscht, wie diese von der Landwirtschaft genutzt werden können. Doch die Forschung ist nur eine Seite der Landwirtschaftsmedaille. Auf der anderen Seite braucht es ebenso gartenpädagogische Vermittlung. Nur so erreicht man die Menschen.

Kinder in den Garten

Im Rahmen von Workshops, Erlebnistouren und Gartenführungen, Veranstaltungen, Märkten und Gartenspasswochen oder beim Eingraben von Socken (was es damit auf sich hat, steht am Ende dieses Beitrags) werden in der City Farm praktisches Wissen und Verständnis für eine zukunftstaugliche, ressourcenschonende und krisensichere Landwirtschaft vermittelt. Denn nur diese kann die Versorgung mit frischen Lebensmitteln zu jeder Jahreszeit bieten. Dass dabei ein Fokus auf Kinder gelegt wird, hat mehrere Gründe: So hat die heutige Kindergeneration oft keine Omas und Opas, die ihren Enkeln das Wissen über nachhaltigen Gemüse- und Obstanbau, die Bedeutung biologischer Lebensmittel und deren Verarbeitung vermitteln können. Hier springt die City Farm Augarten ein, zeigt Kindern und Jugendlichen, wie und wo Gemüse und Obst bestens gedeihen und wie der Kompostplatz für geschlossene Nährstoffkreisläufe sorgen kann. Damit nicht genug kann die Ernte in einer mit Solarstrom betriebenen Gartenküche verarbeitet und gemeinsam verspeist werden.

City Farm für Kinder ((© www.cityfarm.at)

Gartenwissen von Grund auf zu erlernen, es buchstäblich zu erspüren und zu erfahren, ist essenziell. Nicht zuletzt, weil es im Prinzip die Kinder von heute sind, die ausbaden müssen, was ihre Eltern und Großeltern – oder eigentlich wir – mit der mittlerweile hochtechnologischen und auf Turboerträge ausgerichteten Landwirtschaft angerichtet haben. Dabei geht es nicht darum, jemandem die Schuld in die Schuhe zu schieben, sondern aufzuzeigen, dass es höchste Zeit ist, dass wir etwas ändern.
Wobei es nicht nur bei „Städtern“ vorkommt, dass sie noch nie eine Kartoffel ausgegraben haben. Auf seinen unzähligen Vorträgen, die ihn quer durch Österreich führen, hört Wolfgang immer wieder, dass auch den Kindern auf dem Land nicht mehr vermittelt wird, wie man Gemüse anbaut: „Es ist ein gesellschaftliches Defizit in unserer westlichen Welt. Und das hat wiederum mit dem agrarindustriellen Prozess von der Produktion bis zur Vermarktung zu tun, der sich in den letzten Jahrzehnten durchgesetzt hat. Die Anonymisierung im Supermarkt schafft Distanz. Nun müssen sich die Seiten wieder annähern – zu beiderseitigem Vorteil.“

City Farm geht an die Grenzen

Wir müssen also wieder einen Zugang zur Landwirtschaft bekommen – sei es durch Direktvermarktung, Wochenmärkte, Gemeinschaftsgärten wie die City Farm Augarten oder über einen anderen Weg. Das Problem ist allerdings, dass sich die Menschen schon daran gewöhnt haben, das ganze Jahr über alles zu bekommen. „Gibt es im Winter keine Erdbeeren, ist das für viele bereits Verzicht bzw. mit einem Verlustgedanken verbunden. Wir müssen erkennen, dass die Natur einen Rhythmus hat, dass es diesen braucht und dass es auch uns guttut, wenn wir uns an diesen Rhythmus halten“, so Wolfgang.
Wobei man sich durchaus fragen muss, was Verzicht eigentlich bedeutet – immerhin wachsen etwa in den Beeten der Wiener City Farm unzählige Gemüsearten, die es in keinem Supermarkt zu kaufen gibt. Und während man im Sommer mit einer schier umfassenden Sortensammlung an Tomaten – oder österreichisch Paradeiser – aufwarten kann, präsentieren die „urbanen Gärtner“ im Winter den einzigen Frischgemüse-Schaugarten der Stadt. Die Natur bietet also das ganze Jahr ausreichend Vielfalt, die wir, um es mit Wolfgangs Worten zu sagen, „auf natürliche Weise ausreizen müssen.“ Das aber bedeutet freilich nicht, dass auch das ganze Jahr alles wächst. Und das ist gar nicht nötig, wie das Beispiel Wintergemüse zeigt: Es gibt 77 (!) Sorten, die über mehrere Wintermonate verfügbar sind und mit simplen Methoden angebaut werden können – ganz ohne Technologie, Heizung oder Düngemittel.

„Ressourcenschonend an die Grenzen zu gehen, ist eine reizvolle Herausforderung, die übrigens auch im großen Stil funktioniert“, weiß der Gemüseexperte, dem zugleich klar ist, dass biologische Low-Input-Landwirtschaft nicht so gut plan- und kontrollierbar ist – um nicht zu sagen gar nicht. „Haben wir einen milden Herbst, sind die Radieschen vielleicht schon im November zum Ernten bereit. Ansonsten halt erst rund um Weihnachten. Der Handel aber verlangt eine bestimmte Menge von bestimmten Gemüsesorten zu einer bestimmten Zeit. Saisonale, biologische Landwirtschaft kann das oft nicht erfüllen.“

Ohne ein Umdenken bei allen Beteiligten wird es nicht funktionieren. Soll heißen: Das Thema hat auch mit der Nachfrage auf Konsumentenseite zu tun. Solange die Erdbeeren im Winter gekauft werden, wird der Handel sie ins Regal legen. Dabei allerdings muss man sich im Klaren sein, dass man nicht nur ein Produkt kauft, sondern eine Entstehungsgeschichte. Es liegt somit an uns Konsumenten, ein kritisches Bewusstsein zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen. Oder wie Wolfgang sagt: „Wintergemüse ist eine basisdemokratische Widerstandsbewegung. Das hat also durchaus eine politische Dimension.“

City Farm Augarten ((© www.cityfarm.at)

Last Exit: Biologische Landwirtschaft

Seit Jahren macht sich der Umwelt- und Agrarpädagoge für biologische Landwirtschaft stark, denn er ist davon überzeugt, dass auf lange Sicht kein Weg daran vorbeiführt. Immer wieder sieht er sich jedoch mit Gegenargumenten konfrontiert: Das geht sich nie aus. Mehr als 20 Prozent sind nicht drin. Bio ist viel zu teuer. Da verhungern alle. „Dabei ist das Gegenteil der Fall“, so Wolfgang, der sogar von Agrarexperten Rückendeckung bekommt. „Wenn wir weiterhin nur auf Turboerträge setzen, werden wir über kurz oder lang gar nichts mehr haben. Man kann das mit einem Marathonläufer und einem Sprinter vergleichen. Zu Beginn hat der Sprinter die Nase vorne. Wer aber kommt am Ende ans Ziel?“
Es mag sein, dass wir ein bisschen zurückschrauben bzw. unter anderem auf Erdbeeren im Winter verzichten müssen. Wobei einmal mehr von Verzicht keine Rede sein kann, immerhin wirft der Österreicher im Schnitt pro Jahr 173 kg Lebensmittel weg. Und nein, wir können den schwarzen Peter nicht der Landwirtschaft, Gastronomie und dem Handel zuschieben, schließlich landen 53 Prozent aller weggeworfenen Lebensmittel im privaten Hausmüll.
Für Wolfgang Palme ist klar: „Wir befinden uns seit Jahren in einer Art Verteidigungskampf, die industrielle Landwirtschaft schön zu reden. Wie wäre es, wenn es sich Österreich stattdessen zum Ziel machen würde, das erste Bioland Europas oder gar der Welt zu werden? Was auch immer: Wir müssen schnellstens und radikal umdenken und unsere gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen. Wenn wir nämlich so weitermachen, werden wir langfristig gar keine Lebensmittel mehr ernten können, die diese Bezeichnung verdienen.“

 

 

Wolfgang Palme (im Bild mit City Farm-Mitgründerin Ingrid Greisenegger – Apropos: Für alle in diesem Artikel verwendeten Bilder gilt © www.cityfarm.wien), ist Gründer und Leiter der City Farm Augarten in Wien. Sein umfassendes Know-how gibt er außerdem als Leiter der Abteilung Gemüsebau an der Höheren Bundeslehr- und Forschungsanstalt Schönbrunn und als Vortragender in ganz Österreich weiter.

www.cityfarm.wien

 

Zukunftstipp: Beweisstück Socke
Beim Frühlingsfest am 30. April 2022 startet die City Farm Augarten das „Beweisstück Socke“. Bei diesem Bodenexperiment werden Socken ca. 30 cm tief im Boden vergraben, um in der Folge den Verrottungsprozess miterleben zu können. Wer möchte, kann seine Erfahrungen mit Fotos dokumentieren, einsenden und an einer Verlosung eines Dinners auf der City Farm teilnehmen. Vorrangig geht es allerdings darum aufzuzeigen, wie gesund der Boden ist, in dem die Socken vergraben werden. Vereinfacht gesagt gilt: Je schneller das organische Material, sprich die Socke, zu Humus zersetzt wird, umso gesünder der Boden, denn umso mehr Lebewesen – von mikroskopisch klein bis regenwurmgroß – befinden sich ebendort.
Wer Ende April nicht in Wien sein kann: Auf Anfrage (Mail an: info@cityfarm.wien) werden Socken und Anleitung auch verschickt.

 

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weiter neu denken

Du bist schon seit drei Jahrzehnten in der Zukunftsarbeit tätig. Was hat sich seither verändert?
Die Zukunft ist seit jeher ein Thema – für den einzelnen, die Gesellschaft als Ganzes, für Industrie, Wirtschaft und Politik. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Allerdings ist das Thema in Gestalt der Zukunftsforschung mittlerweile auch in anderen Bereich angekommen – von Bildungseinrichtungen bis hin zu Ministerien und Regierungen. Natürlich ist der Weg nicht beendet, er geht weiter. Und das ist ja eigentlich das Spannende: Zukunft kann nie gebannt werden, sie bleibt störrisch und immer überraschend. Sie wird immer eine kreative Annäherung erfordern. Letzteres ist im Grunde die herausfordernde Konstante, wenn es um Zukunft geht. Die Bedingungen ringsherum verändern sich laufend. Und aktuell haben wir es noch dazu mit multiplen Krisen zu tun: Klima, Corona, Krieg – um nur einige zu nennen. Das erfordert ein Nachdenken im Voraus: Wie gehen wir künftig mit dem Selbstverständnis um, das wir in Europa über all die Jahre im Hinblick auf Sicherheiten entwickelt haben? Gibt es diese Sicherheiten überhaupt noch?

Hat es sie überhaupt jemals gegeben? Obwohl wahrscheinlich nicht absehbar war, dass es derart viele, wie Du sagst, multiple Krisen in so kurzer Zeit gibt.
Nein! Wobei ich nie behauptet habe, die Zukunft voraussagen zu wollen, geschweige denn zu können. Aber man muss sich schon darüber im Klaren sein: Krisen gehören zur gesellschaftlichen Routine – Krisen, wie das Waldsterben, Tschernobyl, 9/11, die Weltwirtschaftskrise 2008, Corona und jetzt eben der Ukraine-Krieg begleiten uns beständig. Wenngleich natürlich niemand gehofft oder erwartet hat, nach 77 Jahren Frieden noch einmal eine derartige Krise erleben zu müssen. Das haben wir wahrscheinlich ein Stück weit auch verdrängt. Die heftig umstrittene Ost-Politik von Willy Brandt war der Versuch, eine Nachkriegsordnung zu entwerfen, die dauerhaft Frieden ermöglicht. Dieser Versuch ist gescheitert. Fakt ist auch: Eine derart einseitige Energieabhängigkeit von Russland zu schaffen, war ein großer politischer Fehler, gerade im Hinblick auf die notwendige Energiewende.

Ein Fehler, aus dem wir nun lernen dürfen bzw. mit Blick auf die Klimathematik eigentlich müssen…
Stimmt. Krise heißt ja, etwas zum Besseren zu wenden. Und obwohl es nicht widerspruchsfrei ist, so eröffnet sich derzeit immerhin ein Fenster der Möglichkeiten, sodass etwa die Energiewende breiter diskutiert und die eine Beschleunigung erfahren wird, eine mit Sackgassen und Umwegen. Gradlinigkeit ist keine Sache der Zukunft.

Apropos Wende: Welches war und/oder ist Deiner Meinung nach im Sinne der Zukunft die wichtigste Transformation?
Ich denke gerne in historischen Analogiebildern. Schaut man sich etwa die Entwicklung der Industriegesellschaft an, so ist der Verbrauch der Ressourcen in den letzten 200 Jahren exponentiell angestiegen. Und das hat mit den langen Wellen der gesellschaftlichen Entwicklung, die von Basistechnologien getrieben wird, zu tun: von der Dampfmaschine über die Elektrizität bis heute zu Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz. Allerdings wird dabei meiner Meinung nach viel zu wenig darüber diskutiert, dass die Basistechnologien auch jeweils eine neue Infrastruktur benötigen: Autos brauchen Straßen, Energie braucht Leitungen und Computer brauchen Netzwerke. Das passiert aktuell beim Megatrend der Digitalisierung wieder. Was sich aktuell auch beim Megatrend der Digitalisierung mit der Herausbildung von Plattformen zeigt. Die Digitalisierung ist dabei lediglich eine Technologie, sie ersetzt und ist keine Ethik.
Interessanter und hinsichtlich der Zukunft sogar wichtiger sind die Kontexte dahinter: die kulturelle Aneignung, die Entfaltung neuer Produktionsweisen, die Chance, mit neuen Möglichkeiten, aktuelle Probleme anzugehen, wie etwa eine algorithmengesteuerte, ressourceneffiziente Kreislaufwirtschaft. Und es geht auch immer um alte Fragen: Was hält uns zusammen und wie wollen wir leben?

Es braucht also Wissen und Austausch.
Ja, wobei man hier zwei Dinge bedenken sollte: Etliche Studien zeigen, dass die große Mehrheit der Bevölkerung nicht zukunftsoffen ist, sondern der Zukunft eher ängstlich und kritisch gegenübersteht. Das muss man ernst nehmen. Man darf die Menschen nicht vor vollendete Tatsachen stellen, sondern muss sie an Veränderungen beteiligen. Auf einer abstrakten Ebene ist das schwierig, daher brauchen wir einen breiten Diskurs, Auseinandersetzung, Kommunikation, wohin wir wollen und wie wir dorthin kommen. Außerdem müssen den Bürgern Erprobungsräume für Zukünftiges eröffnet werden. Erfolge und Misserfolge müssen erlebbar sein. Spannend ist hier etwa der neue Ansatz einer missionsorientierten Innovationspolitik in Deutschland und Europa: Die Ziele der Innovationen sollen sich an den 17 UN-Zielen für eine nachhaltige Entwicklung orientieren und im Rahmen partizipativer Prozesse unter Einbindung der Zivilgesellschaft formuliert werden. Bis dato ist das noch kaum in der Zivilgesellschaft angekommen, doch der Ansatz verdient mehr Aufmerksamkeit.

Und der zweite Punkt, den wir bedenken sollten?
Der betrifft das Wissen. Noch nie standen den Menschen so viele Informationszugänge zur Verfügung. Wir werden regelrecht davon überflutet. Das war im Verlauf der Industrialisierung nicht der Fall. Außerdem haben wir mit den Fortschritten in Wissenschaft und Technik jetzt Werkzeuge in der Hand, die neu und mächtig sind: von der Atomkraft bis zu KI und Life Science. Nicht zuletzt auch aus diesem Grund wurde Anfang des Jahrtausends der Begriff des Anthropozäns geprägt. Demnach erleben wir aktuell eine Epoche, in der der Mensch zum wichtigsten Faktor auf den blauen Planeten geworden ist. Er bestimmt nicht nur den CO2-Eintrag in die Atmosphäre, er ist heute in der Lage in die Grundbausteine des Lebens, den Atomen, Genen, Bits und Bytes gestaltend einzugreifen.

Die Frage ist: Wird es das Zeitalter des zerstörerischen Menschen und der Krisen?
Das kommt darauf an. Die Klimaproblematik – sicher eine der größten Krisen unserer Zeit – ist etwa auf das Engste mit unserer Lebensweise und unserem Wohlstandsmodell verbunden. Und ja, damit nachfolgende Generationen noch eine lebenswerte Welt vorfinden, braucht es ein Umdenken und einen weitreichenden Wandel. Ob wir uns tatsächlich, wie viele sagen, in einer Zeit des Epochenwechsels befinden, ist schwer zu sagen, wenn man selbst Zeitgenosse ist. Es spricht aber einiges dafür, schließlich erleben wir vielfältige Veränderungen, auch Kipppunkte, sei es politisch, technologisch, ökonomisch oder eben ökologisch. Wir müssen grundsätzliche Dinge des Zusammenlebens, des Wirtschaftens und Arbeitens neu denken.

Allerdings kann Wandel halt auch nicht angeordnet werden. Der Einzelne kann durch die eigene Veränderung andere inspirieren und somit zum gesellschaftlichen, kulturellen Wandel beitragen.
Sofern der Einzelne das tut. Schlussendlich kann die bevorstehende und politisch gewollte Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft nur gelingen, wenn Akteure der Zivilgesellschaft daran beteiligt werden – mit all ihren unterschiedlichen Sichtweisen. Robert Jungk, den ich selbst noch kennenlernen durfte, war in der Hinsicht ein großer Vordenker. Er hat sich gegen das Expertentum ausgesprochen und für Beteiligungen wie in Zukunftswerkstätten stark gemacht. Uns muss klar sein, dass wir in der Gesellschaft Rechte aber auch Pflichten als Bürger haben. Das ist ein Grundsatz der Demokratie und die ist nun mal kein Geschenk. Das müssen wir ebenfalls begreifen. Wenn wir Demokratie zu schätzen wissen, werden wir sie mit klarer Haltung gegen alle Krisen verteidigen und an die jeweiligen Rahmenbedingungen anpassen müssen.

Womit wir bei D2030 sind: Eine Initiative, die Du zusammen mit anderen Visionären 2018 ins Leben gerufen hast mit dem Ziel, eine Landkarte von Zukunftsbildern für Deutschland zu erstellen.
Ja, wir wollten in einem offenen Szenarioprozess „Deutschland neu denken“. Wir wollten zeigen: Es gibt Alternativen und Perspektiven. Und wir wollten damit Orientierung bieten. In drei Beteiligungsrunden haben wir acht Szenarien erarbeitet, die zusammen eine Zukunftslandkarte ergeben. Die sogenannten Neue Horizonte-Szenarien wurden dabei als wünschenswert bewertet. Die Szenarien beschreiben Pfade in die Zukunft. Man könnte sie auch als Trichter betrachten, der einen prinzipiell vorstellbaren Zukunftsraum aufspannt. Mit Corona haben wir sie auf ihre Robustheit überprüft und sie haben standgehalten. Wir sind aber derzeit dabei, die Neue Horizonte-Szenarien nach 2018 insgesamt neu zu entwerfen. Es ist viel passiert, nicht zuletzt der Krieg in der Ukraine. Weiters wollen wir als Verein, der Zukunft eine Stimme geben, etwa mit unseren monatlichen Futures Lounges via Zoom oder durch praxisbezogene Projekte und Initiativen. Wir sind übrigens offen für Mitarbeit.

Also wir sind auf jeden Fall dabei. Danke für das inspirierende Gespräch, Klaus!

 

Zur Person: Klaus Burmeister

… ist, wie er selbst sagt, Zukunftsdiagnostiker – und nicht Zukunftsforscher. So oder so ist er seit Mitte der 1980er-Jahre im Bereich der Zukunftsarbeit tätig, baute 1990 das Sekretariat für Zukunftsforschung in Gelsenkirchen auf, war 1997 Mitgründer von Z_punkt und rief 2014 das foresightlab in Berlin ins Leben. Seit 2016 ist er außerdem Geschäftsführer der gemeinnützigen Initiative D2030.
www.foresightlab.de
www.d2030.de

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Featured,Im Gespräch mit...,Transformation

Krisen gehören zur gesellschaftlichen Entwicklung

Klaus Burmeister ist davon überzeugt, dass Krisen immer auch Möglichkeiten eröffnen und die Welt dadurch besser werden kann. Außerdem sprechen wir über fehlende Infrastrukturen, Zukunftsängste und zu viel Wissen in Zeiten des Wandels und warum Deutschland nun eine Landkarte von Zukunftsbildern hat.

Transformation ist in aller Munde, im Prinzip aber ein alter Schuh. Eine Tatsache, die dem Gebot der Stunde – nämlich, dass wir einen per definitionem fundamentalen und dauerhaften Wandel benötigen – freilich keinen Abbruch tut. Im Gegenteil: Wir müssen uns schleunigst aufmachen. Insbesondere, wenn Transformation als Prozess der Veränderung von einem aktuellen Ist- zu einem angestrebten Ziel-Zustand verstanden wird. Schließlich deutet schon das Wort „Prozess“ darauf hin, dass das eben nicht von heute auf morgen passiert, sondern mitunter irrsinnig langwierig vonstatten geht.

Einfach (zu) schnell

In dem Zusammenhang aber müssen wir uns fragen, ob wir inmitten einer VUCA-Welt überhaupt die Zeit haben, uns in aller Ruhe zu verändern. Eine derart volatile, unsichere, komplexe und ambigue, also mehrdeutigen Welt kann uns nämlich rasch um die Ohren fliegen, während wir uns gemächlich einem Wandel unterziehen. Es sei denn, wir verstehen die Transformation selbst als anhaltenden und dauerhaften Prozess. Dann werden wir in gewisser Weise selbst zu VUCA-Wesen – Bumblebee, Jazz, Ironhide, Ratchet und Co. lassen grüßen. Ob wir uns nun sprunghaft und sozusagen mal eben auf die Schnelle verändern, den Wandel zur Normalität werden lassen oder zuerst das eine und dann das andere, ist der Zukunft allerdings komplett egal. Die nämlich behält ihr Tempo bei, das sie seit einigen Jahren an den Tag legt. Und wie das halt so ist:

Hat man erst einmal an Fahrt aufgenommen, steigt man nur ungern vom Gas. Die Welt von (Über-)Morgen gestaltet sich in der Hinsicht nicht anders.

Für uns heißt das jedoch: Wollen wir mit der Zukunft Schritt halten, müssen wir uns beeilen. Ansonsten laufen wir Gefahr, entweder ungebremst in die nächste Wand zu knallen oder – sofern wir versuchen, das Tempo zu drosseln – sozusagen in bester „Speed“-Manier uns selbst in die Luft zu jagen.
Was also gilt es zu tun, damit wir morgen nicht die Hauptrolle im eigenen Science-Fiction-Movie oder Action-Thriller spielen? Wie können wir der Welt von (Über-)Morgen begegnen? Indem wir erst einmal das eigene Denken verändern. Die Antwort ist so einfach, dass man ihr eigentlich gar nicht Glauben schenken möchte. Und ganz so easy ist es eh nicht, schon alleine, weil wir Menschen Gewohnheitstiere sind.

Gewöhnliche Höhle

Dass Veränderung aber in erster Linie im Kopf stattfindet oder zumindest dort ihren Anfang nimmt, wussten schon die antiken Philosophen – womit wir wieder beim „alten Transformationsschuh“ wären. Das Höhlengleichnis, das Sokrates seinem Schüler Platon erzählte, der es wiederum im siebten Buch der Politeia niederschrieb, wird immer wieder gern herangezogen. So auch an dieser Stelle, obwohl es ursprünglich die Notwendigkeit verdeutlichte, warum wir uns auf einen philosophischen Bildungsweg begeben sollen, um uns schließlich aus der sinnlich wahrnehmbaren Welt der vergänglichen Dinge zu befreien und in eine rein geistige Welt des unwandelbaren Seins einzutreten. Letzteres scheint in einer VUCA-Welt von vornherein unmöglich – insbesondere, wenn man den Wandel als stetigen Prozess versteht. Dennoch macht es Sinn, sich mal kurz in Sokrates‘ Höhle zu begeben.
Viele, die dort verharren, tun das nämlich aus Gewohnheit. Das Neue ist – nomen est omen – neu und daher gewöhnungsbedürftig. Mit dem Alten kennen wir uns aus und fühlen uns wohl. Wir wissen, was zu tun ist, was wir von diesem halten oder wie wir auf jenes reagieren sollen, ganz egal, ob es sich dabei um vermeintlich falsche Abbildungen handelt oder nicht. Diejenigen, die es doch wagen, sich aus der Komfortzone zu begeben und sozusagen vom Dunkeln der Höhle ins Licht zu steigen, werden im ersten Moment geblendet. Dass ist weder angenehm noch erstrebenswert – zumindest auf den ersten Blick. Allerdings können wir uns auf diesen blinden Fleck vorbereiten und zwar schlichtweg indem wir ihn erwarten. Ganz nach dem Motto: Be prepared for the unexpected!

Dodo und die Komfortzone

Die Frage ist: Wagt man den Aufstieg oder nicht? Bei dieser Entscheidung kann es helfen, sich mal mit sich selbst eingehend zu unterhalten. Klingt schizophren, ist es aber nicht! Vielmehr führen wir ständig innere Monologe. Wer es nun schafft, daraus einen inneren Diskurs bei vollem Bewusstsein zu machen, tut einen entscheidenden Schritt in Richtung Selbstreflexion, Planung und Problemlösung. Oder eben: Raus aus der Höhle, rein in die Zukunft.
Im Übrigen ist auch das nichts Neues, schließlich werden wir von klein auf angehalten, wohlüberlegte Entscheidungen zu treffen. Schwierig wird das allerdings, wenn man gleichzeitig klein gehalten wird. Müssen wir beispielsweise essen, was auf den Teller kommt, werden wir nie erfahren, über den Tellerrand hinauszuschauen. Anderes Beispiel: Müssen wir stets unser Bestes geben, werden wir nie aus Fehlern lernen. Die Folge ist immer dieselbe: Wir verharren im inneren Monolog, ziehen uns ins ach so bequeme Schneckenhaus zurück und werden zu Dodos. Das Wappentier von Mauritius ist oder vielmehr war ein Vogel, der verlernt hat zu fliegen. Er nistete auf dem Boden und ernährte sich von vergorenen Früchten. Und dann kamen die Holländer und mit ihnen Ratten, verwilderte Haustiere, Schweine und Affen – der Anfang von Dodos Ende.
Der Mensch in seiner Komfortzone hat in gewisser Weise auch verlernt zu fliegen, verharrt in seinem feinen Nest bzw. in seiner kuscheligen Höhle, sprüht definitiv nicht vor neuen Ideen und macht sich nur mehr selten Gedanken – schon gar nicht über die Welt von (Über-)Morgen. In so einem Zustand rückt Veränderung in weite Ferne. Zum Glück aber ist es jederzeit möglich, einen anderen, einen neuen Weg einzuschlagen.

Let’s talk future

Und aller Anfang ist gar nicht so schwer, denn er passiert im eigenen Denken. Mit Blick in die Zukunft muss Transformation schlussendlich jedoch größer angegangen werden. Nur wenn wir uns als Gesellschaft verändern, den Wandel sozusagen als Teil unserer Kultur etablieren, werden wir der Welt von (Über-)Morgen tatsächlich begegnen können. Oder um einmal mehr das Höhlengleichnis heranzuziehen:

Jeder von uns vollzieht den Aufstieg aus der Höhle für sich. Doch wenn wir dabei von anderen unterstützt werden, es zu einem gemeinschaftlichen Bemühen machen, geht es nicht nur einfacher, sondern wird auch wesentlich nachhaltiger sein.

Wir können die Menschen um uns herum nicht ändern – und schon gar nicht globale Konzerne, die seit Jahren nur auf Profit, Absatz- und Gewinnsteigerung ausgelegt sind. Dass dabei Mensch, Umwelt und unser aller Zukunft ausgebeutet wird, ist ihnen herzlich egal. Um aber nicht in der dystopisch anmutenden Realität zu verharren, braucht es ein Umdenken, das beim Einzelnen beginnt. Und wenn wir erst einmal eine Transformation hingelegt haben, können wir gar nicht mehr damit aufhören. Dann werden wir anders denken und leben, nachhaltiger konsumieren und uns gesünder ernähren. Dann werden wir andere unweigerlich anstecken. Worauf also warten wir eigentlich? Machen wir uns gleich heute mit Vollgas auf, die Welt von Morgen so zu gestalten, dass wir ein im positivsten Sinne utopisches Übermorgen erleben. Und reden wir darüber!

 

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Christiane Mähr,Transformation

Raus aus der Höhle: Mensch verändere dich

Warum wir endlich raus aus der Höhle kommen und anfangen müssen, uns, unser Leben und unser Denken zu verändern – jetzt. Und wieso all das in die Welt hinausposaunt gehört.

Craig Foster war mit seinem Bruder viele Jahre als Dokumentarfilmer in der Wildnis Afrikas unterwegs. 2010 schlitterte er ins Burn-out, verlor die Lust am Filmen, zog sich zurück und fand beim Freitauchen wieder den Weg ins Leben. Während seiner täglichen Tauchgänge im Algenwald von False Bay vor Kapstadt begegnete er einem Oktopus-Weibchen – und war vom ersten Moment an regelrecht entflammt. Über ein Jahr lang tauchte Foster hinab in die küstennahen Tiefen, gewann einerseits das Vertrauen des Oktopusses, andererseits aber auch Einblicke in den nicht immer einfachen Alltag dieses erstaunlichen Tarnungskünstlers. Foster setzte sich immer intensiver mit dem „Chamäleon der Unterwasserwelt“ auseinander, spürte die Angst, wenn sich ein Hai näherte, den Schmerz, wenn Letzterer dem Kraken im Gefecht einen Arm abriss, und die fast kindliche Freude, wenn sein Octopus Teacher mit anderen Meeresbewohnern oder mit Foster selbst spielte. Am Ende jedoch muss er sich von seiner Freundin verabschieden – schlichtweg, weil es die Natur so vorgesehen hat.

Ein Taucher und sein Lehrer

In diesem Jahr hat Craig Foster auch sich selbst (wieder) gefunden. Für manch einen Grund zur Kritik an dem vielfach ausgezeichneten und hochgelobten Film. So bezeichnete etwa Bernd Graff in der Süddeutschen Zeitung den Film als „Bankrotterklärung für Tierdokumentation in Zeiten des realen Klimawandels“, denn es gehe „nicht um den Achtarmer, sondern um den armen Taucher“. Es mag sein, dass „My Octopus Teacher“ kein reiner Tierfilm ist.
Doch vielleicht hatten Foster und seine Filmemacher-Kollegen Pippa Ehrlich und James Reed das gar nicht im Sinn? Was, wenn es eben genau darum ging, aufzuzeigen, dass wir es nicht mit getrennten Welten zu tun haben? Was, wenn sie verdeutlichen wollten, dass wir tatsächlich Teil der Erde und nicht nur Besucher sind, auch wenn wir lediglich für eine bestimmte Zeit hier sind? Dann nämlich muss jedem klar werden, dass es an uns liegt, Verantwortung zu übernehmen – für uns und die nachfolgenden Generationen. Für die Welt vor unserer Haustür genauso wie für jene am anderen Ende des Globus. Für die Natur am Land und im Wasser, für andere Menschen ebenso wie für Flora und Fauna.

 

 

Craig Foster hat nicht nur für sich einen neuen Weg gefunden, sondern vor allem auch Verantwortung übernommen und 2012 das Sea Change Project gegründet: Eine Non-Profit-Organisation, die sich vor allem um diese beeindruckende Unterwasserwelt bemüht, die sich vor der Küste von Südafrika auftut. Ein Gebiet, das stellenvertretend für alle anderen Regionen steht, wenn es darum geht, dass es allerhöchste Zeit ist, endlich verantwortungsvoll mit der Welt umzugehen, in der wir leben dürfen.

 

Die Bilder, die uns vom Sea Change Project zur Verfügung gestellt wurden, geben einen kleinen Vorgeschmack auf den Film, der auf Netflix verfügbar ist.
www.seachangeproject.com

 

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Fotostrecke,Verantwortung

My Octopus Teacher: Einander Lehrer sein

„Wir sind Teil der Erde, nicht nur Besucher“, sagt Craig Foster am Ende von „My Octopus Teacher“. Ein oscarprämierter Film, der die faszinierende Freundschaft zwischen ihm und einem Oktopus-Weibchen dokumentiert und zugleich aufzeigt, dass Mensch und (Meeres-)Tier einander Lehrer sein können.