Plattform für verantwortungsvolle und mutige Zukunftslobbyisten

Transformation ist in aller Munde, im Prinzip aber ein alter Schuh. Eine Tatsache, die dem Gebot der Stunde – nämlich, dass wir einen per definitionem fundamentalen und dauerhaften Wandel benötigen – freilich keinen Abbruch tut. Im Gegenteil: Wir müssen uns schleunigst aufmachen. Insbesondere, wenn Transformation als Prozess der Veränderung von einem aktuellen Ist- zu einem angestrebten Ziel-Zustand verstanden wird. Schließlich deutet schon das Wort „Prozess“ darauf hin, dass das eben nicht von heute auf morgen passiert, sondern mitunter irrsinnig langwierig vonstatten geht.

Einfach (zu) schnell

In dem Zusammenhang aber müssen wir uns fragen, ob wir inmitten einer VUCA-Welt überhaupt die Zeit haben, uns in aller Ruhe zu verändern. Eine derart volatile, unsichere, komplexe und ambigue, also mehrdeutigen Welt kann uns nämlich rasch um die Ohren fliegen, während wir uns gemächlich einem Wandel unterziehen. Es sei denn, wir verstehen die Transformation selbst als anhaltenden und dauerhaften Prozess. Dann werden wir in gewisser Weise selbst zu VUCA-Wesen – Bumblebee, Jazz, Ironhide, Ratchet und Co. lassen grüßen. Ob wir uns nun sprunghaft und sozusagen mal eben auf die Schnelle verändern, den Wandel zur Normalität werden lassen oder zuerst das eine und dann das andere, ist der Zukunft allerdings komplett egal. Die nämlich behält ihr Tempo bei, das sie seit einigen Jahren an den Tag legt. Und wie das halt so ist:

Hat man erst einmal an Fahrt aufgenommen, steigt man nur ungern vom Gas. Die Welt von (Über-)Morgen gestaltet sich in der Hinsicht nicht anders.

Für uns heißt das jedoch: Wollen wir mit der Zukunft Schritt halten, müssen wir uns beeilen. Ansonsten laufen wir Gefahr, entweder ungebremst in die nächste Wand zu knallen oder – sofern wir versuchen, das Tempo zu drosseln – sozusagen in bester „Speed“-Manier uns selbst in die Luft zu jagen.
Was also gilt es zu tun, damit wir morgen nicht die Hauptrolle im eigenen Science-Fiction-Movie oder Action-Thriller spielen? Wie können wir der Welt von (Über-)Morgen begegnen? Indem wir erst einmal das eigene Denken verändern. Die Antwort ist so einfach, dass man ihr eigentlich gar nicht Glauben schenken möchte. Und ganz so easy ist es eh nicht, schon alleine, weil wir Menschen Gewohnheitstiere sind.

Gewöhnliche Höhle

Dass Veränderung aber in erster Linie im Kopf stattfindet oder zumindest dort ihren Anfang nimmt, wussten schon die antiken Philosophen – womit wir wieder beim „alten Transformationsschuh“ wären. Das Höhlengleichnis, das Sokrates seinem Schüler Platon erzählte, der es wiederum im siebten Buch der Politeia niederschrieb, wird immer wieder gern herangezogen. So auch an dieser Stelle, obwohl es ursprünglich die Notwendigkeit verdeutlichte, warum wir uns auf einen philosophischen Bildungsweg begeben sollen, um uns schließlich aus der sinnlich wahrnehmbaren Welt der vergänglichen Dinge zu befreien und in eine rein geistige Welt des unwandelbaren Seins einzutreten. Letzteres scheint in einer VUCA-Welt von vornherein unmöglich – insbesondere, wenn man den Wandel als stetigen Prozess versteht. Dennoch macht es Sinn, sich mal kurz in Sokrates‘ Höhle zu begeben.
Viele, die dort verharren, tun das nämlich aus Gewohnheit. Das Neue ist – nomen est omen – neu und daher gewöhnungsbedürftig. Mit dem Alten kennen wir uns aus und fühlen uns wohl. Wir wissen, was zu tun ist, was wir von diesem halten oder wie wir auf jenes reagieren sollen, ganz egal, ob es sich dabei um vermeintlich falsche Abbildungen handelt oder nicht. Diejenigen, die es doch wagen, sich aus der Komfortzone zu begeben und sozusagen vom Dunkeln der Höhle ins Licht zu steigen, werden im ersten Moment geblendet. Dass ist weder angenehm noch erstrebenswert – zumindest auf den ersten Blick. Allerdings können wir uns auf diesen blinden Fleck vorbereiten und zwar schlichtweg indem wir ihn erwarten. Ganz nach dem Motto: Be prepared for the unexpected!

Dodo und die Komfortzone

Die Frage ist: Wagt man den Aufstieg oder nicht? Bei dieser Entscheidung kann es helfen, sich mal mit sich selbst eingehend zu unterhalten. Klingt schizophren, ist es aber nicht! Vielmehr führen wir ständig innere Monologe. Wer es nun schafft, daraus einen inneren Diskurs bei vollem Bewusstsein zu machen, tut einen entscheidenden Schritt in Richtung Selbstreflexion, Planung und Problemlösung. Oder eben: Raus aus der Höhle, rein in die Zukunft.
Im Übrigen ist auch das nichts Neues, schließlich werden wir von klein auf angehalten, wohlüberlegte Entscheidungen zu treffen. Schwierig wird das allerdings, wenn man gleichzeitig klein gehalten wird. Müssen wir beispielsweise essen, was auf den Teller kommt, werden wir nie erfahren, über den Tellerrand hinauszuschauen. Anderes Beispiel: Müssen wir stets unser Bestes geben, werden wir nie aus Fehlern lernen. Die Folge ist immer dieselbe: Wir verharren im inneren Monolog, ziehen uns ins ach so bequeme Schneckenhaus zurück und werden zu Dodos. Das Wappentier von Mauritius ist oder vielmehr war ein Vogel, der verlernt hat zu fliegen. Er nistete auf dem Boden und ernährte sich von vergorenen Früchten. Und dann kamen die Holländer und mit ihnen Ratten, verwilderte Haustiere, Schweine und Affen – der Anfang von Dodos Ende.
Der Mensch in seiner Komfortzone hat in gewisser Weise auch verlernt zu fliegen, verharrt in seinem feinen Nest bzw. in seiner kuscheligen Höhle, sprüht definitiv nicht vor neuen Ideen und macht sich nur mehr selten Gedanken – schon gar nicht über die Welt von (Über-)Morgen. In so einem Zustand rückt Veränderung in weite Ferne. Zum Glück aber ist es jederzeit möglich, einen anderen, einen neuen Weg einzuschlagen.

Let’s talk future

Und aller Anfang ist gar nicht so schwer, denn er passiert im eigenen Denken. Mit Blick in die Zukunft muss Transformation schlussendlich jedoch größer angegangen werden. Nur wenn wir uns als Gesellschaft verändern, den Wandel sozusagen als Teil unserer Kultur etablieren, werden wir der Welt von (Über-)Morgen tatsächlich begegnen können. Oder um einmal mehr das Höhlengleichnis heranzuziehen:

Jeder von uns vollzieht den Aufstieg aus der Höhle für sich. Doch wenn wir dabei von anderen unterstützt werden, es zu einem gemeinschaftlichen Bemühen machen, geht es nicht nur einfacher, sondern wird auch wesentlich nachhaltiger sein.

Wir können die Menschen um uns herum nicht ändern – und schon gar nicht globale Konzerne, die seit Jahren nur auf Profit, Absatz- und Gewinnsteigerung ausgelegt sind. Dass dabei Mensch, Umwelt und unser aller Zukunft ausgebeutet wird, ist ihnen herzlich egal. Um aber nicht in der dystopisch anmutenden Realität zu verharren, braucht es ein Umdenken, das beim Einzelnen beginnt. Und wenn wir erst einmal eine Transformation hingelegt haben, können wir gar nicht mehr damit aufhören. Dann werden wir anders denken und leben, nachhaltiger konsumieren und uns gesünder ernähren. Dann werden wir andere unweigerlich anstecken. Worauf also warten wir eigentlich? Machen wir uns gleich heute mit Vollgas auf, die Welt von Morgen so zu gestalten, dass wir ein im positivsten Sinne utopisches Übermorgen erleben. Und reden wir darüber!

 

Du möchtest keinen Artikel mehr verpassen? Dann abonniere unseren NEWSLETTER.

Christiane Mähr,Transformation

Raus aus der Höhle: Mensch verändere dich

Warum wir endlich raus aus der Höhle kommen und anfangen müssen, uns, unser Leben und unser Denken zu verändern – jetzt. Und wieso all das in die Welt hinausposaunt gehört.

Craig Foster war mit seinem Bruder viele Jahre als Dokumentarfilmer in der Wildnis Afrikas unterwegs. 2010 schlitterte er ins Burn-out, verlor die Lust am Filmen, zog sich zurück und fand beim Freitauchen wieder den Weg ins Leben. Während seiner täglichen Tauchgänge im Algenwald von False Bay vor Kapstadt begegnete er einem Oktopus-Weibchen – und war vom ersten Moment an regelrecht entflammt. Über ein Jahr lang tauchte Foster hinab in die küstennahen Tiefen, gewann einerseits das Vertrauen des Oktopusses, andererseits aber auch Einblicke in den nicht immer einfachen Alltag dieses erstaunlichen Tarnungskünstlers. Foster setzte sich immer intensiver mit dem „Chamäleon der Unterwasserwelt“ auseinander, spürte die Angst, wenn sich ein Hai näherte, den Schmerz, wenn Letzterer dem Kraken im Gefecht einen Arm abriss, und die fast kindliche Freude, wenn sein Octopus Teacher mit anderen Meeresbewohnern oder mit Foster selbst spielte. Am Ende jedoch muss er sich von seiner Freundin verabschieden – schlichtweg, weil es die Natur so vorgesehen hat.

Ein Taucher und sein Lehrer

In diesem Jahr hat Craig Foster auch sich selbst (wieder) gefunden. Für manch einen Grund zur Kritik an dem vielfach ausgezeichneten und hochgelobten Film. So bezeichnete etwa Bernd Graff in der Süddeutschen Zeitung den Film als „Bankrotterklärung für Tierdokumentation in Zeiten des realen Klimawandels“, denn es gehe „nicht um den Achtarmer, sondern um den armen Taucher“. Es mag sein, dass „My Octopus Teacher“ kein reiner Tierfilm ist.
Doch vielleicht hatten Foster und seine Filmemacher-Kollegen Pippa Ehrlich und James Reed das gar nicht im Sinn? Was, wenn es eben genau darum ging, aufzuzeigen, dass wir es nicht mit getrennten Welten zu tun haben? Was, wenn sie verdeutlichen wollten, dass wir tatsächlich Teil der Erde und nicht nur Besucher sind, auch wenn wir lediglich für eine bestimmte Zeit hier sind? Dann nämlich muss jedem klar werden, dass es an uns liegt, Verantwortung zu übernehmen – für uns und die nachfolgenden Generationen. Für die Welt vor unserer Haustür genauso wie für jene am anderen Ende des Globus. Für die Natur am Land und im Wasser, für andere Menschen ebenso wie für Flora und Fauna.

 

 

Craig Foster hat nicht nur für sich einen neuen Weg gefunden, sondern vor allem auch Verantwortung übernommen und 2012 das Sea Change Project gegründet: Eine Non-Profit-Organisation, die sich vor allem um diese beeindruckende Unterwasserwelt bemüht, die sich vor der Küste von Südafrika auftut. Ein Gebiet, das stellenvertretend für alle anderen Regionen steht, wenn es darum geht, dass es allerhöchste Zeit ist, endlich verantwortungsvoll mit der Welt umzugehen, in der wir leben dürfen.

 

Die Bilder, die uns vom Sea Change Project zur Verfügung gestellt wurden, geben einen kleinen Vorgeschmack auf den Film, der auf Netflix verfügbar ist.
www.seachangeproject.com

 

Du möchtest keine Fotostrecke mehr verpassen? Dann abonniere unseren NEWSLETTER.

Fotostrecke,Verantwortung

My Octopus Teacher: Einander Lehrer sein

„Wir sind Teil der Erde, nicht nur Besucher“, sagt Craig Foster am Ende von „My Octopus Teacher“. Ein oscarprämierter Film, der die faszinierende Freundschaft zwischen ihm und einem Oktopus-Weibchen dokumentiert und zugleich aufzeigt, dass Mensch und (Meeres-)Tier einander Lehrer sein können.

Es sollte fixer Bestandteil der unternehmerischen DNA sein, sich Gedanken über die Zukunft zu machen und entsprechend zu handeln. Wie siehst du das?
Ja klar, das sollte so sein. Allerdings wird das viel zu wenig gelebt. Solange man im operativen Geschäft ist, steckt man meist in verschiedenen Mühlen, die morgens bis abends laufen. Ich bin seit mehr als 37 Jahren Unternehmer und habe anfangs viele Jahre sieben Tage die Woche, zehn bis zwölf Stunden täglich gearbeitet. Nach rund zehn Jahren bin ich endlich aus dem täglichen Überlebenskampf herausgekommen und hatte tolle Mitarbeiter, die etliche Aufgaben übernommen haben. Es hat aber noch mal gut zehn Jahre gebraucht, bis ich mich strategisch, mit Zukunftsthemen und auch mit meiner Rolle als Unternehmer befassen konnte.

Damit bist Du nicht alleine. Leider, schließlich vergeht dadurch viel Zeit, in der im Hinblick auf die Zukunft verantwortungslos agiert wird.
Stimmt. Ich sage immer: Wir müssen dringend lernen, in die Welt von Übermorgen zu blicken. Ich spreche gerne von der „Welt von Übermorgen“, denn Zukunft ist für viele zu unscharf, nicht greifbar. Doch egal, wie wir es nennen – klar ist: Wir müssen die Welt von Übermorgen im Blick haben, wenn wir heute Entscheidungen treffen. Unsere Welt verändert sich durch neue Technologien, Digitalisierung und andere gesellschaftliche Prozesse umfassend und irrsinnig schnell. Also müssen wir uns fragen: Was wird übermorgen sein? Macht es noch Sinn, Parkhäuser zu bauen, wenn unser Alltag in zehn Jahren durch selbstfahrende Autos und autonomes Fahren geprägt ist und Mobile keine Parkplätze mehr brauchen?

Klingt für viele wohl eher nach Science-Fiction.
Ein weiteres Problem. Denn wer derartige Zukunftsbilder kommuniziert, wird als Geschichtenerzähler, Fantast oder gar Spinner angefeindet. Dabei müssen wir uns diese und viele andere Fragen stellen. Was wäre, wenn Autos fliegen könnten? Welche Risiken müssten wir beherrschen, welche Chancen nutzen können? Autonome Mobilität wird kommen – auf der Straße und in der Luft. Das ist fix. Nur wann wissen wir nicht endgültig. Aber ich muss vorbereitet sein, wenn es soweit ist. Dadurch wird nämlich ein Prozess angestoßen, der die Welt verändert und mit dem wir uns heute schon beschäftigen müssen.

 

Automatisierte Autos sparen noch dazu Sprit. Was mich zum nächsten Thema bringt, bei dem Unternehmer Verantwortung übernehmen müssen: die Klimathematik.
Autonomes Fahren, also das Zeitalter der „Schwarmmobilität“, bedeutet vor allem, dass wir den Fahrzeugbestand um ca. 75 bis 80 Prozent reduzieren können. Denn das sind dann keine Stehzeuge mehr, sondern echte Fahrzeuge. Das spart ungeheure Ressourcen. Meiner Meinung nach gibt es neben der Digitalisierung und dem Klimawandel einen weiteren Megatrend – und zwar, dass nachhaltiges Wirtschaften zur Pflicht wird. Jedes Unternehmen muss es schaffen, sein gesamtes Business klimaneutral, nachhaltig und in Form einer Kreislaufwirtschaft zu erbringen. Jeder, der das nicht kann oder will, wird ausscheiden. Einerseits, weil es die Gesellschaft nicht mehr akzeptieren wird. Andererseits, weil globale Konzerne das Versprechen abgegeben haben, bis 2030 oder 2035 klimaneutral zu sein. An sich ist das gut und wichtig. Allerdings lagern sie die Verantwortung dafür in gewisser Weise aus, denn die Produkte dieser Giganten weisen einen marginalen Eigenanteil auf – der größte Teil wird zugeliefert. Damit also Apple und Co. klimaneutral werden können, müssen das auch zigtausende Zulieferer werden, ansonsten fliegen sie aus der Lieferkette. Das haben viele aber noch nicht kapiert.

Eigentlich unverständlich. Abgesehen davon, dass sie ihr Dasein als Zulieferer sichern, würden sie Verantwortung für die Zukunft übernehmen.
Ja, eigentlich unverständlich. Und das Bild von morgen ist ziemlich scharf. Es geht vor allem darum, wann welche Technologie sich durchsetzt. Es ist verständlich, dass manche nur ungern den Ast absägen, auf dem sie schon lange sitzen und mit dem sie gutes Geld verdienen. Da braucht es schon Weitsicht und Mut, auf neue Produkte und Entwicklungen frühzeitig umzusteigen. Und das fällt nicht leicht in einem Land voller Angsthasen. Viele sind aber auch einfach Ignorant.

Wir sind halt Gewohnheitstiere, die neue Dinge nervig finden.
Bei vielen geht es nicht um „nervig“, sondern um Verlustängste. Eine meiner größten Qualitäten als Unternehmer – wenn ich das so sagen darf – war es, mir mindestens einmal im Jahr mit meinem Team anzuschauen, welche unserer heutigen Produkte der Kunde auch morgen noch brauchen wird. Dabei haben wir alles infrage gestellt und uns auch von gut laufenden Geschäftsfeldern getrennt, wenn wir davon überzeugt waren, dass diese sich nicht mehr lange tragen werden. Wir haben das immer ganz bewusst zu einem Zeitpunkt gemacht, in dem dieses oder jenes Produkt noch erfolgreich war und es uns noch gut ging. Steht man erst einmal mit dem Rücken zur Wand, geht das nicht mehr.

Erfolg ist für dich somit der perfekte Zeitpunkt, um weiterzuziehen.
Ja, wobei das in den wenigsten Fällen Entscheidungen waren, die mir leichtgefallen sind. Ein Beispiel: Ich habe unter anderem eine Eventlocation betrieben, bei der wir knapp 65 Prozent der Umsätze mit Party-Events gemacht haben. Im Sommer 2008 haben wir nach einem über zweijährigen Findungsprozess beschlossen: 2009 machen wir keine Partys mehr, sondern setzen auf Unternehmerevents, Hochzeiten usw. Und dann kam die Lehman-Pleite mit der Weltwirtschaftskrise und alle Unternehmensevents brachen plötzlich weg. Da stand ich vor der Frage: Bleibst du bei der Entscheidung, obwohl nicht absehbar ist, wie lange das dauert? Verzichtest du auf über 60 Prozent des Umsatzes, nur weil du vor ein paar Monaten eine Idee hattest? Ich habe daraufhin vier Wochen Tag und Nacht gegrübelt und irgendwann war mir klar: Wir haben jetzt zwei, drei Jahre darüber nachgedacht und wissen es ist die grundlegend richtige Entscheidung. Also wird das auch klappen. Und wir hatten 2009 tatsächlich ein Rekordjahr – mitten in der Wirtschaftskrise.

Heute machst du allerdings keine Events mehr…
Nein. Im März 2020 brach nämlich – „Corona sei Dank“ – wieder alles zusammen. Diesmal allerdings mein ganzes Business. Sprich: Es gab weder Events noch konnte ich Vorträge halten oder Bücher bei Events verkaufen. Anfangs dachten wir ja alle, dass das in ein paar Wochen vorbei ist. Anfang Juni aber war klar: Ich sitze auf einem toten Gaul. Und Mitte Juni habe ich von heute auf morgen beschlossen, die Eventlocation zu schließen. Das fiel mir nicht leicht, schließlich musste ich 50 Leute entlassen, mit denen ich viele Jahre eng und sehr gut zusammengearbeitet habe. Es war die schlimmste unternehmerische Entscheidung, die ich in meinem Leben treffen musste. Doch es war die einzige Möglichkeit, meine Substanz zu retten – und zwar so, dass ich jetzt ein neues Projekt aufbauen kann, das noch besser und größer wird als das alte.
Was ich damit sagen möchte: Als Unternehmer muss man sich häufig neu erfinden – egal, ob man gerade erfolgreich ist oder eben auf einem toten Gaul sitzt. Ohne Innovationsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein für die Welt von Übermorgen geht das gar nicht. Außerdem sollte man immer seinem unternehmerischen Gefühl vertrauen. Und nicht auf das Geschwätz mancher Medien hören.

Vielen Dank für das Gespräch, Jörg!

 

 

Zur Person: Jörg Heynkes

Der Unternehmer, Autor und Speaker betrieb viele Jahre eine Eventlocation in Wuppertal. Dann kam Corona und der gelernte Industrie- und Werbefotograf entschied einmal mehr, seine Zukunft selbst in die Hand zu nehmen und so wird aus der VillaMedia Eventlocation nun ein KitaConceptCampus. Sein neues Projekt heißt www.gut-einern.de . Hier bündelt er alle Themen, die ihn in den letzten Jahren beschäftigt haben. Jörg engagiert sich außerdem ehrenamtlich am Projekt „Klimaquartier Arrenberg“ und entwickelt mit einer seiner Firmen die Software zum Betrieb von humanoiden Robotern wie Pepper, der bei seinen Vorträgen häufig an seiner Seite ist. Und ja, Jörg provoziert, ist radikal und unbequem – weil er ungemütliche Fragen stellt, auch an sich selbst.

www.joergheynkes.de

 

Du möchtest kein Gespräch mehr verpassen? Dann abonniere unseren NEWSLETTER.

Im Gespräch mit...,Verantwortung

Die Welt von Übermorgen ist nichts für Angsthasen

Im täglichen Überlebenskampf fehlt Unternehmern oft der Blick für die Welt von Übermorgen, weiß Jörg Heynkes, unternehmerischer Tausendsassa und Weitblicker. Ein Gespräch über Angst und Ignoranz, Erfolg und tote Gäule, Innovationsfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein und warum wir nicht auf das aufgeregte Geschwätz mancher Medien hören sollten.

Im zweiten Wiener Gemeindebezirk befindet sich auf einer Fläche von mehr als 4.000 m² ein einzigartiger städtischer Lebens- und Lerngarten: Die City Farm Augarten. Zwischen der Porzellanmanufaktur auf der einen und den Wiener Sängerknaben auf der anderen Seite wird das ganze Jahr biologischer Gemüse- und Obstanbau gepflegt. Und zwar weniger von professionellen Landwirten, als vielmehr von Menschen, die Lust haben, ökologische Gartenkultur ganzheitlich zu erleben. Nach dem Motto „Man kann nie früh genug beginnen und es ist nie zu spät damit anzufangen“ ist der Garten im Herzen von Wien ein Ort für Groß und Klein, Alt und Jung: „Die City Farm ist ein sozialer Ort. Es zeigt sich immer wieder, dass gerade das generationenübergreifende Element sehr wichtig ist“, weiß Gründer und Leiter Wolfgang Palme, dem die Liebe zum Gartenbau sozusagen in die Wiege gelegt wurde, hat er doch schon als Kind mit seiner Oma das Gemüsebeet umgegraben. Seit rund drei Jahrzehnten ist er als Leiter der Abteilung Gemüsebau an der Höheren Bundeslehr- und Forschungssanstalt Schönbrunn tätig, wo er sich mit zukunftsfähigen Anbauarten beschäftigt, diese weiterentwickelt und erforscht, wie diese von der Landwirtschaft genutzt werden können. Doch die Forschung ist nur eine Seite der Landwirtschaftsmedaille. Auf der anderen Seite braucht es ebenso gartenpädagogische Vermittlung. Nur so erreicht man die Menschen.

Kinder in den Garten

Im Rahmen von Workshops, Erlebnistouren und Gartenführungen, Veranstaltungen, Märkten und Gartenspasswochen oder beim Eingraben von Socken (was es damit auf sich hat, steht am Ende dieses Beitrags) werden in der City Farm praktisches Wissen und Verständnis für eine zukunftstaugliche, ressourcenschonende und krisensichere Landwirtschaft vermittelt. Denn nur diese kann die Versorgung mit frischen Lebensmitteln zu jeder Jahreszeit bieten. Dass dabei ein Fokus auf Kinder gelegt wird, hat mehrere Gründe: So hat die heutige Kindergeneration oft keine Omas und Opas, die ihren Enkeln das Wissen über nachhaltigen Gemüse- und Obstanbau, die Bedeutung biologischer Lebensmittel und deren Verarbeitung vermitteln können. Hier springt die City Farm Augarten ein, zeigt Kindern und Jugendlichen, wie und wo Gemüse und Obst bestens gedeihen und wie der Kompostplatz für geschlossene Nährstoffkreisläufe sorgen kann. Damit nicht genug kann die Ernte in einer mit Solarstrom betriebenen Gartenküche verarbeitet und gemeinsam verspeist werden.

Gartenwissen von Grund auf zu erlernen, es buchstäblich zu erspüren und zu erfahren, ist essenziell. Nicht zuletzt, weil es im Prinzip die Kinder von heute sind, die ausbaden müssen, was ihre Eltern und Großeltern – oder eigentlich wir – mit der mittlerweile hochtechnologischen und auf Turboerträge ausgerichteten Landwirtschaft angerichtet haben. Dabei geht es nicht darum, jemandem die Schuld in die Schuhe zu schieben, sondern aufzuzeigen, dass es höchste Zeit ist, dass wir etwas ändern.
Wobei es nicht nur bei „Städtern“ vorkommt, dass sie noch nie eine Kartoffel ausgegraben haben. Auf seinen unzähligen Vorträgen, die ihn quer durch Österreich führen, hört Wolfgang immer wieder, dass auch den Kindern auf dem Land nicht mehr vermittelt wird, wie man Gemüse anbaut: „Es ist ein gesellschaftliches Defizit in unserer westlichen Welt. Und das hat wiederum mit dem agrarindustriellen Prozess von der Produktion bis zur Vermarktung zu tun, der sich in den letzten Jahrzehnten durchgesetzt hat. Die Anonymisierung im Supermarkt schafft Distanz. Nun müssen sich die Seiten wieder annähern – zu beiderseitigem Vorteil.“

City Farm geht an die Grenzen

Wir müssen also wieder einen Zugang zur Landwirtschaft bekommen – sei es durch Direktvermarktung, Wochenmärkte, Gemeinschaftsgärten wie die City Farm Augarten oder über einen anderen Weg. Das Problem ist allerdings, dass sich die Menschen schon daran gewöhnt haben, das ganze Jahr über alles zu bekommen. „Gibt es im Winter keine Erdbeeren, ist das für viele bereits Verzicht bzw. mit einem Verlustgedanken verbunden. Wir müssen erkennen, dass die Natur einen Rhythmus hat, dass es diesen braucht und dass es auch uns guttut, wenn wir uns an diesen Rhythmus halten“, so Wolfgang.
Wobei man sich durchaus fragen muss, was Verzicht eigentlich bedeutet – immerhin wachsen etwa in den Beeten der Wiener City Farm unzählige Gemüsearten, die es in keinem Supermarkt zu kaufen gibt. Und während man im Sommer mit einer schier umfassenden Sortensammlung an Tomaten – oder österreichisch Paradeiser – aufwarten kann, präsentieren die „urbanen Gärtner“ im Winter den einzigen Frischgemüse-Schaugarten der Stadt. Die Natur bietet also das ganze Jahr ausreichend Vielfalt, die wir, um es mit Wolfgangs Worten zu sagen, „auf natürliche Weise ausreizen müssen.“ Das aber bedeutet freilich nicht, dass auch das ganze Jahr alles wächst. Und das ist gar nicht nötig, wie das Beispiel Wintergemüse zeigt: Es gibt 77 (!) Sorten, die über mehrere Wintermonate verfügbar sind und mit simplen Methoden angebaut werden können – ganz ohne Technologie, Heizung oder Düngemittel.

„Ressourcenschonend an die Grenzen zu gehen, ist eine reizvolle Herausforderung, die übrigens auch im großen Stil funktioniert“, weiß der Gemüseexperte, dem zugleich klar ist, dass biologische Low-Input-Landwirtschaft nicht so gut plan- und kontrollierbar ist – um nicht zu sagen gar nicht. „Haben wir einen milden Herbst, sind die Radieschen vielleicht schon im November zum Ernten bereit. Ansonsten halt erst rund um Weihnachten. Der Handel aber verlangt eine bestimmte Menge von bestimmten Gemüsesorten zu einer bestimmten Zeit. Saisonale, biologische Landwirtschaft kann das oft nicht erfüllen.“

Ohne ein Umdenken bei allen Beteiligten wird es nicht funktionieren. Soll heißen: Das Thema hat auch mit der Nachfrage auf Konsumentenseite zu tun. Solange die Erdbeeren im Winter gekauft werden, wird der Handel sie ins Regal legen. Dabei allerdings muss man sich im Klaren sein, dass man nicht nur ein Produkt kauft, sondern eine Entstehungsgeschichte. Es liegt somit an uns Konsumenten, ein kritisches Bewusstsein zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen. Oder wie Wolfgang sagt: „Wintergemüse ist eine basisdemokratische Widerstandsbewegung. Das hat also durchaus eine politische Dimension.“

Last Exit: Biologische Landwirtschaft

Seit Jahren macht sich der Umwelt- und Agrarpädagoge für biologische Landwirtschaft stark, denn er ist davon überzeugt, dass auf lange Sicht kein Weg daran vorbeiführt. Immer wieder sieht er sich jedoch mit Gegenargumenten konfrontiert: Das geht sich nie aus. Mehr als 20 Prozent sind nicht drin. Bio ist viel zu teuer. Da verhungern alle. „Dabei ist das Gegenteil der Fall“, so Wolfgang, der sogar von Agrarexperten Rückendeckung bekommt. „Wenn wir weiterhin nur auf Turboerträge setzen, werden wir über kurz oder lang gar nichts mehr haben. Man kann das mit einem Marathonläufer und einem Sprinter vergleichen. Zu Beginn hat der Sprinter die Nase vorne. Wer aber kommt am Ende ans Ziel?“
Es mag sein, dass wir ein bisschen zurückschrauben bzw. unter anderem auf Erdbeeren im Winter verzichten müssen. Wobei einmal mehr von Verzicht keine Rede sein kann, immerhin wirft der Österreicher im Schnitt pro Jahr 173 kg Lebensmittel weg. Und nein, wir können den schwarzen Peter nicht der Landwirtschaft, Gastronomie und dem Handel zuschieben, schließlich landen 53 Prozent aller weggeworfenen Lebensmittel im privaten Hausmüll.
Für Wolfgang Palme ist klar: „Wir befinden uns seit Jahren in einer Art Verteidigungskampf, die industrielle Landwirtschaft schön zu reden. Wie wäre es, wenn es sich Österreich stattdessen zum Ziel machen würde, das erste Bioland Europas oder gar der Welt zu werden? Was auch immer: Wir müssen schnellstens und radikal umdenken und unsere gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen. Wenn wir nämlich so weitermachen, werden wir langfristig gar keine Lebensmittel mehr ernten können, die diese Bezeichnung verdienen.“

 

 

Wolfgang Palme (im Bild mit City Farm-Mitgründerin Ingrid Greisenegger – Apropos: Für alle in diesem Artikel verwendeten Bilder gilt © www.cityfarm.wien), ist Gründer und Leiter der City Farm Augarten in Wien. Sein umfassendes Know-how gibt er außerdem als Leiter der Abteilung Gemüsebau an der Höheren Bundeslehr- und Forschungsanstalt Schönbrunn und als Vortragender in ganz Österreich weiter.

www.cityfarm.wien

 

Zukunftstipp: Beweisstück Socke
Beim Frühlingsfest am 30. April 2022 startet die City Farm Augarten das „Beweisstück Socke“. Bei diesem Bodenexperiment werden Socken ca. 30 cm tief im Boden vergraben, um in der Folge den Verrottungsprozess miterleben zu können. Wer möchte, kann seine Erfahrungen mit Fotos dokumentieren, einsenden und an einer Verlosung eines Dinners auf der City Farm teilnehmen. Vorrangig geht es allerdings darum aufzuzeigen, wie gesund der Boden ist, in dem die Socken vergraben werden. Vereinfacht gesagt gilt: Je schneller das organische Material, sprich die Socke, zu Humus zersetzt wird, umso gesünder der Boden, denn umso mehr Lebewesen – von mikroskopisch klein bis regenwurmgroß – befinden sich ebendort.
Wer Ende April nicht in Wien sein kann: Auf Anfrage (Mail an: info@cityfarm.wien) werden Socken und Anleitung auch verschickt.

 

Du möchtest keinen Artikel mehr verpassen? Dann abonniere unseren NEWSLETTER.

Verantwortung,Zukunft jetzt

City Farm: Wenn Gemüse zum Politikum wird

Inmitten von Wien gehen kleine und große Gärtner an die Grenzen – im besten biologischen Sinne. Warum die City Farm Augarten weitaus mehr als „nur“ ein Urban Garden ist, wieso wir nicht das ganze Jahr Erdbeeren essen können, sondern besser das erste Bioland der Welt werden sollten.

Nach den Terroranschlägen 2001 in New York und den daraus resultierenden Konsumeinbrüchen forderte George W. Bush die Amerikaner auf, einfach mehr einzukaufen. Ob das nun verantwortungsvoll oder verantwortungslos war, kann jeder für sich selbst entscheiden. Letztlich ist es auch egal. Denn schließlich sind wir ja alle Experten, wenn es darum geht, mit moralischen Plattitüden zukünftige Verantwortlichkeiten als gut oder schlecht, richtig oder falsch abzunicken. Hauptsache wir entscheiden uns. Allerdings stellt sich die Frage: Ist unsere Sicht auf Zukunftsverantwortung nicht eher ein Spiegelbild unserer Entscheidungen im Sinne des Eigennutzes?

Auslaufmodelle vs. neue Realität

Der Philosoph Richard Rorty sagt, dass die Vernunft nur Pfaden folgen kann, die die Vorstellungskraft zuerst erschlossen hat. Diese Bilder der Vorstellung werden gefüttert von einer gigantischen Industrie, großen Versprechen und dem unendlichen Hunger nach „größer, weiter und schneller“. Die Fantasie, sich etwas anderes vorstellen zu können, scheitert leider am Verstand. Deshalb beschränken sich unsere Nachhaltigkeitsdiskussionen viel lieber darauf, Konsum nur zu reduzieren, anstatt unseren Lebensstil grundlegend in Frage zu stellen. Auch wenn sich beide Betrachtungen vielleicht verantwortlich anhören, unterscheiden sie sich im Kern dennoch gravierend. Ich glaube nämlich nicht, dass moralische Verantwortungsbekundungen überhaupt noch zeitgemäß sind. Ebenso wenig wie unsere Bilder von Freiheit und Wohlstand oder unsere Erwartungen an ein stabiles und planbares Leben. Es sind alles Auslaufmodelle, weil diese alten Moralvorstellungen mit der Realität einer neuen Welt nicht mehr kompatibel sind. Aber noch immer ziehen es große Teile unserer Politik, Wirtschaft und Gesellschaft vor, an diesen Bildern festzuhalten. Allein der Blick einer auf den Augenblick ausgerichteten Konsumwelt zeigt doch den Widerspruch in sich, wie unehrlich mit Verantwortung eigentlich umgegangen wird.

Traum vom Perspektivenwechsel

Umgekehrt ist es legitim, die Frage in den Raum zu stellen, inwieweit wir in einer Welt voller Echtzeittechnologien, permanenter Social-Media Beschallung und immer noch kürzeren Konsumkreisläufen Zukunftsverantwortung nicht eher als Sinnlosigkeit wahrnehmen? Entscheidungen orientieren sich an Bedürfnissen und die sind nun mal in einer kurzlebigen Welt nicht auf Langfristigkeit ausgelegt. Wir alle wurden mehr oder weniger nach zutiefst nicht-nachhaltigen Grundsätzen und Ansätzen erzogen, ausgebildet, verführt und in unseren Denkhaltungen geprägt. Die Tatsache, dass „ehrliche“ Produkte fast immer teurer als asiatischer Billigschrott sind, zeigt uns wie nachhaltig wir wirklich handeln. Und, dass sich das „Weltverbessern“ nur Menschen leisten können, denen es auch gut geht. Sorry, den anderen bleibt der Weg leider verwehrt.

Brechen wirtschaftlich schlechtere Zeiten an, greifen selbst die „Guten“ erfahrungsgemäß auf das „weniger Gute“ zurück. Dann wird die Wahrnehmung ganz einfach wieder den eigenen Überzeugungen angepasst – und gut ist. Das ewige Wechselspiel zwischen Erhalten und Verwalten unter dem Deckmäntelchen der Verantwortung nimmt somit seinen Lauf.

Genau da beißt sich die Katze in den Schwanz. Denn, warum sollten wir für etwas Verantwortung übernehmen, wenn wir genau genommen alle davon abgehalten werden? Sollte nicht schon längst die Wirtschaft dem Menschen dienlich sein und nicht umgekehrt? Allein dieser Perspektivenwechsel würde mit einem Schlag alles verändern: Wie wir leben, konsumieren, arbeiten, aber auch wie sich Fortschritt und Bildung neu definieren könnten. Man darf ja mal träumen.

Echte Zukunftsverantwortung

Vielleicht erkennen wir an der Stelle, dass wir ein Verantwortungsproblem haben. Doch ist nicht gerade diese Erkenntnis das Beste, was uns passieren kann? Probleme beschreiben schließlich immer gesellschaftliche, technische oder wirtschaftliche Widersprüche in sich, die es zu lösen gilt. Ein erster Lösungsansatz könnte darin liegen, damit aufzuhören Verantwortung als moralische Instanz zu betrachten und sie als eine Art Gesamtorganismus verstehen zu lernen. Echte Zukunftsverantwortung bedeutet nämlich nicht, zwischen verantwortungsvoll oder verantwortungslos zu entscheiden, sondern einer grundlegend neuen Wirklichkeit in die Augen zu blicken.
Wir haben die Menschheit in nur zwei Generationen an den Rand eines Kollapses manövriert. Wir sollten endlich aufhören mit diesem Verantwortungsgetöse, dass wir das alles wieder irgendwie hinbiegen können. Dinge verändern sich nicht, wenn nicht wir alle die Gesamtverantwortung dafür übernehmen. Die Frage ist nicht, wieviel Zukunft wir uns wünschen, sondern wieviel Realität wir überhaupt noch ertragen wollen. Dafür bräuchte es vielleicht eine Revolution der Immaterialität im Sinne unserer Werte wie Freiheit, Toleranz, Respekt und Demokratie, die uns hilft, Verantwortung neu zu definieren und unsere destruktiven Gangarten zu korrigieren. Denn was passiert, wenn uns der Verstand hinsichtlich unseres Verantwortungsbewusstseins ganz abhandenkommt? Wem überlassen wir dann die Entscheidungen im Hinblick auf unserer Zukunft?

Wir wissen es

Spätestens jetzt wissen wir es. WIR müssen die Verantwortung für unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen. Verantwortung für unsere Zukunft zu übernehmen, darf kein Lippenbekenntnis mehr sein. Wie sagte es der US-amerikanisch-kanadischer Experimentalpsychologe Steven Pinker: „Rationalität erwächst aus einer Gemeinschaft denkender Menschen, die einander ihre Irrtümer aufzeigen.“ Lasst uns endlich unsere Irrtümer korrigieren und verantwortungsbewusst die Zukunft gestalten.

 

Du möchtest keinen Artikel mehr verpassen? Dann abonniere unseren NEWSLETTER.

Klaus Kofler,Verantwortung

Die Moral der Zukunftsverantwortung

Wir haben ein Problem – und wir wissen es. Und genau das ist das Beste, was uns passieren kann. Denn jetzt können wir endlich den so bitter nötigen Perspektivenwechsel vor- und Zukunftsverantwortung übernehmen. Man darf ja mal träumen…

Klimawandel, Pandemien, Kriege, Versorgungsengpässe, weltweiter Transportwahnsinn, explodierende Armut, neue Arten von Fanatismus, Krisen und Katastrophen belasten zunehmend unser aller Leben. Weltweit fällt es den Menschen immer schwerer, Entwicklungen einzuschätzen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Was ist denn überhaupt richtig, was ist falsch und wer trägt heute überhaupt noch eine Verantwortung oder wird zu dieser gezogen?
Die Verantwortung für die richtigen Entscheidungen hat grundsätzlich jeder selbst zu tragen. Aber zur Verantwortung gezogen wird heute kaum mehr jemand (Ausnahme: Straftaten). Stattdessen ist es Standard geworden, dass wir die Belastungen der ausgelösten Schäden einfach auf alle – ausgenommen die „Oberen Alle“ – aufteilen und in Unwohl verweilen.
Denken wir zum Beispiel an das Thema Konsum. Jeder Erwerb eines Lebensmittels oder eines Gebrauchsgutes ist ein Produktionsauftrag. Mit unserer individuellen Produktentscheidung tragen wir Verantwortung für die dahinterliegenden Prozesse und deren Folgen für die Gesellschaft, für die Fauna und die Flora. Heutzutage weiß ein Großteil der Menschen, dass unser Konsumverhalten die Gesellschaften und den Planeten massiv demoliert. Trotzdem mäandern wir Humanoiden wie Lemminge durch übervolle Supermärkte und erteilen folgenschwere Produktionsaufträge in alle Welt. Ich denke, dass wir mit unserem Wirtschaftssystem so nicht weiterkommen. Damit komme ich zur Verantwortung der Politiker. Da gibt es allerdings auch kein Entkommen, denn: Politik sind ja wieder wir alle. Das schmerzt und deshalb blenden wir das lieber aus und maulen naiv nach oben.

Es ist höchste Zeit…

Es ist höchste Zeit für mutige Aus-Brüche aus den alten Schienen von Wirtschaft und Politik.
Es ist höchste Zeit, weltweit ein echtes ökosoziales Wirtschaftssystem anzustreben.
Es ist höchste Zeit die Menschlichkeit in den Mittelpunkt zu stellen, anstatt immer nur davon zu reden, dass der Mensch im Mittelpunkt stehe. Von was denn eigentlich? Etwa im Mittelpunkt der globalen Ausbeutung?
Es ist höchste Zeit für uns alle, selbst mehr Eigenverantwortung zu übernehmen, anstatt nur über die Politiker (und andere vermeintlich Verantwortliche) zu schimpfen, denn, wie bereits erwähnt, kommen wir aus dieser Nummer nicht raus. Keiner von uns.
Es ist höchste Zeit für uns alle, die eigene Leistungsbereitschaft zu erhöhen, statt diese frustriert zurückzufahren und selbstgerecht einem dumpfen Anspruchsdenken zu huldigen. Die dümmsten Aussagen sind der unreflektierte Ruf: „Das steht mir zu.“ Oder das vertrottelte: „Geiz ist geil“.
Es ist höchste Zeit für uns alle, nicht mehr eine umfassende Versorgung mit Jobs, Nahrungsmitteln, Benzin, Sozialbetreuung und Medizin durch den Staat einzufordern, und gleichzeitig hemmungslos unser Sozialsystem mittels Scheinkrankenstände und Kuren-Tourismus – um nur zwei Beispiele zu nennen – zu plündern.
Es ist höchste Zeit, dass Politik und Wirtschaft eine gesellschaftstaugliche soziale Balance forcieren. Sie müssen dem Auseinanderdriften von wenigen Reichen und immer mehr Armen mutig entgegentreten, denn sonst sind mittelfristig blutige Auseinandersetzungen unausweichlich von Gelbwesten über Radikalisierungen aller Art bis zu Kriminalität.

Wagen wir es, Verantwortung zu übernehmen

Es ist höchste Zeit, dass wir wieder an das berühmte „halbvolle Glas“ denken und dementsprechend handeln. Damit das möglich wird, müssen wir unser Denken schützen und die Flut an Bad News und Fake News dorthin umleiten, wohin sie gehört: in den medialen Müllhaufen. Zudem gilt es, in eine bessere Bildung auszubrechen und Wissen zu vermitteln, anstatt nur Informationen zu streuen.
Es ist höchste Zeit, langfristiger nachzudenken, weil es nicht ausreicht, in den vorhandenen Gleisen neu aufzubrechen. Wir müssen gemeinsam und so richtig ausbrechen. Deshalb müssen die Politiker mit ihrem desaströsen und kurzsichtigen „Von Wahl zu Wahl“-Denken aufhören.
Im Gegenzug sollten die Wähler ihre Stimme jenen Politikern geben, die mittel- sowie langfristig denken und auch so handeln. Wiederum liegt die Verantwortung auf beiden Seiten.

Es ist höchste Zeit, im Interesse der Jugend an eine gute Zukunft zu glauben und daran zu arbeiten. Das bedeutet, Ausbrüche aus alten politischen Mechanismen und Wirtschaftsdogmen zu wagen.
Der geldgetriebene Zentralismus der globalen Konzerne ist final betrachtet in keiner Weise humaner als der politische Zentralismus sozialistischer Systeme. Globalisierung gefährdet Regionen. Wirtschaftskolonialismus vernichtet Völker – und das im Jahre 2022!
Es ist höchste Zeit für einen Ausbruch zu mehr Gerechtigkeit, für Subsidiarität und Föderalismus. Und es ist höchste Zeit, ein Wagnis einzugehen und Verantwortung zu übernehmen!

 

Über den Autor…

Dr. Matthias Ammann ist Unternehmensberater mit Fokus auf Verbandsmanagement und zeichnet im Rahmen von temporären Managementfunktionen bei mehreren Verbänden verantwortlich, (etwa im Bereich Holzbau). Das Hauptanliegen des begeisterten Netzwerkers ist eine robuste Regionalität – nicht zuletzt aus diesem Grund bemüht er sich unter anderem auch zusammen mit Gastronomen und Landwirten um eine verbesserte Kooperation im Hinblick auf lokale Nahrungsmittel.

www.matthias-ammann.eu

 

Du möchtest keinen Gastkommentar mehr verpassen? Dann abonniere unseren NEWSLETTER.

Gastkommentar,Verantwortung

Höchste Zeit für Mut und Verantwortung

Matthias Ammann nimmt kein Blatt vor den Mund. Und das ist gut so, denn es ist höchste Zeit – für uns alle. Warum wir endlich Mut beweisen, ein Wagnis eingehen und Verantwortung übernehmen müssen.

es ist höchste zeit,
an morgen zu denken

Zukunft findet Heute statt. Auf was warten wir also noch?
Lasst uns Zukunft jetzt so denken und gestalten, dass sie für alle lebenswert ist und bleibt.

Newsletter schon abonniert? Nein?

Zukunft neu denken

Wie wir Zukunft neu denken

Wir schaffen Zukunftsbewusstsein, indem wir über das Morgen schreiben, neue Denk- sowie Möglichkeitsräume eröffnen und Menschen mit Zukunftslust vernetzen.

Erfahre mehr über uns…

Werde ein Zukunftsgestalter

Hilf uns ein neues Zukunftsbewusstsein zu fördern. Unterstütze uns jetzt mit deinem Beitrag!

Unterstütze uns jetzt!