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Orientierung

Woran orientieren wir uns? Oder anders gefragt: Was bietet überhaupt noch Orientierung in einer Zeit, in der Zukunft in Echt-Zeit stattfindet und uns das Morgen zugleich nebulös erscheint? Wie können wir Zukunft planen und gestalten? Und in welche Richtung geht es überhaupt?

Ja, woran orientieren wir uns? Oder anders gefragt: Was bietet überhaupt noch Orientierung – nicht nur, aber vor allem in Zeiten wie diesen? Wobei mit Letzterem gar nicht mal so sehr die Corona-Pandemie gemeint ist, sondern eher die Tatsache, dass Veränderungen vermehrt in Echt-Zeit stattfinden. Noch bevor wir uns an etwas Neues gewöhnt haben, steht bereits der nächste Wandel an. Das war längst vor Corona der Fall. Allerdings hat uns diese Krise in gewisser Weise ins eiskalte Wasser der hyperschnellen Veränderungen geschmissen. So hat sich in den letzten beiden Jahren so gut wie jeder von uns in irgendeiner Art und Weise verändert – ob beruflich oder privat, ob gewollt oder gezwungenermaßen. Auch das war schon immer so, nicht zuletzt, weil wir uns stetig weiterentwickeln – zumindest die meisten von uns. Und doch ist es jetzt anders. Zum einen, weil es uns zum Teil eben von außen, um nicht zu sagen „von oben“ auferlegt wurde. Zum anderen wurde vielen von uns wohl erst jetzt klar, wie unglaublich schnelle sich unsere Welt verändert.

Planen war gestern

Wir sind es gewohnt zu planen: seien es die Termine der kommenden Woche, sei es der nächste Urlaub, seien es Hausbau oder Wohnungskauf, die Anschaffung eines neuen Autos oder (E-)Bikes – whatever. Und viele von uns sind in Zeiten aufgewachsen, in denen man solche Dinge auch noch planen konnte, in denen einem der vorgegeben Weg – Ausbildung, Job, Familiengründung, Hausbau, Pension – eine Form der Sicherheit und, ja, auch Orientierung gegeben hat. Ob man diesen Weg schlussendlich genauso gegangen ist, ist freilich eine andere Frage. Allein: Wir konnten zumindest derart langfristige Pläne schmieden. Heute scheint das nahezu sinnlos zu sein – schlichtweg, weil es an sich unmöglich ist. Und die letzten beiden Jahre haben uns in der Hinsicht regelrecht vorgeführt. Manch einer versucht nach wie vor zu planen. Andere haben mittlerweile damit aufgehört, weil es am Ende des Tages eben doch keinen Sinn ergibt, wenn morgen ohnehin wieder alles anders ist. Die derzeitige Situation ist durchaus mit einer Fahrt bei schlechter Sicht zu vergleichen. Wenn Nebelschwaden aufziehen, bräuchte man Anhaltspunkte wie die weißen Halbkreise, die man am Rande des Autobahnstreifens sieht und die einem Aufschluss darüber geben sollen, wie schnell man bei Nebel fahren sollte. Den dritten der im Abstand von jeweils 33 Meter hintereinander aufgemalten Halbkreise sehen wir schon lange nicht mehr. Den zweiten glaubt man noch ausmachen zu können. Doch wenn wir ehrlich sind, können wir nur noch den ersten Halbkreis erkennen – und manchmal bereitet sogar das Schwierigkeiten.

Vorhersage für Morgen: Nebel

Sollen wir also auf die Bremse steigen und unvermittelt stehen bleiben? Was würde passieren, würden wir es tatsächlich tun? Wenn nicht auch alle anderen so denken, hätte die eigene Vollbremsung einen Riesencrash mit erheblichen Aus- und Nachwirkungen zur Folge. Sollten die anderen ebenfalls vom Gas gehen, hätten wir es mit einem Stillstand zu tun, bei dem nicht absehbar ist, wann es wieder weitergeht. Denn wer weiß schon, wann sich die Nebelschwaden wieder lichten werden – wenn überhaupt. Genauso wenig wird sich die Welt, in der wir leben, langsamer verändern. Vielmehr wird sie sich immer öfter, wenn nicht sogar durchgehend in einem nebulösen, sprich für uns unklaren und mitunter rätselhaften Zustand präsentieren. Umgelegt auf unsere Zeit könnte man sagen: Wir befinden uns tagtäglich am Rande einer Nebelzone. Orientierung: Fehlanzeige. Dabei repräsentiert der erste halbkreisförmige Nebelpunkt das Heute, der zweite das Morgen und der dritte das Übermorgen. Die Zukunft ist somit eine unbekannte, nicht greifbare und gewissermaßen schleierhafte Zeitzone. Trotzdem oder gerade deshalb sollten wir lernen, mit ihr umzugehen und sie im Heute nach unseren Vorstellungen zu formen. Müssen wir dafür „auf Sicht fahren“? Ja und nein. Ja, wenn darunter verstanden wird, dass Zukunft die Folge der Entscheidungen ist, die wir heute treffen. Insofern macht es nämlich sehr wohl Sinn, uns auf das heute Sichtbare zu konzentrieren, ins Tun zu kommen und alles in die Wege zu leiten, um Morgen und Übermorgen erfolgreich zu sein. Wer beim Fahren auf Sicht jedoch darauf abzielt, immer und überall auf Nummer Sicher zu gehen, muss sich über zwei Dinge im Klaren sein: Erstens ist das nicht möglich und zweitens bringt es uns keinen Schritt weiter.

Wertvolle Zukunftsvisionen

Einmal mehr stellt sich somit die Frage: Was gibt uns in derart nebligen Zeiten Orientierung? Gesellschaftliche Strukturen, Gegebenheiten des Marktes, Wirtschaftsdaten, Politik oder andere äußere Faktoren können wohl schwerlich dafür herhalten. Und zwar nicht nur weil wir diese nicht direkt beeinflussen können, sondern insbesondere, weil sie sich in unserer schnelllebigen Zeit als zu instabil und nicht vertrauenswürdig erwiesen haben, als dass sie konstante Parameter sein könnten. Megatrends bilden ab, wie sich Gesellschaften auf unterschiedlichen Ebenen (höchstwahrscheinlich) entwickeln werden und können damit durchaus als wertvolle Hilfestellungen betrachtet werden. Sie sind – wie die Bezeichnung Megatrend vermuten lässt – groß, zum Teil schwer fassbar und langsam, wobei Letzteres auch so sein soll. Insofern können sie dem Einzelnen bei seinen persönlichen Entscheidungen im Hier und Heute Orientierung bieten. Konkrete Lösungen, Ziele oder Visionen aber geben sie keine – das wollen sie gar nicht.

Der deutsche Aktionskünstler Joseph Beuys hat einmal gesagt: „Die Zukunft, die wir uns wünschen, muss erfunden werden. Sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen.“ Oder um Pippi Langstrumpf zu zitieren: „Ich mach‘ mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt.“

Mit anderen Worten: Es liegt an uns selbst, Lösungen für das Morgen zu finden, denn wer nicht weiß, was und wohin er möchte, verhindert Veränderung und (Weiter-)Entwicklung. Wer im Nebel navigieren, zu den Sternen greifen und somit ins Tun kommen möchte, braucht Visionen. Untermauert werden diese durch Werte: Was braucht es, um die eigene Vision zu erfüllen? Worin möchte man Zeit und Energie investieren? Was bereitet Freude? Was ist wirklich wichtig, wenn es darum geht, Zukunft neu zu denken und das Morgen nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten – und zwar nachhaltig. Letzteres ist entscheidend, denn bei all der Konzentration auf die eigenen Visionen und Werte ist es unsere Pflicht als Individuum, als Unternehmen, Organisation oder Institution – kurz als Gesellschaft die Zukunft derart zu denken, zu planen und zu gestalten, dass sie für einen jeden von uns lebenswert bleibt.

Learning by doing par excellence

Visionen sind Möglichkeitsräume von morgen, Werte die dafür nötigen Triebfedern. Und beide zusammen geben Orientierung. Dass wir dabei dennoch flexibel bleiben müssen, haben uns die letzten beiden Jahre verdeutlicht. Corona hat uns irrsinnig viel abverlangt und tut es zum Teil nach wie vor. Trotzdem kann es auch als Spielwiese der Flexibilität betrachtet werden. Wann, wenn nicht jetzt, sollten wir anfangen, unsere Zukunft neu zu denken? Fakt ist: Herumsitzen und Warten bringt uns nicht weiter. Wir wissen nicht, wann diese Krise zu Ende sein, wie sich dieses Ende überhaupt zeigen und was danach sein wird. Was aber würde es ändern, wenn wir wüssten, dass die Pandemie morgen oder erst in x Jahren für beendet erklärt wird – sofern es überhaupt ein eindeutiges Ende geben wird? Auf all diese Fragen gibt es keine Antworten – nicht wegen Corona, sondern weil niemand die Zukunft vorhersagen kann. Wir werden nie wissen, was morgen und übermorgen passiert. In gewisser Weise befinden wir uns in einem Zustand des perfekten Umbruchs, der uns gleichzeitig mehr denn je die große Chance bietet, die eigene Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Und dafür brauchen wir keine Zukunftstrends oder sonstige Vorhersagen. Vielmehr gilt es, die Möglichkeiten zu sehen, die sich vor uns auftun. Es geht darum, den gedanklichen Trendbildern einen richtigen Raum zu geben und ins Tun zu kommen. Orientieren, Positionieren und Navigieren in unbekannten Zukunftsgefilden beginnt im Kopf. Der erste Schritt besteht darin, sich die richtigen Fragen zu stellen. Also auf was warten wir noch?

 

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Christiane Mähr,Orientierung

Haben wir die Orientierung verloren?

Woran orientieren wir uns eigentlich? Am Licht, das am Tunnelende (hoffentlich?!) aufscheint? Oder am roten Faden, der sich vermeintlich durch das eigene Leben zieht? Oder lassen wir uns vielleicht sogar von Steinen leiten, die uns in den Weg gelegt wurden? Frei nach dem Motto: „Wenn es schwierig wird, ziehe ich einfach den Hut und geh.“

Unser Leben verändert sich immer schneller. Als Kultur- und Sozialanthropologin beschäftigst Du Dich mit dem Wesen des Menschen. Warum tun sich die meisten schwer, mit derart schnellen Veränderungen umzugehen?
Schnelllebige Veränderung ist nichts Natürliches, sondern etwas Kulturelles bzw. kulturell Gewachsenes. Allerdings fällt es uns schwer, schnelle Veränderungen kognitiv zu verarbeiten. Dafür sind wir nicht gemacht – weder das Individuum noch die Gesellschaft bzw. unsere Kultur. Evolutionär betrachtet, also im Leben unserer steinzeitlichen Vorfahren, gab es auf lange Sicht keine derartig schnellen Veränderungen. Sie sind uns also nicht inhärent. Das könnte ein Grund sein.
Man muss aber auch wissen, dass wir uns kulturell immer an die Dinge anpassen, die uns passieren. Also etwa auch Veränderungen, die uns infrastrukturell vorgegeben werden. In der Folge beeinflusst sich das gegenseitig – wie ein Feedback-Loop. Und so passen sich auch unsere Werte und Normen wieder an. Im Hinblick auf Letzteres hinken wird derzeit aber hinterher.

Wenn sich unsere Welt einerseits immer schneller verändert und wir andererseits in gewissen Bereichen hinterherhinken, besteht da nicht die Gefahr, dass wir in Zukunft vom Leben ständig überholt werden? Sprich: Wenn wir unsere Pläne über den Haufen werfen müssen, noch bevor sie umgesetzt werden konnten, macht es da überhaupt noch Sinn, Pläne für die Zukunft zu schmieden?
Dass Zukunft bei uns einen derart hohen Stellenwert hat bzw. dass wir überhaupt in Zukunft denken, ist Teil unserer Gesellschaft und ebenfalls kulturell gewachsen. In Jäger-Sammler-Gesellschaften, auf die ich mich spezialisiert habe, gibt es Zukunft in der Form gar nicht. Sie können es sprachlich bzw. grammatikalisch nicht ausdrücken. Zukunft hat für Jäger und Sammler keine kulturelle Wertigkeit, denn man lebt im Hier und Jetzt. Das ist unter anderem möglich, weil diese Gesellschaften viel kleiner und simpler sind. Letzteres ist nicht wertend gemeint, sondern bedeutet, dass sie etwa im Vergleich zu der Gesellschaft, in der wir beide aufgewachsen sind, wesentlich weniger komplex aufgebaut sind. Je komplexer eine Gesellschaft, umso komplexer sind die Themen, die behandelt werden müssen.

Kalahari-Wüste in Namibia (c) Louis Liebenberg

 

Wir wissen nicht, was morgen ist. Das ist an sich nichts Neues, schließlich konnten wir nie vorhersagen, was die Zukunft tatsächlich bringt. Die Corona-Pandemie hat uns in der Hinsicht allerdings regelrecht vorgeführt und ist in gewisser Weise wie eine perfekte Spielwiese für diese sich derart schnell verändernde Welt. Woran können sich die Menschen dennoch orientieren?
Wie wäre es mit Ergebnisoffenheit?

Du meinst, dass wir uns daran orientieren sollen, dass alles möglich ist?
Ja. Wobei das auch nichts Neues ist. Wie Du gerade selbst gesagt hast, konnten wir die Zukunft noch nie punktgenau vorhersagen, aber vor Corona hatte man zumindest das Gefühl, dass man Dinge, Veränderungen usw. abschätzen konnte. Jetzt kann man gar nichts mehr abschätzen. Umso wichtiger ist es, dass wir lernen, damit umzugehen. Und hier würde uns Ergebnisoffenheit sehr helfen. Gesellschaftsstrukturell ist das übrigens etwas ganz anderes.

Warum? Kann eine Gesellschaft nicht ergebnisoffen agieren?
Sie kann schon, aber sie braucht dennoch gewisse Strukturen. Anders gesagt: Wir müssten darüber reden, welche Strukturen es braucht, damit wir das als Gesellschaft schaffen. Da liegt ein großes Stück Arbeit vor uns. Ich bin allerdings hoffnungsvoll, dass wir es schaffen, die Dinge neu zu kalibrieren. Welche Strukturen das sind, kann ich nicht sagen. Dafür müssten wir einen Diskurs führen.

Ein gutes Stichwort. Oft finden wir nämlich im Gespräch neue Wege und Orientierung. Ich habe jedoch das Gefühl, dass die Menschen immer seltener miteinander reden, dass man einander nicht mehr zuhört, dass man andere Meinungen nicht mehr zulässt. Haben wir die Diskursfähigkeit verloren?
Ich glaube eher, dass wir sie über eine lange Zeit gar nicht gebraucht haben. Das hängt stark mit Machtsystemen zusammen. In Hierarchien, die es übrigens in dieser Form in Jäger-Sammler-Gesellschaften nicht gibt, werden Dinge von „oben“ vorgegeben. Und die Menschen haben das ja auch mitgetragen, weshalb es über viele Jahre und Jahrzehnte funktioniert hat. Jetzt aber werden diese Strukturen zunehmend hinterfragt. Immer mehr Menschen – von Fridays for Future über people of color und andere Minderheiten bis hin zu all jenen, die gegen die Pandemie-Politik auf die Straße gehen – wollen mitreden, wollen gehört werden.

Auf der Straße gibt es allerdings weniger Diskurs…
Stimmt. Umso wichtiger ist es, dass wir wieder anfangen, miteinander zu reden. Dabei ist es in meinen Augen entscheidend, dass wir uns darüber im Klaren sind, dass unterschiedlichste Menschen mit unterschiedlichsten Meinungen miteinander reden.

Es braucht also eine Kombination aus Diskurs und Diversität – eine Kultur des diversen Diskurses sozusagen. Das könnte dem Einzelnen wohl auch Orientierung geben, da er aus unterschiedlichsten Meinungen und Anschauungen seinen eigenen Weg finden könnte.
Klingt gut. Abgesehen davon hat Orientierung für mich auch damit zu tun, womit wir uns identifizieren. Wobei einmal mehr wichtig ist zu akzeptieren, dass jeder Mensch unterschiedlich ist und sich somit mit anderen Werten identifierzt. Dafür braucht es eine Offenheit, die zwar auf den ersten Blick beängstigend ist, weil es nicht die eine universelle Identität gibt, an der man sich orientieren kann. Auf den zweiten Blick eröffnet einem das aber Welten. Sobald man erkennt, dass es wesentlich spannender ist, eine breite Perspektive ohne universelle Annahmen und Werte zu haben bzw. sich dieser anzunähern, kann man viel freier agieren.

 

Je weniger ich darüber nachdenke, was – scheinbar – vorgegeben ist, umso freier bin ich.
Ja. Die Arbeit mit Jäger-Sammler-Gesellschaften hat mir in der Hinsicht sehr geholfen. So haben diese beispielsweise keine Idee von Wettkampf. Es gibt weder Gewinner noch Verlierer. Auch kennen sie kein Besitztum. Wir hingegen identifizieren uns oft über Besitz, Geld, unsere berufliche Position usw. Derartige Werte sind in unseren Gesellschaften kulturell gewachsen. Und das wiederum bedeutet, dass ich mich nicht damit identifizieren muss, weil es uns nicht inhärent ist.
Was ist damit sagen möchte: Viele Dinge, die uns in unserer Welt als gegeben betrachtet werden, sind in Wahrheit kulturell gewachsen. Die Welt, wie wir sie kennen, ist nicht in Stein gemeißelt. Wir wurden, wenn man so möchte, zufällig hineinsozialisiert. Dieses Wissen hilft, die eigene Welt zu relativieren.

Ein schöner Gedanke. Der Einzelne kann seine Welt somit jederzeit neu ausrichten – ohne dabei durch scheinbar fixe Systeme eingeschränkt zu werden.
Ja, wobei sich auch Systeme und Gesellschaften ständig verändern, unter anderem weil sich deren kulturelle Werte und Regelungen verändern. Die Corona-Pandemie hat unser Leben von heute auf morgen ausgebremst und uns unter anderem aufgezeigt, dass wir zu schnell unterwegs waren. Zuvor war alles möglich und zwar oft ohne große Anstrengungen. Nun gilt es, sich darüber klar zu werden, welche Werte „nur“ kulturell gewachsen sind. Folglich liegt es auch in unserer Hand, Neues entstehen zu lassen. Dafür aber muss sich erst einmal das Mindset ändern …

… Zukunft neu denken, sozusagen.
Genau. In den letzten zwei Jahren ist irrsinnig viel ins Wanken gekommen. Jetzt brauchen wir Raum und Zeit, uns damit auseinanderzusetzen, die Dinge neu anzugehen. Wir müssen uns wieder Fragen stellen: Was will ich eigentlich? Was brauche ich in meinem Leben? Was möchte ich in Zukunft machen?

Leider aber ist das Verständnis dafür, dass man sich für derartige Gedanken Zeit oder besser gesagt eine Auszeit nimmt, oft nicht vorhanden.
Und das ist einmal mehr ein kulturell gewachsener Wert: Viele definieren sich darüber, wie viel und was sie arbeiten. Aber auch in der Hinsicht ist vieles im Umbruch. Und wenngleich das für den Einzelnen mitunter schwierig ist, sehe ich es optimistisch. Wenn wir uns nämlich Fragen über die Zukunft stellen wollen, brauchen wir Zeit dafür – ansonsten wird es anstrengend. Und meiner Meinung nach sind wir nun an einem Punkt, an dem wir uns mit diesen Fragen auseinandersetzen müssen. Einerseits um nicht vollends den Drive zu verlieren. Andererseits, weil es eine Chance ist, die wir nutzen müssen. Und zwar als Individuum als auch als Gesamtgesellschaft. Wir müssen jetzt vieles miteinander reflektieren und gemeinsam in die Zukunft blicken, um diese neu gestalten zu können.

Vielen Dank für das Gespräch, Bettina!

 

(c) Christine Baireder

 

Zur Person: Bettina Ludwig

Warum tun wir, was wir tun? Diese Frage stellt sich die Kultur- und Sozialanthropologin Bettina Ludwig und hinterfragt damit gesellschaftliche Strukturen. Ihre Erkenntnisse zieht sie aus 300.000 Jahren Menschheitsgeschichte und ihren Forschungen mit einer der letzten lebenden Jäger-Sammlergruppe in der Kalahari Wüste Namibias. Ihr Leitsatz: Wir brauchen ein neues Menschenbild. Anstatt einen „Zurück zum Ursprung“-Gedanken zu verfolgen, weiß sie, wie wichtig es ist zu erkennen, welches Potential in unserer Zukunft liegt. Bettina Ludwig hat selbst erlebt, wie ihre Forschungen ihr Weltbild auf den Kopf gestellt haben und gibt dieses Wissens auch als Keynote-Speakerin weiter. Für ihre Forschungen wurde sie 2019 mit dem Rupert Riedl Preis ausgezeichnet. Als Unternehmerin und Visionärin rief sie während des Lockdowns im März 2020 ein Projekt ins Leben, das zum Ziel hat unternehmerisch denkende Menschen zusammen zu bringen, die gemeinsam Zukunft gestalten wollen: das Zukunfts.Symposium Eferding. Im April 2022 erscheint ihr erstes Buch bei Kremayr&Scheriau. Es trägt den Titel „Unserer Zukunft auf der Spur: Wer wir waren, wer wir sind, wer wir sein können.“ Bettina Ludwig stellt darin das Welt- und Menschenbild des Lesers auf den Kopf und nimmt sie mit zu Jäger-Sammler-Gesellschaften, in denen Zeit, Besitz und Hierarchien anders funktionieren, als wir es gewohnt sind. Sie erklärt, warum Spurenlesen die Urform der Wissenschaft ist, und zeigt schlüssig auf, dass Menschen vor allem kulturell bedingt handeln, und nicht, „weil sie eben so sind“.

Link: www.bettinaludwig.at & www.zukunftssymposium.at

 

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Im Gespräch mit...,Orientierung

Bettina Ludwig: Wie wäre es mit Ergebnisoffenheit?

Ein Gespräch mit der Kultur- und Sozialanthropologin Bettina Ludwig über eine Welt, die sich immer schneller verändert, warum wir ergebnisoffene Zukunftspläne brauchen, weshalb wir wieder miteinander reden und diskutieren sollten und wieso wir uns Zeit nehmen müssen, darüber nachzudenken, was wir wirklich wollen.

In unruhigen Zeiten kann man schnell mal die Orientierung verlieren. Das ist auch gar nicht böse gemeint – es passiert halt. Irgendwann spürt man, dass die Richtung einfach nicht mehr stimmt. Auch wenn wir anfänglich noch versuchen, am Ziel festzuhalten, erkennen wir irgendwann, dass wir uns verlaufen haben. Orientierungsverlust bedeutet meist ein Verlust von Referenzpunkten im Sinne des uns Bekannten. So läuft das dann auch bei unseren Zukunftsbildern. Aber spätestens, wenn unsere Zukunftsbilder an Tiefenschärfe verlieren, reicht Nachdenken allein nicht mehr aus. Denn es muss auch etwas getan werden, um die Richtung zu ändern, damit wir uns wieder orientieren können.

Perspektiven mit Weitblick

Schärfe verliert man meistens dann, wenn sich Perspektiven verändern und sich dadurch Ziele nicht mehr so leicht fokussieren lassen. Gerade Zukunftsziele und Zukunftsbilder sind stark von jenen Standpunkten abhängig, aus denen wir sie betrachten. Wenn das, was gestern noch undenkbar war, im Heute auf einmal völlig selbstverständlich wird, wird Angst schnell zum „Ratgeber“. Und dann bevorzugen wir Optionen, die wir kennen. Deshalb bedienen wir uns mit Vorliebe sogenannten vereinfachten Denkmodellen. Dabei versuchen wir möglichst schnell die Dinge wieder ins gewohnte Licht zu rücken. Hans Rosling nannte dieses Phänomen den „Instinkt der einzigen Perspektive“. Gerade Unsicherheit und Angst im Umgang mit Zukunft bedeutet oft nichts anderes als eine möglichst schnelle Wiederherstellung einer verlorengegangenen Ordnung. Weil uns eben nicht unsere Ängste einem Idealzustand näherbringen, gilt es zunächst einmal eine übergeordnete Perspektive einzunehmen. Eine die uns hilft, im unbekannten Terrain wieder etwas erkennen zu können. Durch Weitblick schaffen wir neue Sichtweisen auf etwas, was wir aus unseren alten Perspektiven völlig anders wahrgenommen haben. Wenn wir verstehen, dass unsere Zukunftsbilder meist nur durch unsere selbst geschaffenen Verhältnismäßigkeiten eingeschränkt werden, lassen sich dadurch auch wieder neue Denkhorizonte ergründen.

Ganz egal ob es nun eigene, übergreifende oder gemeinsame Perspektiven sind, letztlich bleibt es immer eine Frage der Wahrnehmung. Sind wir nämlich nicht gewillt, auch mal nach links oder rechts zu blicken, kann selbst das Neue nicht wahrgenommen werden.

Wenn wir uns nun in einer komplexen, unsicheren und schnelllebigen Welt orientieren und zurechtfinden wollen, braucht es folglich wieder neue Referenzpunkte, die unserer menschlichen Wahrnehmung wieder zu Sicherheit verhelfen. Leider haben wir Menschen große Probleme damit, uns in neuen und unbekannten Situationen auch rational zu verhalten. Zum einen liegt das daran, dass sich unsere „innere“ Orientierung stark an persönliche Werte, Einstellungen und Haltungen anlehnt und viel lieber bedürfnis- als verstandsorientiert handelt. Und zum anderen liegt es an einer Art der „äußeren“ Orientierung, über die wir versuchen, unser Wissen und persönliche Erfahrungshorizonte plausibel zu ergründen und abzubilden. Wie gut oder schlecht wir dieses Wechselspiel betreiben, spiegelt sich am Ende in unsere Meta-Erfahrung wider. Diese bestimmt nicht nur, welchen Bildern wir folgen, sondern auch welche Zukunftsentscheidungen wir letztlich treffen. Unsere Wahrnehmung spielt im Umgang mit unseren Zukunftsvorhaben eine mächtige Rolle. Leider aber wird sie durch subjektive Denk- und Sichtweisen vorschnell ausgebremst oder einfach nur verzerrt wahrgenommen.

Wahre Ziele

Wenn wir in unseren Zeitreisen über das Morgen nachdenken, werden Zukunftsziele meist vorschnell als Wahrheiten verkauft. Aber sind diese Ziele auch wirklich an dem ausgerichtet, was wir tun sollten, oder offenbaren sie uns nicht viel mehr eine Art Wahrnehmungsillusion im Sinne unserer Denkfehler? Ich meine, an welchen Zukunftszielen haben wir uns denn in der Vergangenheit ausgerichtet? In den letzten 250 Jahren war doch das Credo unseres Schaffens dadurch geprägt, unsere Umwelt auszubeuten und umzupflügen. Und weil wir den Bezug zu unserer natürlichen Welt schon längst verloren haben, fragen wir uns jetzt, wie wir mit den Folgen für Natur und Klima umgehen wollen. Solange sich das Neue nicht als Bilder in unseren Köpfen abbilden lässt, ist es einfacher so weiterzumachen wie bisher. Aber Transformation könnte auch bedeuten, nicht permanent aus Angst vor Veränderung die Fehler bei anderen zu suchen, sondern sich selbst zu verändern, sprich unsere menschlichen Eigenschaften. Dadurch könnte es uns gelingen, wirtschaftliche Ressourcen in kulturelle Ressourcen umzuwandeln, damit vielmehr das Wissen über den Zustand unserer Welt in den Mittelpunkt intelligenter Entscheidungen rückt. Eine Wissenskultur mit Weitblick, die uns hilft, unsere Wertesysteme sowohl individuell als auch kollektiv zu verändern. Denn Menschen verändern sich nicht, sie verändern nur ihre Werte und folglich die daraus resultierenden Haltungen. Genau das ist es, was es braucht, wenn wir über neue Ziele nachdenken wollen.

Konstant unkalkulierbare Zukunft

Die Zukunft ist eine der mächtigsten Kräfte der Menschheit. Diese Fähigkeit, nämlich geistig auf so etwas wie Zukunft zugreifen zu können, hat uns Menschen zu dem gemacht, was wir heute sind. Es hat dazu geführt, dass sich Kulturen und Zivilisationen überhaupt entwickeln und Wohlstand entfalten konnten. Heute spüren wir immer deutlicher, dass die Welt doch keine Endlosschleife ist und dass Zukunft mehr und mehr zur unkalkulierbaren Konstante wird. Aber könnte nicht gerade das für uns auch eine große Chance sein? Wenn wir doch alle wissen, dass die Zeit der Zukunftsphrasen ihr Ablaufdatum erreicht hat und Zukunft unberechenbar und unsicher ist, könnte uns doch dafür ein neuer Plan behilflich sein. Ein Plan, der Orientierung schafft für eine Welt, in der wir nicht noch mehr vom Gleichen, sondern endlich mehr vom Richtigen vorantreiben sollten. Ein Plan mit Weitblick.

 

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Klaus Kofler,Orientierung

Weitblick schafft Orientierung

Wenn wir über das Morgen nachdenken, werden Zukunftsziele meist vorschnell als Wahrheiten verkauft. Doch: Sind das nicht Illusionen? Bräuchten wir nicht vielmehr einen Plan mit Weitblick?

„Orientierung bedeutet für mich, Vertrauen in das eigene Gefühl zu haben. Ein Gefühl, das mir erlaubt, auch losgelöst von vorgegebenen Pfaden ziellos aufzubrechen und so Neuem zu begegnen.“

Markus Mosman

 

 

Über den Fotografen: Markus Mosman

Als Künstler und Fotograf bewegt sich Markus Mosman ohne ein bestimmtes Ziel – als Wanderer, als Flaneur – und ist offen für die Vielfalt der Welt in all ihren seltsamen und eigentümlichen Formen. Seine Leidenschaft ist der Aufbruch: neue Orte entdecken, die Welt bereisen und verschiedene Realitäten erforschen. Ob Mosman zu Fuß unterwegs ist, mit dem Zug oder dem Flugzeug, das Ergebnis ist für ihn dasselbe – etwas anderes, unbekanntes, mit frischem Blick, mit Farben und Texturen und ohne vorgefasste Erwartungen zu erleben.
Die Bilder von Mosman laden dazu ein, die Aura eines Themas auf neue und unerwartete Weise zu betrachten und spiegeln eine fotografische Ethik, Sensibilität und Empfindsamkeit wider, die gleichermaßen selten wie erlesen ist. Ein flüchtiger Blick ist alles, was wir darauf werfen können, wenn wir in Bewegung sind – eine ruhige Betrachtung ist vielleicht alles, worauf wir hoffen können, wenn wir neue Gebiete entdecken.
Mosman lebt und arbeitet in Bregenz.

www.markmosman.com

 

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Fotostrecke,Orientierung

Aufbruch ohne Ziel

Was Orientierung mit Vertrauen zu tun hat und was passiert, wenn Fotograf Markus Mosman ohne Ziel aufbricht.

Neugier ist der Hunger nach Wissen in Kombination mit der Bereitschaft, sich überraschen und auf Neues einzulassen. Gleichzeitig verunsichert das Unbekannte viele Menschen. Sind es also die „neugierigen Draufgänger“, die mit der ungewissen Zukunft kein Problem haben?
Das glaube ich nicht. Schon alleine, weil Verunsicherung gut ist, da sie ein Zeichen für Wachsamkeit ist. Wobei es natürlich auf das Maß ankommt und ob man die Verunsicherung in konstruktive Bahnen lenken kann, sodass sie zu einer Form der Zukunftsachtsamkeit wird. Jim Collins (US-amerikanischer Managementexperte, Anm.) hat sich beispielsweise Unternehmen und deren CEOs angeschaut, die gut durch Krisen gekommen sind. Er wollte herausfinden, ob es ein gemeinsames Charakteristikum gibt. Und es hat sich gezeigt, dass es weniger die reinen Visionäre waren, sondern vielmehr jene, die eine produktive Paranoia an den Tag gelegt haben. Damit ist gemeint, dass erfolgreiche CEOs immer Angst haben, etwas zu verpassen, und deshalb ihre Warnantennen pausenlos ganz weit ausgefahren haben. Sie lassen sich durch Warnungen und potenzielle Gefahren allerdings nicht lähmen, sondern sind im Gegenteil produktiv, stellen Hypothesen auf, die dann verifiziert oder falsifiziert werden.

Wir sollten uns also auf die Suche nach Lösungen machen. Kann uns dabei die sogenannte epistemische Neugier helfen? Schließlich ist sie laut Psychologe Daniel Berlyne wissensbezogen.
Die epistemische Neugier ist eine Art Forscherdrang, der uns dazu bringt, aus Unwissen Wissen zu machen. Insofern unterscheidet sie sich massiv von dem, was man im Allgemeinen unter Neugier versteht – also beispielsweise den neuesten Klatsch und Tratsch erfahren zu wollen. Bei der epistemischen Neugier werden Fragen gestellt und ständig hinterfragt, bis man schlussendlich zum Kern kommt.

Aber ist es nicht auch so, dass wir oft das Interesse verlieren, wenn wir etwas verstanden haben, wenn also die Neugier gestillt ist? Und könnte man folglich – und zugegeben etwas überspitzt – sagen: Wüssten wir, was die Zukunft bringt, hätten wir gar kein Interesse am Morgen?
So einfach ist es nicht (lacht). Unsere Neugier wird dann entfacht, wenn etwas einerseits neu ist und wir andererseits einen Bezug dazu herstellen können. Stehen wir zum Beispiel in einem Museum für moderne Kunst vor einem Bild mit einem Farbklecks, ist das zwar neu, aber es erschließt sich uns meist nicht. Wird mir allerdings erklärt, warum der Künstler diesen Farbklecks gemacht hat, was er damit assoziiert, kann es auch für mich plötzlich interessant werden. Mit der Zukunft ist das nicht anders.

Angenommen ich habe einen Bezug zur Zukunft: Inwiefern kann mir der eigene Wissensdrang helfen, mich im – trotz allem – ungewissen Morgen zurechtzufinden?
Neugierige, wissbegierige Menschen kommen sehr viel leichter durch unsichere Zeiten. Schon alleine, weil sie schneller ins Tun kommen, sich – wenn es sein muss – verändern, neu aufstellen. Sie akzeptieren neue Situationen, auch wenn sie noch so mies sein sollten. In der Resilienzforschung nennt man das radikale Akzeptanz. In der Neugierforschung sprechen wir von Anspannungstoleranz: Neugierige Menschen halten Unsicherheiten besser aus und haben mehr Zuversicht, Probleme zu lösen. Außerdem legen sie eine Entdeckerfreude an den Tag – sie wollen wissen, wie es hinter dem Horizont ausschaut. Der Antrieb durch Wissenslücken spielt ebenfalls eine sehr wichtige Rolle. Dabei kommt ein biochemischer Prozess im Gehirn zum Tragen. Wenn wir zum Beispiel ein Rätsel lösen, wird das körpereigene Glückshormon Dopamin ausgeschüttet. So betrachtet, kann uns Neugier sogar körperlich befriedigen. Last but not least sind neugierige Menschen sehr offen im Umgang mit anderen Menschen und haben ein entsprechend reiches Sozialleben. Sie ziehen sich zur Reflexion zwar immer wieder mal zurück, brauchen aber eben auch ganz stark den Austausch.

 

Ich muss noch einmal auf das Fragen und Hinterfragen zurückkommen. Das mag andere nerven, doch mir eröffnet es zum Teil komplett neue Welten.
Absolut verständlich. Durch Fragen stellen wir einen Bezug zu unserem Leben her. Nicht nur deshalb sollten Fragen im Zentrum des Lernens stehen. Meiner Meinung nach ist es fatal, dass das an Schulen nicht der Fall ist. Vielmehr gilt: Je höher der Schulgrad, desto weniger Fragen werden gestellt, weil dafür keine Zeit ist und ja Wissen vermittelt werden muss. Als Ergebnis haben wir Absolventen, die nur wenig kreativ und innovativ sind. Im Berufsleben muss das dann durch diverse Workshops, Seminare oder Techniken wieder umständlich erlernt werden. Kinder und Jugendliche verlernen im Laufe der Ausbildung, Fragen zu stellen, neugierig und kreativ zu sein. Das ist bedenklich.

Wie wichtig sind denn die Antworten?
Na ja, in den Fragen stecken halt auch die Antworten.

Also nicht so wichtig.
Doch schon. Aber alles beginnt mit einer guten Frage. Daher arbeiten wir mit der Neugier-Methode Question-Storming. Das ist wie Brainstorming – nur mit Fragen. Dabei werden zunächst ganz, ganz viele Fragen zu einem Problem oder einer Herausforderung gesammelt – mindestens 30 Stück. Wichtig ist, dass die Fragen nicht kommentiert werden, sondern im Raum stehen bleiben dürfen. Es zeigt sich immer wieder, dass man durch eine Vielzahl von unterschiedlichen Fragen schlussendlich zum Kern des Problems vordringt.

Klingt sehr spannend. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass das manchen zu langsam geht. In unserer schnelllebigen Zeit brauchen wir ja auch entsprechend schnelle Lösungen.
Ja, denn unser Gehirn mag keine Unklarheit. Die Menschen fühlen sich wohler, wenn sie ein Problem mit ja oder nein abhaken und möglichst schnell zur Tagesordnung bzw. in den Energiesparmodus zurückkehren können. Das war früher wichtig, als wir entscheiden mussten, ob hinterm Busch ein Löwe sitzt. Heute brauchen wir das nicht mehr und suchen viel zu schnell die Abzweigung zur Lösung. Klar sollten wir nicht ewig über etwas nachdenken, aber mal ein, zwei Nächte darüber schlafen, macht durchaus Sinn. Wer sich näher mit der Thematik befassen möchte, dem kann ich Daniel Kahnemans Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ empfehlen.

Wir sollten uns also Zeit nehmen, über Dinge nachzudenken, sie neu zu entdecken bzw. neues Wissen zu generieren. Oder um bei Deinem Spezialgebiet zu bleiben: Wir sollten uns Zeit nehmen, neugierig zu sein. Stellt sich die Frage: Haben wir im Alltag überhaupt Platz für Neugier?
Wir haben Platz, wenn wir ihn uns nehmen. Wichtig ist außerdem, dass wir ihn anderen vermitteln – gerade im Hinblick auf die Führung von Mitarbeitern. Gute Führungskultur ist kommunikativ. Da werden viele Fragen gestellt, schon weil sich ein Leader darüber im Klaren ist, dass er oder sie nicht alles wissen kann – und auch nicht wissen muss. Dafür hat man ja ein Team mit unterschiedlichen Menschen, die wiederum über unterschiedliches Wissen verfügen. Eine gute Führungsperson kann sagen, dass er oder sie keine Ahnung hat, dass man gemeinsam über dieses oder jenes nachdenken sollte. Fragen stellen ist ein demokratischer Prozess, ein Dialog. Fragen zeigen auch Wertschätzung: Ich interessiere mich für Dich und Deine Meinung. Das ist wichtig.

Wenn ich also Fragen stelle und neugierig bin, kann ich mir in dieser sich schnell verändernden Welt Zeit verschaffen und mich gewissermaßen neu orientieren.
Definitiv. Natürlich müssen wir manchmal schnell reagieren. Zu schnell ist allerdings auch nicht gut, weil wir dann oft hektisch und unproduktiv agieren. Man kann das mit Wundversorgung vergleichen: Eine Blutung muss so rasch wie möglich gestillt werden. Dann aber gilt es, die Röntgenaufnahmen und weitere Untersuchungen abzuwarten, bevor nächste Schritte eingeleitet werden. Also ja, nehmen wir der schnelllebigen Welt durch unsere Neugier den Wind aus den Segeln, denn wir haben oft mehr Zeit als wir denken.

Vielen Dank für das Gespräch, Andreas!

 

(c) Zukunftsinstitut Workshop

 

Zur Person: Andreas Steinle

Andreas Steinle ist – zusammen mit Christiane Friedemann – CEO und Gründer der Zukunftsinstitut Workshop GmbH in Frankfurt, eine Schwestergesellschaft des Zukunftsinstituts, dem er viele Jahre als Geschäftsführer vorstand. Er ist seit über 20 Jahren in der Trend- und Zukunftsforschung tätig – von Hamburg bis nach New York –, berät Unternehmen in der Fragestellung, wie sie ihre Zukunftsfitness verbessern können, ist gefragter Redner und Autor mehrerer Bücher. Neben der Erforschung der Neugier gilt sein besonderes Interesse dem gesellschaftlichen Wandel und wie sich dieser in neuen Konsum- und Kommunikationstrends ausdrückt.

Website: www.zukunftsinstitut-workshop.de

 

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Im Gespräch mit...,Orientierung

Neugier: Nehmen wir den Wind aus den Segeln

Die Neugier hat es dem Frankfurter Innovationsberater sowie Trend- und Zukunftsforscher Andreas Steinle besonders angetan. Im Gespräch erzählt er, wie uns produktive Paranoia und Forscherdrang auf dem Weg ins ungewisse Morgen helfen können, was die Zukunft mit einem Farbklecks zu tun hat und warum wir (wieder) Fragen stellen sollten.

Es ist vertrackt: Überall soll man sich auskennen.
Regeln muss man beherrschen, Hintergründe verstehen, neue Methoden erlernen, Menschen begreifen, Länder und Sitten durchdringen, Müll sortieren, Ernährung und Gesundheit analysieren. Und das war noch nicht alles. In der Zukunft ist noch viel mehr los.

Wo soll’s denn bitte schön hingehen?

Jeder Mensch ist heute aufgefordert, irgendwie auch ein bisschen Experte zu sein. Expertentum hat Hochkonjunktur.
Das hat seine guten Seiten. Menschen wollen wissen und verstehen, was um sie herum passiert. Sie sind interessiert an der Welt, neugierig auf das, was sie umgibt. Sie brauchen zu ihrer Entwicklung Hinweise, die sie auf ihrem Weg ein bisschen leiten oder doch zumindest unterstützen können. Es ist gut, wenn sich Wissenschaftler und andere kluge Menschen mit Fragen auseinandersetzen und versuchen, Lösungen und Antworten zu finden, die dringend notwendig sind, um unser aller Leben zu verbessern. Und es ist gleichzeitig unbedingt erforderlich, dass sich Menschen von überall her, mit den unterschiedlichsten Kompetenzen, ihren vielfachen Fragen und mindestens genauso vielen klugen Ideen einbringen und mit den Experten gemeinsame Sache machen.

Man kann sich vorstellen, was dann entsteht: mitreißende Energie, Gestaltungsansätze, Vorschläge und Verrücktheiten – all das, was es braucht, um wirklich voranzukommen. Und dazu sind noch nicht mal Wegweiser, Hinweisschilder, Ampeln oder andere regulatorische Markierungen notwendig. Gesucht werden einfach nur Menschen, die etwas bewegen wollen, die eine ordentliche Portion intrinsischer Motivation und Begeisterungsfähigkeit mitbringen und die sich zuständig fühlen, einen Beitrag für die Zukunft zu erbringen.

So etwas wie Orientierung kann da helfen.
Orientierung suchen wir in diesen schnellen Zeiten, in denen an jedem Tag eine unfassbare Informationsflut auf uns hereinprasselt, alle. Da aber kaum jemand Zeit hat, diesen Wust an Meldungen zu sichten und zu prüfen, sucht manch einer sich zwangsläufig das schnell Konsumierbare oder das auf die Schnelle Verständliche heraus, das in den eigenen Kontext passt. Leider entspricht das zu selten einer guten Expertise für eine klare Orientierung. Denn die ist eben nicht der schnelle Wink – mit oder ohne Zaunpfahl. Nicht der Wisch – in welche Richtung auch immer. Ebenso wenig der Stupser in die (vermeintlich) richtige Richtung. Oder die Ansage eines Amtsträgers.

Vom Suchen und Finden.

Orientierung bekommt man nicht, man muss sie finden. Und das geht nur über viele Fragen, über mehrere Versuche, über Ausprobieren, Verwerfen, Glück, Scheitern und die Suche nach dem besten Weg in dieser Welt voller Möglichkeiten. Dabei hilft es, mehrmals hinzuschauen. Dann tut sich auch mal ein neuer Blick auf, der dahin führt, wo man auch tatsächlich gerne hinwill. Da entdeckt man Neuland und echte Perspektiven. Wenn das nicht ein guter Leitfaden ist.

 

Über die Autorin…

Dr. Gabriela Rieck stellt als Marken- und Kommunikationsstrategin vor allem Fragen: Was treibt Menschen um? Worüber sprechen sie? Worauf vertrauen sie und was erwarten sie von sich, von der Zukunft, von der Welt? Und dann geht es auf die Suche: Nach Strategien für Maßnahmen, die für Aufmerksamkeit, für Teilnahme und für Entwicklung sorgen.
Langjährig in internationalen Agenturen und als freie Marken- und CI-Beraterin tätig, führt sie heute Workshops durch, bringt vielfältige Menschen in Strategie-Dialogen zusammen und entwickelt gemeinsam mit Teams kreative Ansätze für neue Formate der Kommunikation. Sie lehrt an Hochschulen und arbeitet in Projekten mit den kommenden Generationen.
Gabriela Rieck erfindet (sich) gerne immer wieder neu und bleibt dabei hanseatisch zuverlässig.

www.marcie-markenentwicklung.de

 

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Gastkommentar,Orientierung

Leitfaden für den Weg in die Zukunft

Gabriela Rieck ist davon überzeugt, dass man Orientierung nicht finden kann, sondern dass man sie sich erfragen muss. Und dass sie so zum Leitfaden werden kann.

In einer kurzen Notiz bemerkte der französische Philosoph Michel Foucault im Jahre 1973, dass „wir auf grundlegende Weise nach dem Heute fragen“ müssen, wenn wir unsere Zukunft beherrschen wollen („O mundo é um grande hospício“, 1973).
Die meisten Menschen wissen es aus eigener, leidvoller Erfahrung: Wenn man heute nicht plant, spielt man mit der Zukunft. Manch einer von uns weiß aber auch, dass jede Planung ihre Grenzen hat. Denn nicht alles, was wir uns vornehmen, wird funktionieren. Und manch neue Lösung wird sich in der Zukunft als Problem herausstellen.
Was haben sich im Jahre 1961 die Damen und Herren des US-amerikanischen Weltraumprogramms wohl gedacht? Haben sie ihre Gegenwart grundlegend befragt oder haben sie nicht vielmehr unseren Mond fixiert, diesen für uns Menschen bis dahin unerreichbaren Ort — dem die Menschheit nun einen Besuch abstatten wollte?

Im selben Jahr kam ich zur Welt und saß 1969 vor dem Fernsehgerät, um die Landung des ersten Menschen auf dem Mond mitzuerleben. Dieses Projekt gab mir wahrlich Orientierung. Ich lernte damals, dass wir uns die schwierigsten, die kompliziertesten, ja, die verrücktesten Projekte vornehmen können. Und dass wir es schaffen, wenn wir nur wollen.

Genau ein halbes Jahrhundert nach diesem Coup erlebten meine drei Kinder den Transfer eines privaten Sportwagens in die Sonnenumlaufbahn. Dieses nicht weniger spektakuläre Ereignis orientierte mich persönlich darüber, dass wir Menschen einen entscheidenden Schritt weiter gekommen sind. Mir wurde plötzlich klar, dass wir technisch so viel mehr tun können — als wir tun sollten.
Manche Fortschritte unserer technischen Welt sind auf eine geradezu bedrohliche Weise leistungsfähig. Wenn wir uns heute Gedanken über unsere Zukunft machen, dann könnten wir zwei Richtungen im Blick haben: den nach vorne orientierten Blick in die Zukunft — aber auch den prüfenden Blick zurück.
Das uns vertraute Wort Orientierung ist eine Ableitung zu (frz.) orient und bedeutet soviel wie „die Richtung, in der ein neuer Tag aufsteigt“. Anlässlich der Weltlage im allgemeinen und der Gründung des Vereins „Zukunft Neu Denken“ im besonderen, schlage ich daher vor, dass wir heute gemeinsam unsere Kräfte zähmen, dass wir heute gemeinsam unseren unbedingten Willen depotenzieren, dass wir heute gemeinsame Grenze anerkennen — so „okzidentieren“ wir uns in zeitgemäßer Weise.

Nur ein Spiel mit Worten?

Nein, verstehen wir es als eine „Denkform“ der Zukunft — einer koexistentiellen Zukunft — einer Zukunft in Frieden, Gesundheit und Wohlstand.

 

Über den Autor…

Prof. Dr. Gerhard M. Buurman ist Designer und Kulturwissenschaftler. Von 2001 bis 2017 unterrichtete er an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich, wo er unter anderem die Studienbereiche Interaction Design und Game-Design gründete, den Aufbau des Swiss Design Institute for Finance and Banking initiierte und das Institut für Designforschung leitete. Heute arbeitet der Konstanzer mit seinem Institut für Denkformen einmal mehr an der Schnittstelle von Design und Ökonomie. Gerhard M. Buurman ist außerdem Teil des Zukunftsrates von Zukunft Neu Denken.

www.postmodular.de

 

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Okzidentierung in zeitgemäßer Weise

Gerhard M. Buurmann erkärt, warum wir sowohl einen nach vorne orientierten Blick in die Zukunft benötigen, als auch einen prüfenden Blick zurück.