Plattform für verantwortungsvolle und mutige Zukunftslobbyisten

Oft wird in den Feuilletons die Ökonomisierung der Gesellschaft beklagt. Dies mag in mancher Hinsicht berechtigt sein, doch die häufig zu beobachtende Abwertung von Markt und Unternehmertum verkennt den Zusammenhang zwischen ökonomischer Potenz und gesellschaftlichem Fortschritt. Zwar lässt sich unsere Gesellschaft nicht auf Businessmodelle reduzieren, aber ohne die Geschäftsmodelle einer freien Wirtschaft wäre unsere Gesellschaft auf dem Stand des 19. Jahrhunderts eingefroren. Geschäftsmodelle sind gleichzeitig Begleiter und (mitunter disruptive) Antreiber gesellschaftlicher Entwicklungen.
Seit Beginn des Industriezeitalters wurden technische Innovationen zum wichtigsten Faktor bei der Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft. Auf wirtschaftlicher Ebene revolutionierten Technologiesprünge bestehende Geschäftsmodelle und ermöglichten zahlreiche völlig neue. Regelmäßig veränderten sich dadurch auch die gesellschaftlichen Verhältnisse und Strukturen. Jede der drei vor-digitalen industriellen Revolutionen (Dampfmaschine, Elektrizität und Automation) reduzierte den Arbeitsaufwand für den Menschen durch den Einsatz von Maschinen. Die Produktivität bestehender Geschäftsmodelle stieg sprunghaft, für die Produktion von Gütern und Waren wurden immer weniger Menschen benötigt. Darüber hinaus ergaben sich völlig neue Businessmöglichkeiten.
Massenproduktion, Fernreisen, Telefonie, Rundfunk und Fernsehen – dies sind nur einige Beispiele dafür, wie tiefgreifend neue Technologien zugleich das Business und die Gesellschaft transformierten. Eine Fülle von Gütern konnte in ausreichender Menge produziert und mittels neuartiger Transportmittel global verteilt werden. Ferne, bisher unzugängliche Regionen der Erde standen bald auch dem Durchschnittsbürger für Reisen und Entdeckungen zur Verfügung. Die Kommunikationstechnologie wiederum sorgte für schnelle und authentische Information. Damit entstand erstmals eine breite Basis für die auf einer informierten Öffentlichkeit beruhende moderne Demokratie.

Digital und revolutionär

Nun stehen wir mitten in einer neuen Transformation, deren technologische Drehscheibe die Digitalisierung ist. Digitalisierte Prozesse beschleunigen alle Aspekte der verschiedenen Abläufe in Unternehmen, reduzieren den Ressourcenaufwand an Personal und Material, automatisieren durch die Kombination von Sensorik und Maschinensteuerung Fertigung und Logistik und erlaubt durch den Einsatz von zunehmend intelligenter Analysesoftware eine datenbasierte Entscheidungsgrundlage für Unternehmen und Institutionen aller Art.
Damit wird viel mehr erreicht als nur eine revolutionäre Steigerung der Produktivität in Fertigung und Logistik. Die Digitalisierung schafft durch eine Vernetzung von Wertschöpfungsprozessen und Produkten innovative Möglichkeiten, Kundenbedürfnisse zu bedienen oder völlig neue Kundensegmente anzusprechen. Beispielsweise sind so erstmals individualisierte Dienstleistungen und Produkte auf wirtschaftliche Weise realisierbar. Durch integrierte Feedbackmöglichkeiten und Datenanalyse lassen sich zudem Kundenwünsche direkt in die Entscheidungsabläufe
der Unternehmen integrieren: Der individuelle Verbraucher wird somit vom Endglied einer Kette zu einem aktiven Mitglied im Produktions- und Dienstleistungsgeschehen, zu einem Partner innerhalb der Wertschöpfungsnetzwerke.
Die durch digital technologies zur Informationsverarbeitung und Kommunikation ermöglichten Prozesse bringen eine Reihe von gravierenden Veränderungen für die Art und Weise mit sich, wie wir als Individuen und Gesellschaft leben, wirtschaften, kommunizieren und uns informieren. Echtzeitkommunikation, soziale Medien und grenzenlose Informationsoptionen über Suchmaschinen etc. bringen Menschen miteinander in Verbindung, die gleiche Interessen haben, in früheren Zeiten jedoch niemals in Kontakt gekommen wären. Onlineplattformen integrieren unterschiedliche Stakeholder ganzer Branchen zu umfangreichen Ökosystemen, in denen sie effizient, schnell und sicher die Prozesse ihres Segments bearbeiten können. Ein Beispiel sind Plattformen der Immobilienbranche, wo Eigentümer, Verwalter, Mieter, Dienstleister, Bauunternehmen, Handwerker, Stadtwerke etc. digital Prozesse wie Mieterkommunikation, Nebenkostenermittlung und -abrechnung oder Beschwerdemanagement abwickeln.

Licht und Schatten

Eines ist all diesen Businessmodellen gemeinsam: Sie vertiefen die Integration von Wirtschaft und Gesellschaft, so dass die jeweils eine Seite die andere mit transformiert. Dies hat zweifellos immense Vorteile für Effizienz, Komfort und Kundenzufriedenheit. Aber wo Licht ist, ist immer auch Schatten, und so ist nicht zu leugnen, dass diese Entwicklung auch mit Gefahren verbunden ist. Wenn Geschäftsmodelle datenbasierte Technologien nutzen (etwa durch Apps als Vertriebsunterstützung), erhöhen sie die Produktivität für alle Seiten. Wenn aber die Geschäftsmodelle selbst datenbasiert sind (etwa in der Onlinewerbung), also die Daten die entscheidende Ressource sind, droht die Jagd nach Nutzerdaten zu einer Bedrohung für die persönliche Selbstbestimmung zu werden. Da wir bei dieser Entwicklung erst am Anfang stehen, ist es Aufgabe der Gesellschaft, schnell entsprechende Mechanismen für Transparenz und Sicherheit zu schaffen. Nur dann wird die Digitalisierung am Ende Freiheit und Handlungsoptionen der Menschen vergrößern und nicht zu einer verdeckten Beherrschung durch undurchsichtige Kräfte. Go digital. Go future.

 

Über den Autor: Sven Neumann

…ist Gründer und Inhaber von impacts4u, Spezialist für Unternehmenstransformation im Zeitalter der Disruption mit Sitz in Dortmund (D). Langjährige praktische Erfahrung in innovativen Unternehmen, als Unternehmer, Wirtschaftsberater, Begleiter und Coach von Start-ups sowie die intensive Beschäftigung mit kreativen Denk- und Handlungsprozessen haben den Diplomkaufmann zu einem gesuchten Vordenker und Umsetzer für die Transformation von Unternehmen gemacht. Außerdem engagiert er sich als Lehrbeauftragter an verschiedenen privaten Hochschulen für die Ausbildung des kreativ und innovativ denkenden Nachwuchses.

 

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Gastkommentar,Transformation

Go digital: Transformation durch Einsen und Nullen

Sven Neumann ist davon überzeugt, dass technische Innovationen und industrielle Revolutionen nicht nur die Wirtschaft, sondern die gesamte Gesellschaft transformieren – so auch die Digitalisierung. Wie unser Leben dadurch verbessert werden kann und welche Schattenseiten wir dennoch im Blickfeld behalten müssen.

Bettina, du bist Geschäftsführerin der CampusVäre – Creative Institute Vorarlberg in Dornbirn, wo ihr eine 12.000 qm große ehemalige Industriehalle zu einem multifunktionalen Arbeits-, Lehr-, Forschungs- und Lebensraum der Kreativität transformiert. Wie kann man sich das vorstellen?
Wie eine Art Erforschung, Erschließung und Neuentdeckung eines Denkmals Vorarlberger Industriekultur. Bis in die 1970er-Jahre waren diese Hallen der größte Websaal Österreichs, in den Hochzeiten arbeiteten hier an die 3.000 Menschen. Nun ist es unsere Aufgabe, das Areal in einen Arbeits- und Wirtschaftsraum der Zukunft zu transformieren und zugleich Anlaufstelle und Plattform für Kreativwirtschaft, Digitalisierung, Wissenschaft, Bildung, Innovation und Kultur zu werden. Dabei betrachten wir die Hallen neu und lernen, wie wir sie bestmöglich nutzen können – und zwar wortwörtlich „Meter für Meter“. Als wir hier eingezogen sind, waren beispielsweise die Räume, in denen wir heute unser Büro haben seit Jahren unbenutzt. Nachdem wir sie leergeräumt und geputzt hatten, kam eine nahezu intakte Substanz zum Vorschein – bis auf den Internetanschluss. Nach wie vor gibt es aber auch Räumlichkeiten, zu denen man regelrecht vordringen muss, bevor man sie überhaupt nutzen kann. Andere Teile der Hallen sind vermietet, wir alle zusammen ergeben ein sich befruchtendes Biotop und eine gute Mischung an Belebung.

Zeichnet ihr denn auch für die Ansiedlung neuer Mieter verantwortlich?
Unter anderem, ja. Und das zeigt meiner Meinung nach gut, dass die Dinge hier neu und mutig angegangen werden – immerhin sind wir weder Architekten noch Immobilienentwickler, sondern ein Institut für Kreativität, das diese Hallen kuratorisch und inhaltlich neu entwickeln soll. Unser Ansatz ist es, Bestehendes zu erhalten und im Sinne des Urban Minings und der Sekundären Ressourcennutzung im Kreislauf der Verwendung zu halten. Die Stadt Dornbirn geht diesen wichtigen Weg in die Zukunft mit und hat entschieden, die Hallen – anders als ursprünglich geplant – zur Umsetzung unserer Vorhaben zu erhalten. Es ist unsere Aufgabe, die Hallen mit neuem Leben zu füllen, sie zu bespielen und sie zu einem Zentrum für Innovation und Kreativität zu entwickeln. Entsprechend war und ist wichtig, dass Projekte, Ideen und künftige Mieter der Idee der „Werkstatt zur Entwicklung der Zukunft“ folgen. Ein Beispiel: Ein Starbucks würde nicht zur CampusVäre passen, sehr wohl aber eine regional und nachhaltig arbeitende Kaffeerösterei. Das Bekenntnis zum Standort ist im Hinblick auf die Ansiedlungsökonomie künftiger Mieter entscheidend.

Gerade wenn es um die Zukunft geht, kann man zwar Pläne schmieden, Zukunftsbilder und Möglichkeitsräume entwickeln, benötigt allerdings immer Gestaltungsspielraum und die Möglichkeit zum Scheitern und Umkehren.
Exakt. Man kann nicht alles wissen. Aber man kann der Zukunft einen Experimentierraum geben. Disruption hilft dabei ebenso wie Kunst und Kultur. Wenn es etwa darum geht, den Menschen und potenziellen künftigen Mietern die Hallen näherzubringen und sie für den Standort zu begeistern. Hard Facts allein genügen dabei nicht mehr. Eine gute Anbindung, Abstellmöglichkeiten etc. sind Standard. Die Menschen brauchen mehr bzw. wollen inspiriert werden. Entsprechend stellen wir uns bei jeder Weiterentwicklung zuerst die Frage, welche Bedürfnisse künftige Mieter bzw. Nutzer haben. Eine Grundhaltung, die ich übrigens aus meinen bisherigen beruflichen Stationen (u.a. Urbane Künste Ruhr, Museumsquartier Wien, Tabakfabrik Linz, Anm.) mitnehmen durfte. In der Tabakfabrik Linz heißt es etwa: „Wegen Umbau geöffnet“. Das ist doch großartig! Es geht nicht um Perfektion, sondern um das gemeinsame Entstehen lassen von Zukunft.

(c) Dietmar Tollerian

Die Umgestaltung einer ehemaligen Industriehalle zu einem Ort der Kreativität kann man ja auch auf die Gesellschaft umlegen. Ich meine: In einer sich derart schnell verändernden Welt, brauchen wir doch eine komplett neue Kultur. Und was wäre da passender als eine Kreativkultur.
Zumal Kreativität der Rohstoff der Zukunft ist. Allerdings brauchen Kreative die richtigen Rahmenbedingungen, um Zukunft schaffen zu können. Und ist nicht jeder kreativ? Kann nicht jeder, neue Dinge erschaffen?

Sofern man mit dem richtigen Mindset an die Sache herangeht, auf jeden Fall.
Ja, wir brauchen ein neues Mindset. Angst vor der Zukunft zu haben, macht keinen Sinn. Ich selbst habe weder Zukunftsängste noch kenne ich für mich und meine Welt realistische Bedrohungsszenarien. Dabei ist natürlich wichtig, dass man sich auf sich selbst verlassen kann. Dann nämlich kann man so viel schaffen und erschaffen. Geht nicht, gibt es in meiner Welt schlichtweg nicht. Wir müssen den Menschen ihre Wirkfähigkeit zurückgeben.

Und wir müssen sie ermutigen, positive Zukunftsbilder zu zeichnen. Ich bin zwar voll bei Dir, dass es keinen Sinn macht, Angst vor der Zukunft zu haben. Viele aber sind kritisch und blicken pessimistisch in die Welt von Morgen und Übermorgen. Daher müssen wir die Menschen zum Diskurs einladen, mit ihnen über Zukunft sprechen und eben positive Zukunftsbilder schaffen.
Das ist auch in der Argumentation gegenüber der Politik von großer Bedeutung. Wenn sich eine Gesellschaft verändert, verändern sich die Systeme ebenso. Was mich so stört ist: Es wird immer mit alten Werkzeugen argumentiert. Dabei können wir einen Computer nicht mit einem Schraubenzieher reparieren. Und einmal mehr ist Kreativität ein wichtiger Asset – womöglich sogar das Asset der Zukunft, auch um einen Standort attraktiv zu machen, vor allem in Zeiten des Fachkräftemangels.

Du hast ja schon einige berufliche Stationen an unterschiedlichen Orten hinter Dir. Was treibt dich an, dich kontinuierlich zu verändern?
Stimmt. Ich habe zwischen verschiedenen interessanten Jobs gewechselt und damit zugleich Wohnort und Gesellschaft. Ich sage immer: Ich liebe es fremd zu sein und heimisch zu werden. Und das beziehe ich auch auf Themen. Vor einigen Jahren fand ich beispielsweise die Digitalisierung noch nicht so interessant. Mittlerweile aber habe ich mich damit beschäftigt und bin davon überzeugt, dass sie uns und unser aller Leben bereichert.
Eine meiner beruflichen Stationen hat mich übrigens ins Ruhrgebiet geführt (Bettina war Teil von RUHR.2010 – Kulturhauptstadt Europas und Urbane Künste Ruhr, Anm.). Bis heute bin ich begeistert davon, wie sehr sich die Menschen dort aufeinander verlassen und wie viel sie damit bewirken können. Das hat vor allem mit der jahrhundertelangen Bergbaugeschichte zu tun: Über Generationen hinweg mussten sich die Kumpel im wahrsten Sinne des Wortes blind aufeinander verlassen. Nach dem Niedergang des Bergbaus waren die Menschen zuerst fassungslos. Und dann entscheiden sie sich, sich für die Kulturhauptstadt zu bewerben – und es hat funktioniert, weil sie gemeinsam angepackt, daran geglaubt haben und auf sich vertrauen konnten. Heute hat sich das Ruhrgebiet zu einer lebendigen Region entwickelt, weil die Menschen an der Transformation beteiligt waren und mitgewirkt haben. Also ja, man kann es schaffen, Dinge zu bewegen und zu verändern – wenn man dazu ermutigt und befähigt wird.

Vielen Dank für das Gespräch, Bettina!

 

(c) Dietmar Mathis

 

Zur Person: Bettina Steindl

…Bettina Steindl ist seit 2020 Geschäftsführerin der CampusVäre – Creative Institute Vorarlberg GmbH am Campus V in Dornbirn. Zuvor hat die gebürtige Tirolerin, die heute im Bregenzerwald zuhause ist und auch an Fachhochschulen und Universitäten unterrichtet, unter anderem in Dornbirn das Bewerbungsbüro zur Kulturhauptstadt Europas 2024 geführt und war Leiterin des designforum Wien.
www.c-i-v.at

 

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Im Gespräch mit...,Transformation

Kreativität ist das Asset der Zukunft

Bettina Steindl und ihr Team errichten in Dornbirn (Vorarlberg, A) eine „Werkstatt zur Entwicklung der Zukunft“. Warum Kreative diese brauchen, wieso es nicht um Perfektion geht und wieso sie selbst keine Angst vor der Zukunft kennt.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der „gezeichnet vom Leben“ nach wie vor negativ belegt ist. Weiße Haare werden gefärbt, Altersflecken vom Haut- oder Schönheitsarzt weggemacht und Falten gehen sowieso nicht. Wir wollen im Leben weiterkommen, aber niemand möchte alt werden. Fotograf Christian Holzknecht hat sich gefragt, warum das so ist, sich auf der Suche nach einer Antwort in ein Seniorenhaus begeben und die Gesichter und Hände von Menschen fotografiert, die „gezeichnet vom Leben“ sind – im schönsten Sinne des Wortes.

Und plötzlich kam ihm ein Gedanke, der so verrückt war, dass er ihn erst gar nicht aussprechen konnte: „Was wäre, wenn anstelle der älteren Menschen, die ihre Jugend zurück ersehnen, die jungen Menschen sich auf das Altern freuen? Weil es echt ist, weil es in der Richtung ist, wie die Natur es für uns vorsieht. Dann würde ein junges Mädchen zur Oma sagen: ‚Mensch Oma, deine Falten sind soooo schön und ich kann es kaum erwarten, bis ich auch so schöne Falten habe.‘“
Wie also wäre es, wenn wir das Leben als den Maler betrachten würden, der unser Gesicht, unsere Hände – uns als seine Leinwand, als sein Kunstwerk sieht? Was, wenn unsere Erlebnisse und Erfahrungen Pinsel und Farben sind, die uns so einzigartig zeichnen, wie das Leben als Künstler sich das für jeden von uns überlegt hat? Was, wenn auch wir uns als Kunstwerk sehen würden, das mit jedem Jahr, das es in der Staffelei des Lebens verbringt, schöner und wertvoller wird?

   

Die Bilder wurden mit Bewohnern eines Seniorenhauses der Sozialdienste Lustenau gemacht und uns von Christian Holzknecht zu Verfügung gestellt. Wie er verneigen auch wir uns vor diesen vom Leben so schön gezeichneten Menschen.

 

Über den Fotografen

Christian Holzknecht bringt die Menschen vor seiner Kamera dazu, ihr wahres Ich zu zeigen, indem er ihnen die richtigen Fragen stellt und zuhört, mit ihnen spricht und philosophiert. Und ja, oft provoziert er auch – für eine bessere Welt, eine für eine bessere Fotografie und dafür, dass die Menschen wieder in ihrer „Einzigartigkeit“ groß werden. Der heute in Wien lebende Fotograf und Kreative hat schon viele Veränderungen hinter sich und findet doch mit jeder Transformation näher zu sich – gezeichnet vom Leben eben.

www.christianholzknecht.com

 

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Fotostrecke,Transformation

Gezeichnet vom Leben

Fotograf Christian Holzknecht sieht den Menschen als vom Leben gezeichnetes Kunstwerk und zeigt in einem aktuellen Projekt, warum wir mit jeder Falte schöner werden.

Transformationen gibt es zurzeit unzählige. Wir hören von Transformationen im Umgang mit dem Klimawandel, von gesellschaftlichen als auch politischen Transformationen oder von solchen, die in Unternehmen vonstatten gehen. Und genau um diese Letzteren soll es an dieser Stelle gehen.
Transformare stammt aus dem Lateinischen und beschreibt einen Wandel von einem Zustand in einen anderen. Im betriebswirtschaftlichen Kontext ist es also das Vorhaben, eine Organisation von einem Zustand im Jetzt in einen definierten Zielzustand zu bringen. Als Gründerin und ehemalige Leiterin eines Transformation Offices in einem global tätigen Konzern habe ich mich viele Jahre immer wieder folgende Worte sagen hören:

„Wenn wir unser neues Geschäftsmodell erfolgreich umsetzen wollen, müssen wir beginnen, uns anders zu verhalten. Eine Transformation geschieht zuallererst im Innen. Erst dann kann ein Wandel nach außen wirken. Transformation heißt, dass wir damit beginnen, uns als Führungskräfte anders zu verhalten.“

Die Reaktion war meist zustimmendes Nicken. So weit, so gut. In den darauffolgenden Diskussionen ging es meist um Themen wie Kundenorientierung, Agilität, Selbstorganisation und sinnstiftende Zusammenarbeit, kürzere Entscheidungswege, flachere Hierarchien und autonome Teams. Und das alles führte schlussendlich zur „Erkenntnis“: Wir brauchen ein neues Mindset!
Daran ist natürlich nichts falsch. Und darüber, dass ein Mindset-Change hermuss, ist man sich in Führungskreisen auch rasch einig. Aber was heißt denn das eigentlich?

Das Verhalten der anderen

Ein neues Mindset bedeutet, dass sich die Leute anders verhalten sollen. Die Mitarbeiter tun nicht so wie das Management will. „Als Organisation sind wir zu wenig innovativ, zu wenig kundenorientiert und zu langsam“, so der Tenor. Der Pluralis Majestatis bezieht sich in diesem Fall jedoch nur auf einen Teil der Belegschaft. Gemeint sind also alle – außer dem Management.
Es wird in Führungsklausuren und Strategiemeetings viel über die notwendige Transformation und den vielgepriesenen Mindset-Change gesprochen. Man(n) ist sich der Dringlichkeit bewusst und auch dass das Ganze nicht so einfach wird. Aber in diesen Gesprächen denkt kaum jemand daran, dass eine Transformation gerade mit denjenigen zu tun hat, die den Wandel initiieren und vorantreiben wollen: den Führungskräften. Und so kommt es dazu, dass ein anderes Verhalten gewünscht ist. Das aber bezieht sich eben oft nur auf das Verhalten der anderen.

Der Satz „Wir brauchen ein neues Mindset“ ist mittlerweile zu einer derart weit verbreiteten Floskel geworden, dass sich niemand mehr zu fragen traut: „Was ist das eigentlich: ein neues Mindset?“ Mir fällt dabei immer die Matrix aus dem gleichnamigen Science-Fiction-Film ein. Ist mit dem Mindset-Change vielleicht auch das Upload eines neues Bewusstseins-Programms gemeint, sodass wir plötzlich neu denken können und uns anders verhalten?
Um zu einem neuen Denken zu kommen, müssen wir uns allerdings zuerst darüber bewusstwerden, was und wie wir heute denken, in welche Denkfallen wir tappen und welchen Mustern wir unbewusst unterliegen. Während die einen auf künstliche Intelligenzen aus dem Silicon Valley setzen, plädiere ich für die gute alte Philosophie: „Ich denke, also bin ich.“ René Descartes eröffnet uns damit die Möglichkeit, uns durch Denken zu verändern und uns folglich auch anders zu verhalten.

Mindset-Change transformieren

Transformation in Unternehmen ist ein anderes Wort für Reorganisation und Restrukturierung. Es geht in Wahrheit nicht um einen Wandel, sondern um das Bewahren der herkömmlichen Logik unter Verwendung des Begriffs Transformation. Auch wenn von einem Kulturwandel gesprochen wird, wird dieser letztendlich nicht ernst genommen. Da Kultur im derzeitigen Denken nicht in messbare Größen gegossen werden kann, spielt sie am Ende des Tages eine untergeordnete Rolle.
Eine neue Herangehensweise, die wirklich ein neues Mindset voraussetzt, würde sich nicht mehr an Profit als Zielgröße für den Erfolg einer Transformation orientieren. Wie in der Quantenphysik könnten stattdessen erstrebenswerte Seins-Zustände qualitativ beschrieben werden. Ein möglicher Zielzustand wäre dann zum Beispiel die Beschreibung gelingender Kooperationen im Unternehmen.
Der viel besprochene Mindset-Change im Unternehmenskontext hieße somit, endlich vom längst überholten Bild des homo oeconomicus abzugehen. Diesen Schritt zu gehen, verlangt allerdings nachdenken, hinterfragen, neu bewerten, umdenken und folglich sein Verhalten ändern.
Ich bin sehr wohl der Meinung, dass bei zahlreichen Unternehmen Transformationen anstehen. Und für viele Unternehmen ist es wirklich an der Zeit, an ihrem „Inneren” zu arbeiten, da sonst die Überlebensfähigkeit mittel- bis langfristig nicht mehr garantiert ist. Jedoch bezieht sich auch die Transformationsarbeit in Unternehmen in einem kulturellen Wandel. Und dieser setzt wiederum voraus, dass überholte Theorien, alte Muster und Handlungsweisen hinterfragt werden, dass neue Sichtweisen Einzug halten, neues Verhalten geübt wird und so an der Änderung der Wahrnehmung gearbeitet werden kann.
Ist das gegeben, könnten wir in der Tat vom Einzug eines neuen Mindsets im Sinne neuer Denk- und Verhaltensmuster sprechen. Und dann ist Transformationsarbeit auch wieder lohnenswert.

 

 

Über die Autorin: Michaela Burger

… leitete zuletzt die Marketing- und Kommunikationsabteilung des international tätigen Beschlägeherstellers Blum in Höchst. Zuvor war die gebürtige Niederösterreicherin viele Jahre bei Swarovski tätig, wo sie unter anderem für Strategie, Innovation und Transformation verantwortlich zeichnete. Ihre beruflichen Anfänge machte sie bei einem internationalen Biopharmazeuten im Human Ressource Bereich. Michaela ist außerdem Teil des Zukunftsrates von Zukunft Neu Denken.

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Gastkommentar,Transformation

Mindset-Change: Transformation neu denken

Michaela Burger hat schon einige Transformationen in Unternehmen miterlebt. Warum der Ruf nach einem neuen Mindset immer besonders laut war, sich aber dennoch nur selten etwas verändert hat und wie ein Mindset-Change wirklich funktionieren könnte.

Du bist schon seit drei Jahrzehnten in der Zukunftsarbeit tätig. Was hat sich seither verändert?
Die Zukunft ist seit jeher ein Thema – für den einzelnen, die Gesellschaft als Ganzes, für Industrie, Wirtschaft und Politik. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Allerdings ist das Thema in Gestalt der Zukunftsforschung mittlerweile auch in anderen Bereich angekommen – von Bildungseinrichtungen bis hin zu Ministerien und Regierungen. Natürlich ist der Weg nicht beendet, er geht weiter. Und das ist ja eigentlich das Spannende: Zukunft kann nie gebannt werden, sie bleibt störrisch und immer überraschend. Sie wird immer eine kreative Annäherung erfordern. Letzteres ist im Grunde die herausfordernde Konstante, wenn es um Zukunft geht. Die Bedingungen ringsherum verändern sich laufend. Und aktuell haben wir es noch dazu mit multiplen Krisen zu tun: Klima, Corona, Krieg – um nur einige zu nennen. Das erfordert ein Nachdenken im Voraus: Wie gehen wir künftig mit dem Selbstverständnis um, das wir in Europa über all die Jahre im Hinblick auf Sicherheiten entwickelt haben? Gibt es diese Sicherheiten überhaupt noch?

Hat es sie überhaupt jemals gegeben? Obwohl wahrscheinlich nicht absehbar war, dass es derart viele, wie Du sagst, multiple Krisen in so kurzer Zeit gibt.
Nein! Wobei ich nie behauptet habe, die Zukunft voraussagen zu wollen, geschweige denn zu können. Aber man muss sich schon darüber im Klaren sein: Krisen gehören zur gesellschaftlichen Routine – Krisen, wie das Waldsterben, Tschernobyl, 9/11, die Weltwirtschaftskrise 2008, Corona und jetzt eben der Ukraine-Krieg begleiten uns beständig. Wenngleich natürlich niemand gehofft oder erwartet hat, nach 77 Jahren Frieden noch einmal eine derartige Krise erleben zu müssen. Das haben wir wahrscheinlich ein Stück weit auch verdrängt. Die heftig umstrittene Ost-Politik von Willy Brandt war der Versuch, eine Nachkriegsordnung zu entwerfen, die dauerhaft Frieden ermöglicht. Dieser Versuch ist gescheitert. Fakt ist auch: Eine derart einseitige Energieabhängigkeit von Russland zu schaffen, war ein großer politischer Fehler, gerade im Hinblick auf die notwendige Energiewende.

Ein Fehler, aus dem wir nun lernen dürfen bzw. mit Blick auf die Klimathematik eigentlich müssen…
Stimmt. Krise heißt ja, etwas zum Besseren zu wenden. Und obwohl es nicht widerspruchsfrei ist, so eröffnet sich derzeit immerhin ein Fenster der Möglichkeiten, sodass etwa die Energiewende breiter diskutiert und die eine Beschleunigung erfahren wird, eine mit Sackgassen und Umwegen. Gradlinigkeit ist keine Sache der Zukunft.

Apropos Wende: Welches war und/oder ist Deiner Meinung nach im Sinne der Zukunft die wichtigste Transformation?
Ich denke gerne in historischen Analogiebildern. Schaut man sich etwa die Entwicklung der Industriegesellschaft an, so ist der Verbrauch der Ressourcen in den letzten 200 Jahren exponentiell angestiegen. Und das hat mit den langen Wellen der gesellschaftlichen Entwicklung, die von Basistechnologien getrieben wird, zu tun: von der Dampfmaschine über die Elektrizität bis heute zu Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz. Allerdings wird dabei meiner Meinung nach viel zu wenig darüber diskutiert, dass die Basistechnologien auch jeweils eine neue Infrastruktur benötigen: Autos brauchen Straßen, Energie braucht Leitungen und Computer brauchen Netzwerke. Das passiert aktuell beim Megatrend der Digitalisierung wieder. Was sich aktuell auch beim Megatrend der Digitalisierung mit der Herausbildung von Plattformen zeigt. Die Digitalisierung ist dabei lediglich eine Technologie, sie ersetzt und ist keine Ethik.
Interessanter und hinsichtlich der Zukunft sogar wichtiger sind die Kontexte dahinter: die kulturelle Aneignung, die Entfaltung neuer Produktionsweisen, die Chance, mit neuen Möglichkeiten, aktuelle Probleme anzugehen, wie etwa eine algorithmengesteuerte, ressourceneffiziente Kreislaufwirtschaft. Und es geht auch immer um alte Fragen: Was hält uns zusammen und wie wollen wir leben?

Es braucht also Wissen und Austausch.
Ja, wobei man hier zwei Dinge bedenken sollte: Etliche Studien zeigen, dass die große Mehrheit der Bevölkerung nicht zukunftsoffen ist, sondern der Zukunft eher ängstlich und kritisch gegenübersteht. Das muss man ernst nehmen. Man darf die Menschen nicht vor vollendete Tatsachen stellen, sondern muss sie an Veränderungen beteiligen. Auf einer abstrakten Ebene ist das schwierig, daher brauchen wir einen breiten Diskurs, Auseinandersetzung, Kommunikation, wohin wir wollen und wie wir dorthin kommen. Außerdem müssen den Bürgern Erprobungsräume für Zukünftiges eröffnet werden. Erfolge und Misserfolge müssen erlebbar sein. Spannend ist hier etwa der neue Ansatz einer missionsorientierten Innovationspolitik in Deutschland und Europa: Die Ziele der Innovationen sollen sich an den 17 UN-Zielen für eine nachhaltige Entwicklung orientieren und im Rahmen partizipativer Prozesse unter Einbindung der Zivilgesellschaft formuliert werden. Bis dato ist das noch kaum in der Zivilgesellschaft angekommen, doch der Ansatz verdient mehr Aufmerksamkeit.

Und der zweite Punkt, den wir bedenken sollten?
Der betrifft das Wissen. Noch nie standen den Menschen so viele Informationszugänge zur Verfügung. Wir werden regelrecht davon überflutet. Das war im Verlauf der Industrialisierung nicht der Fall. Außerdem haben wir mit den Fortschritten in Wissenschaft und Technik jetzt Werkzeuge in der Hand, die neu und mächtig sind: von der Atomkraft bis zu KI und Life Science. Nicht zuletzt auch aus diesem Grund wurde Anfang des Jahrtausends der Begriff des Anthropozäns geprägt. Demnach erleben wir aktuell eine Epoche, in der der Mensch zum wichtigsten Faktor auf den blauen Planeten geworden ist. Er bestimmt nicht nur den CO2-Eintrag in die Atmosphäre, er ist heute in der Lage in die Grundbausteine des Lebens, den Atomen, Genen, Bits und Bytes gestaltend einzugreifen.

Die Frage ist: Wird es das Zeitalter des zerstörerischen Menschen und der Krisen?
Das kommt darauf an. Die Klimaproblematik – sicher eine der größten Krisen unserer Zeit – ist etwa auf das Engste mit unserer Lebensweise und unserem Wohlstandsmodell verbunden. Und ja, damit nachfolgende Generationen noch eine lebenswerte Welt vorfinden, braucht es ein Umdenken und einen weitreichenden Wandel. Ob wir uns tatsächlich, wie viele sagen, in einer Zeit des Epochenwechsels befinden, ist schwer zu sagen, wenn man selbst Zeitgenosse ist. Es spricht aber einiges dafür, schließlich erleben wir vielfältige Veränderungen, auch Kipppunkte, sei es politisch, technologisch, ökonomisch oder eben ökologisch. Wir müssen grundsätzliche Dinge des Zusammenlebens, des Wirtschaftens und Arbeitens neu denken.

Allerdings kann Wandel halt auch nicht angeordnet werden. Der Einzelne kann durch die eigene Veränderung andere inspirieren und somit zum gesellschaftlichen, kulturellen Wandel beitragen.
Sofern der Einzelne das tut. Schlussendlich kann die bevorstehende und politisch gewollte Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft nur gelingen, wenn Akteure der Zivilgesellschaft daran beteiligt werden – mit all ihren unterschiedlichen Sichtweisen. Robert Jungk, den ich selbst noch kennenlernen durfte, war in der Hinsicht ein großer Vordenker. Er hat sich gegen das Expertentum ausgesprochen und für Beteiligungen wie in Zukunftswerkstätten stark gemacht. Uns muss klar sein, dass wir in der Gesellschaft Rechte aber auch Pflichten als Bürger haben. Das ist ein Grundsatz der Demokratie und die ist nun mal kein Geschenk. Das müssen wir ebenfalls begreifen. Wenn wir Demokratie zu schätzen wissen, werden wir sie mit klarer Haltung gegen alle Krisen verteidigen und an die jeweiligen Rahmenbedingungen anpassen müssen.

Womit wir bei D2030 sind: Eine Initiative, die Du zusammen mit anderen Visionären 2018 ins Leben gerufen hast mit dem Ziel, eine Landkarte von Zukunftsbildern für Deutschland zu erstellen.
Ja, wir wollten in einem offenen Szenarioprozess „Deutschland neu denken“. Wir wollten zeigen: Es gibt Alternativen und Perspektiven. Und wir wollten damit Orientierung bieten. In drei Beteiligungsrunden haben wir acht Szenarien erarbeitet, die zusammen eine Zukunftslandkarte ergeben. Die sogenannten Neue Horizonte-Szenarien wurden dabei als wünschenswert bewertet. Die Szenarien beschreiben Pfade in die Zukunft. Man könnte sie auch als Trichter betrachten, der einen prinzipiell vorstellbaren Zukunftsraum aufspannt. Mit Corona haben wir sie auf ihre Robustheit überprüft und sie haben standgehalten. Wir sind aber derzeit dabei, die Neue Horizonte-Szenarien nach 2018 insgesamt neu zu entwerfen. Es ist viel passiert, nicht zuletzt der Krieg in der Ukraine. Weiters wollen wir als Verein, der Zukunft eine Stimme geben, etwa mit unseren monatlichen Futures Lounges via Zoom oder durch praxisbezogene Projekte und Initiativen. Wir sind übrigens offen für Mitarbeit.

Also wir sind auf jeden Fall dabei. Danke für das inspirierende Gespräch, Klaus!

 

Zur Person: Klaus Burmeister

… ist, wie er selbst sagt, Zukunftsdiagnostiker – und nicht Zukunftsforscher. So oder so ist er seit Mitte der 1980er-Jahre im Bereich der Zukunftsarbeit tätig, baute 1990 das Sekretariat für Zukunftsforschung in Gelsenkirchen auf, war 1997 Mitgründer von Z_punkt und rief 2014 das foresightlab in Berlin ins Leben. Seit 2016 ist er außerdem Geschäftsführer der gemeinnützigen Initiative D2030.
www.foresightlab.de
www.d2030.de

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Im Gespräch mit...,Transformation

Krisen gehören zur gesellschaftlichen Entwicklung

Klaus Burmeister ist davon überzeugt, dass Krisen immer auch Möglichkeiten eröffnen und die Welt dadurch besser werden kann. Außerdem sprechen wir über fehlende Infrastrukturen, Zukunftsängste und zu viel Wissen in Zeiten des Wandels und warum Deutschland nun eine Landkarte von Zukunftsbildern hat.

Transformation ist in aller Munde, im Prinzip aber ein alter Schuh. Eine Tatsache, die dem Gebot der Stunde – nämlich, dass wir einen per definitionem fundamentalen und dauerhaften Wandel benötigen – freilich keinen Abbruch tut. Im Gegenteil: Wir müssen uns schleunigst aufmachen. Insbesondere, wenn Transformation als Prozess der Veränderung von einem aktuellen Ist- zu einem angestrebten Ziel-Zustand verstanden wird. Schließlich deutet schon das Wort „Prozess“ darauf hin, dass das eben nicht von heute auf morgen passiert, sondern mitunter irrsinnig langwierig vonstatten geht.

Einfach (zu) schnell

In dem Zusammenhang aber müssen wir uns fragen, ob wir inmitten einer VUCA-Welt überhaupt die Zeit haben, uns in aller Ruhe zu verändern. Eine derart volatile, unsichere, komplexe und ambigue, also mehrdeutigen Welt kann uns nämlich rasch um die Ohren fliegen, während wir uns gemächlich einem Wandel unterziehen. Es sei denn, wir verstehen die Transformation selbst als anhaltenden und dauerhaften Prozess. Dann werden wir in gewisser Weise selbst zu VUCA-Wesen – Bumblebee, Jazz, Ironhide, Ratchet und Co. lassen grüßen. Ob wir uns nun sprunghaft und sozusagen mal eben auf die Schnelle verändern, den Wandel zur Normalität werden lassen oder zuerst das eine und dann das andere, ist der Zukunft allerdings komplett egal. Die nämlich behält ihr Tempo bei, das sie seit einigen Jahren an den Tag legt. Und wie das halt so ist:

Hat man erst einmal an Fahrt aufgenommen, steigt man nur ungern vom Gas. Die Welt von (Über-)Morgen gestaltet sich in der Hinsicht nicht anders.

Für uns heißt das jedoch: Wollen wir mit der Zukunft Schritt halten, müssen wir uns beeilen. Ansonsten laufen wir Gefahr, entweder ungebremst in die nächste Wand zu knallen oder – sofern wir versuchen, das Tempo zu drosseln – sozusagen in bester „Speed“-Manier uns selbst in die Luft zu jagen.
Was also gilt es zu tun, damit wir morgen nicht die Hauptrolle im eigenen Science-Fiction-Movie oder Action-Thriller spielen? Wie können wir der Welt von (Über-)Morgen begegnen? Indem wir erst einmal das eigene Denken verändern. Die Antwort ist so einfach, dass man ihr eigentlich gar nicht Glauben schenken möchte. Und ganz so easy ist es eh nicht, schon alleine, weil wir Menschen Gewohnheitstiere sind.

Gewöhnliche Höhle

Dass Veränderung aber in erster Linie im Kopf stattfindet oder zumindest dort ihren Anfang nimmt, wussten schon die antiken Philosophen – womit wir wieder beim „alten Transformationsschuh“ wären. Das Höhlengleichnis, das Sokrates seinem Schüler Platon erzählte, der es wiederum im siebten Buch der Politeia niederschrieb, wird immer wieder gern herangezogen. So auch an dieser Stelle, obwohl es ursprünglich die Notwendigkeit verdeutlichte, warum wir uns auf einen philosophischen Bildungsweg begeben sollen, um uns schließlich aus der sinnlich wahrnehmbaren Welt der vergänglichen Dinge zu befreien und in eine rein geistige Welt des unwandelbaren Seins einzutreten. Letzteres scheint in einer VUCA-Welt von vornherein unmöglich – insbesondere, wenn man den Wandel als stetigen Prozess versteht. Dennoch macht es Sinn, sich mal kurz in Sokrates‘ Höhle zu begeben.
Viele, die dort verharren, tun das nämlich aus Gewohnheit. Das Neue ist – nomen est omen – neu und daher gewöhnungsbedürftig. Mit dem Alten kennen wir uns aus und fühlen uns wohl. Wir wissen, was zu tun ist, was wir von diesem halten oder wie wir auf jenes reagieren sollen, ganz egal, ob es sich dabei um vermeintlich falsche Abbildungen handelt oder nicht. Diejenigen, die es doch wagen, sich aus der Komfortzone zu begeben und sozusagen vom Dunkeln der Höhle ins Licht zu steigen, werden im ersten Moment geblendet. Dass ist weder angenehm noch erstrebenswert – zumindest auf den ersten Blick. Allerdings können wir uns auf diesen blinden Fleck vorbereiten und zwar schlichtweg indem wir ihn erwarten. Ganz nach dem Motto: Be prepared for the unexpected!

Dodo und die Komfortzone

Die Frage ist: Wagt man den Aufstieg oder nicht? Bei dieser Entscheidung kann es helfen, sich mal mit sich selbst eingehend zu unterhalten. Klingt schizophren, ist es aber nicht! Vielmehr führen wir ständig innere Monologe. Wer es nun schafft, daraus einen inneren Diskurs bei vollem Bewusstsein zu machen, tut einen entscheidenden Schritt in Richtung Selbstreflexion, Planung und Problemlösung. Oder eben: Raus aus der Höhle, rein in die Zukunft.
Im Übrigen ist auch das nichts Neues, schließlich werden wir von klein auf angehalten, wohlüberlegte Entscheidungen zu treffen. Schwierig wird das allerdings, wenn man gleichzeitig klein gehalten wird. Müssen wir beispielsweise essen, was auf den Teller kommt, werden wir nie erfahren, über den Tellerrand hinauszuschauen. Anderes Beispiel: Müssen wir stets unser Bestes geben, werden wir nie aus Fehlern lernen. Die Folge ist immer dieselbe: Wir verharren im inneren Monolog, ziehen uns ins ach so bequeme Schneckenhaus zurück und werden zu Dodos. Das Wappentier von Mauritius ist oder vielmehr war ein Vogel, der verlernt hat zu fliegen. Er nistete auf dem Boden und ernährte sich von vergorenen Früchten. Und dann kamen die Holländer und mit ihnen Ratten, verwilderte Haustiere, Schweine und Affen – der Anfang von Dodos Ende.
Der Mensch in seiner Komfortzone hat in gewisser Weise auch verlernt zu fliegen, verharrt in seinem feinen Nest bzw. in seiner kuscheligen Höhle, sprüht definitiv nicht vor neuen Ideen und macht sich nur mehr selten Gedanken – schon gar nicht über die Welt von (Über-)Morgen. In so einem Zustand rückt Veränderung in weite Ferne. Zum Glück aber ist es jederzeit möglich, einen anderen, einen neuen Weg einzuschlagen.

Let’s talk future

Und aller Anfang ist gar nicht so schwer, denn er passiert im eigenen Denken. Mit Blick in die Zukunft muss Transformation schlussendlich jedoch größer angegangen werden. Nur wenn wir uns als Gesellschaft verändern, den Wandel sozusagen als Teil unserer Kultur etablieren, werden wir der Welt von (Über-)Morgen tatsächlich begegnen können. Oder um einmal mehr das Höhlengleichnis heranzuziehen:

Jeder von uns vollzieht den Aufstieg aus der Höhle für sich. Doch wenn wir dabei von anderen unterstützt werden, es zu einem gemeinschaftlichen Bemühen machen, geht es nicht nur einfacher, sondern wird auch wesentlich nachhaltiger sein.

Wir können die Menschen um uns herum nicht ändern – und schon gar nicht globale Konzerne, die seit Jahren nur auf Profit, Absatz- und Gewinnsteigerung ausgelegt sind. Dass dabei Mensch, Umwelt und unser aller Zukunft ausgebeutet wird, ist ihnen herzlich egal. Um aber nicht in der dystopisch anmutenden Realität zu verharren, braucht es ein Umdenken, das beim Einzelnen beginnt. Und wenn wir erst einmal eine Transformation hingelegt haben, können wir gar nicht mehr damit aufhören. Dann werden wir anders denken und leben, nachhaltiger konsumieren und uns gesünder ernähren. Dann werden wir andere unweigerlich anstecken. Worauf also warten wir eigentlich? Machen wir uns gleich heute mit Vollgas auf, die Welt von Morgen so zu gestalten, dass wir ein im positivsten Sinne utopisches Übermorgen erleben. Und reden wir darüber!

 

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Christiane Mähr,Transformation

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