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Gestaltbarkeit

Wir reden viel und tun wenig(er). Klar: Manchen Worten können keine Taten folgen. Oft aber wird die Anwendbarkeit, die Gestaltbarkeit beim Sprechen schlichtweg außer Acht gelassen. In einer sich ständig und mit ungeheurer Dynamik verändernden Welt können wir das Morgen aber nicht zu Ende denken und erst übermorgen ins Tun kommen. Wir müssen hier und heute die Zukunft gestalten (lernen). Stellt sich freilich die Frage: Was braucht es dafür? Verfügen wir über das nötige Wissen? Haben wir die richtigen Werkzeuge? Bietet uns die Welt die richtigen Rahmenbedingungen? Und wenn nicht: Wie können wir den passenden Rahmen für ein neues Zukunftsbild schaffen? Wie werden wir zu Gestaltern unserer eigenen und zugleich einer (noch) besseren Zukunft?

Nicht einmal die Hälfte der Beschäftigten in der DACH-Region sieht einen Sinn im Job. 45 Prozent bezeichnen ihren Arbeitsplatz sogar als psychisch und emotional ungesund. Dies nur zwei Ergebnisse der jüngsten „Employee Engagement“-Studie von Great Place to Work, bei der 14.000 Arbeitnehmer aus 37 Ländern weltweit befragt wurden. Bedenklich ist übrigens auch, dass derartige Zahlen nur mehr wenige überraschen. Nicht erst seit Corona stellen sich immer mehr Menschen die Sinnfrage, wie Monika Kraus-Wildegger weiß: „Es reicht nicht mehr aus, den Menschen Geld anzubieten, um die Herausforderungen des Jobs zu bewältigen. War dies vor rund zehn Jahren nur latent zu spüren, ist es heute wohl jedem bewusst.“ Die Gründerin und Geschäftsführerin von GOODplace ist davon überzeugt, dass die Zukunft der Arbeitswelt in einer menschenzentrierten Unternehmenskultur mit Herz und Hirn besteht. Oder wie die studierte Volkswirtin aus Hamburg sagt: „Arbeitszeit ist Lebenszeit. Soll heißen: Die Zeit, die wir haben, ist wertvoll. Folglich muss sie derart genutzt werden, dass die Menschen glücklich sind und zwar nicht nur im privaten Bereich, sondern vor allem auch im Job, schließlich verbringen wir einen beträchtlichen Teil unserer Lebenszeit bei der Arbeit.“

Good Place to work

Insbesondere aufgrund der Digitalisierung und globalen Vernetzung hat die Dynamik in der Arbeitswelt in den letzten Jahren massiv zugenommen: Projekte müssen schneller und flexibler abgewickelt werden, Kollegen besser miteinander kommunizieren sowie kooperieren und Teams selbstverantwortlich agieren. Als Folge wurde unter anderem der Ruf nach agilem Arbeiten laut. Da dies für Führungskräfte ebenso eine Umstellung bedeutete wie für deren Mitarbeiter, wurde ihnen nicht selten ein sogenannter agiler Coach zur Seite gestellt.
Diese und andere Veränderungen stellen Unternehmer und Belegschaft seither permanent vor Herausforderungen. Agiles Arbeiten ist eine gute Antwort darauf, macht den Arbeitsplatz allerdings nicht gleich zu einem „good place“, wo sich die Mitarbeiter wohlfühlen. Es gab – und gibt – freilich viele Firmen, die sehr nah an den Menschen sind. Vielfach passiert(e) das aber eher aus dem Bauch heraus und somit ohne Qualitätskriterien und Standards. Für Monika war daher recht schnell nach der Gründung von GOODplace klar, dass hier Handlungsbedarf besteht: „In einer neuen, modernen Arbeitswelt mit einem menschenzentrierten Mindset braucht es jemanden, der dafür Sorge trägt, dass diese Art der Unternehmenskultur nachhaltig im Betrieb implementiert wird.“ Zusammen mit dem Fraunhofer Institut wurde das Berufsprofil des Feelgood-Managers entwickelt, das nunmehr seit bald zehn Jahren an der GOODplace Academy gelehrt wird.
Mittlerweile ist das Thema in der Mitte der Gesellschaft angekommen – nicht nur, weil das Gut „Arbeitskraft“ knapper wird, sondern weil sich die Menschen eben immer öfter die Sinnfrage stellen, wenn es um die Arbeit geht: Was bringt mir meine Arbeit? Ergibt es für mich persönlich Sinn, dass das Unternehmen, in dem ich tätig bin, jährlich seine Gewinne maximiert? Oder bleibe ich als Mensch dabei auf der Strecke? Inwiefern schade ich durch mein Tun der Umwelt?
Und es sind nicht nur die Millennials oder die Gen Z, die sich mit diesen und anderen Fragen beschäftigen. Auch die „alte Garde“ und somit langjährige Mitarbeiter hinterfragen ihr (berufliches) Tun. Und es ist Aufgabe des Unternehmens, Rahmenbedingungen zu schaffen, dass derartige Sinnfragen im Betrieb beantwortet werden können.

Mitarbeiter im Mittelpunkt

Hier kommt der Feelgood Manager ins Spiel. Dieser ist allerdings keine Manager, der Bälle im Raum herumwirft oder mal ein bisschen den Nacken massiert, um Verspannungen aufzulösen. Er ist ebenso wenig der Kümmerer, der sich um die Probleme seiner Mitarbeiter kümmert. Der Feelgood Manager ist ein Kulturgestalter für menschenzentriertes Arbeiten. Dabei weiß er oft gar nicht, was die Menschen brauchen, um sich bei der Arbeit wohl zu fühlen. Und er gibt das offen zu, wie Monika hervorhebt: „Der Feelgood Manager fragt die Mitarbeiter, was sie brauchen, um sich an ihrem Arbeitsplatz langfristig wohl zu fühlen. Er hat das ‚Go‘ derartige Fragen zu stellen und die Themen anzugehen – und zwar sowohl vonseiten der Geschäftsführung als auch vonseiten der Mitarbeiter. Da diese nämlich gefragt werden und ihre Wünsche und Vorstellungen mitteilen können, fühlen sie sich gesehen, wahrgenommen und gehört. Sie erleben eine Art ‚Wow-Effekt‘, weil ihnen klar wird: Unsere Führung weiß, dass es besser ist, uns zu fragen, was wir brauchen, als uns irgendwelche Konzepte drüber zu stülpen.“
Feelgood Management zeigt sich unter anderem in einem wertschätzenden Umgang, verlässlichen Strukturen und nachhaltigen Rahmenbedingungen. Die Mitarbeiter müssen täglich spüren, dass sich der Arbeitgeber tatsächlich mit ihren Belangen auseinandersetzt, dass ihre Ideen gehört und wenn möglich umgesetzt werden. Dafür erntet der Arbeitgeber strahlende Gesichter, besseres Feedback und vor allem Mitarbeiterempfehlungen – das ohnehin beste und kostengünstigste Marketingtool überhaupt. Dieses kann im Übrigen gemessen werden und ist somit ein aussagekräftiger Indikator dafür, dass sich Mitarbeiter tatsächlich wohlfühlen. „In einer menschenzentrierten Arbeitswelt geht es nicht um Krankenstände und Produktivität. Es geht um Lösungen für Zukunftsfragen – von der Zufriedenheit am Arbeitsplatz über die Gesundheit bis hin zum Klima. Die Welt wird immer komplexer und die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit haben sich längst aufgelöst. Entsprechend brauchen wir Mitarbeiter, die über Fachwissen verfügen und psychosoziale Fähigkeiten mitbringen, die mitdenken und sich engagieren. Es braucht Hirn und Herz und die Möglichkeit, all das auch einbringen zu können“, ist Monika Kraus-Wildegger überzeugt.

Feelgood Manager als Brückenbauer

Seit Jahrzehnten, wenn nicht sogar Jahrhunderten war es Usus, dass die Geschäftsführung Ziele vorgibt und sagt, was getan werden muss. Dennoch würde es im Chaos enden, wenn ein Unternehmen nun von einem Tag auf den anderen auf Feelgood Management macht, schließlich haben sich die Mitarbeiter durchaus daran gewöhnt, dass hierarchisch von oben nach unten entschieden wird. Und mit der – überspitzt formulierten – Ansage „fühl Dich ab jetzt wohl“ kann niemand etwas anfangen. Um nachhaltig etwas verändern zu können, gilt es, das gesamte System anzuschauen. „Allerdings scheitern 75 Prozent der Change-Projekte, so aktuelle Studien. Das bedeutet auch, dass das Unternehmen sehr viel Geld verliert“, weiß Monika und fügt hinzu: „Es braucht daher einen Übergang. Eine Brücke, die wir mit dem Feelgood Management schaffen können.“
Es geht also nicht gleich ans Eingemachte, sondern erst einmal beispielsweise um die interne Unternehmenskultur. So befasst sich der Feelgood Manager etwa mit der internen Kommunikation. In vielen Fällen funktioniert diese nämlich nicht, was sich unter anderem darin zeigt, dass die Spitze gar nicht weiß, wie die Stimmung im Unternehmen tatsächlich ist. Um die Mitarbeiter aber nicht sofort zu „überfahren“, geht der Feelgood Manager neue Wege in der Kommunikation: Im Rahmen einer internen Messe oder eines Mitarbeiterevents wird die Belegschaft aufgefordert, über ihre Arbeitsbedingungen Feedback zu geben. Die Ergebnisse werden transparent kommuniziert und die Mitarbeiter sind eingeladen, gemeinsam nach Lösungen zu suchen, die dann im Zuge von Pilotprojekten umgesetzt werden können. „Beim Feelgood Management geht es darum, Fragen zu stellen und die Mitarbeiter ernst zu nehmen“, erklärt Monika. „Die Menschen werden eingeladen, sich einzubringen. Wenn jemand nicht möchte, wird ihm signalisiert, dass auch das OK ist. Erfahrungsgemäß entsteht aber rasch eine Eigendynamik, es werden Gruppen gebildet, die Maßnahmen formulieren, Kampagnen erstellen und sich komplett selbst organisieren.“
Fakt ist: Zukunftsfähigkeit bedeutet in der Arbeitswelt, menschenzentriert mit Herz und Hirn zu agieren. In einer derartigen Unternehmenskultur sollten Unternehmer Antworten auf die Sinnfragen der Menschen haben. Daher müssen sie anfangen, die Arbeitnehmer zu fragen: Was braucht ihr, um einen guten Job machen zu können – heute genauso wie übermorgen? Nur so kann der Arbeitgeber sicherstellen, dass seine Mitarbeiter ein Umfeld vorfinden, wo sie sich mit all ihren Fähigkeiten und Potenzialen einbringen können – und das auch möchten.

 

GOODplace-Gründerin und Geschäftsführerin Monika Kraus-Wildegger (© Gaby Bohle)

 

Fakten zu GOODplace

Volkswirtin Monika Kraus-Wildegger arbeitete viele Jahre in der IT-Branche und als Nachhaltigkeitsmanagerin für einen großen Konzern. Nach zahlreichen Auslandsaufenthalten gründete sie 2012 GOODplace in Hamburg, das anfangs ganz im Zeichen von „guten Beispielen“ stand. Aber schon bald war klar: Für den Wechsel zu einer Unternehmenskultur, die Leben und Arbeit unter einen Hut bringt, braucht es Menschen, die ihn gestalten – und zwar hauptberuflich! Die Idee der Feelgood Manager-Ausbildung war geboren. GOODplace steht heute für die fundierteste und engagierteste Kompetenz in diesem Bereich.
Die Fachausbildung dauert sechs Monate und umfasst sechs Module (drei davon in Hamburg, plus Facharbeit, Hospitanz, Prüfung und Zertifizierungsprozess). Mittlerweile gibt es über 300 Certified Feelgood Manager. Daneben bietet die GOODplace Academy Masterclasses, Learning Circles und Meet ups in verschiedenen Regionen.
Weitere Infos unter www.goodplace.org

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Gestaltbarkeit,Good News

Feelgood at work, denn Lebenszeit ist Arbeitszeit

Immer mehr Menschen stellen sich die Sinnfrage im Job. Warum es an den Unternehmen liegt, ihnen Antworten zu ermöglichen und wie ihnen Feelgood Management dabei helfen kann.

Mit dem Dokumentarfilm „Die Zukunft ist besser als ihr Ruf“ habt ihr 2017 ein positives Bild der Zukunft gezeichnet, während ansonsten schon damals gefühlt nur von Krisen gesprochen wurde. Hat sich deine Sicht auf die Zukunft durch diesen Film verändert?
Produzent Michael Kitzberger wollte Menschen vor die Kamera holen, die sich gesellschaftlich engagieren, die einer eigenen Überzeugung folgen und Dinge angehen, die nicht nur für sie selbst, sondern auch für ihre Umwelt wichtig sind. Menschen, die durch ihr Tun Hoffnung geben, Mut machen und inspirieren. In der Schnittphase haben wir nochmals über den Titel nachgedacht. Und zufällig bin ich beim Theater in der Josefstadt über den Satz „Die Zukunft ist besser als ihr Ruf“ gestolpert. Das ganze Team war sich einig, dass das der richtige Titel ist, schließlich setzen sich alle Protagonisten für eine Zukunft ein, die ihnen lebenswert, menschlich nahbar und ökologisch sinnvoll erscheint. Der Film ermöglicht eine Art des Innehaltens, bietet eine kurze Irritation inmitten des ganzen „schlecht Redens“, sodass die Zuschauer hinterfragen können, was sie selbst über die Zukunft glauben und wie diese sein könnte. Auch ich frage mich oft: Was kann ich selbst beitragen, damit die Zukunft besser wird als ihr Ruf? Was braucht es, damit Menschen Handlungen setzen und ihre eigenen Potenziale ausloten im Hinblick auf das, was möglich ist? Und: Sind diejenigen, die glauben, einen neuen Weg gefunden zu haben, offen genug, in weiterer Folge möglicherweise etwas wieder zu integrieren, was man zuvor weggeschoben hat?

In vielen Dingen braucht es sicherlich eine gewisse Radikalität, damit bestehende Dinge überhaupt aufbrechen können, aber eben auch den kritischen Diskurs im Anschluss.
Ja, die Fähigkeit, in der eigenen Bubble etwas Neues, etwas Anderes auszuprobieren. Aber eben auch etwa im zwischenmenschlichen Dialog herauszufinden, was nicht funktioniert, was man wieder bzw. noch ändern sollte usw. – das ist ein anspruchsvoller Prozess. Ich durfte sehr früh miterleben, was es heißt, neue Weg zu gehen, von denen viele sagten: Das geht doch nicht Und es hat mich sehr geprägt, als Teil einer Gruppe von Pionieren aufgewachsen zu sein. (Teresas Vater hat 1990 in Herzogenburg eine alternative Schule gegründet – heute Lernwerkstatt im Wasserschloss in Pottenbrunn, Niederösterreich; Anm.)

Hast du vielleicht aus diesem Grund den Beruf der Filmemacherin gewählt, bei dem du viel gestalten kannst?
Es war weniger eine bewusste Entscheidung, als vielmehr ein innerer Ruf. Irgendwann hatte ich die Klarheit, dass das mein Platz ist. Ich denke mir gerne neue Sachen aus. Da kommt es mir sehr zugute, dass ich das als Künstlerin auch umsetzen kann. Wobei die frühe Prägung sicherlich eine Rolle gespielt hat, denn selbst wenn alle sagen, dass etwas nicht geht, kann es trotzdem funktionieren. Anfangs habe ich diesen Glauben an die Möglichkeit des Gestaltens vielleicht mit einer gewissen Naivität weitergetragen und musste auch feststellen, wo die Grenzen aus der individuellen Position heraus liegen.

Mittlerweile aber machst Du Filme, die motivieren. Die meisten Dokumentarfilme hingegen zeichnen dystopische Zukunftsbilder.  
Nun, Dokumentarfilme beschäftigen sich mit der Realität und haben durchaus die Aufgabe, Missstände aufzuzeigen. Allerdings bleibt dann am Ende oft das Gefühl, alles läuft schief und man selbst kann nichts dagegen tun. Doch man kann sich als Filmemacher auch bewusst entscheiden, nicht nur Probleme aufzudecken, sondern sich außerdem auf die Suche nach möglichen Antworten und Lösungen zu begeben. In „Die Zukunft ist besser als ihr Ruf“ waren das eben Menschen, die für sich selbst Wege gefunden haben und dadurch vielleicht Zuschauer inspirieren. Es ist ohnedies meine Hoffnung, dass einzelne Menschen erkennen, was ihre Aufgabe ist und wie sie diese wahrnehmen und Rahmenbedingungen schaffen können, sodass ihr Umfeld reagiert.
Wenn ich das große Ganze betrachte und mir überlege, wo es hinauslaufen kann, werde ich auch dystopisch. Schau ich mir aber an, was ich selbst tun und wie ich konstruktiv beitragen kann, komme ich in eine lösungsorientierte Denkweise und in meine kreative Energie. Auch wenn ich mich dabei vielleicht auf das beschränke, was in meiner Macht liegt.

Ich bin ja der Meinung, dass wir ohnehin nur den eigenen Machtkreis beeinflussen können. Oder sagen wir so: Ich kann andere nicht verändern. Doch ich kann sie durch mein Tun ermutigen.
Ja. Manchmal aber braucht mehr als nur meinen Beitrag. Dann muss ich akzeptieren, dass ich nur für mein eigenes Leben verantwortlich bin und nur mir selbst gegenüber Rechenschaft ablegen muss. Wenn ich an all die tollen Menschen denke, die alles gegeben und viel bewegt haben und trotzdem gestorben sind, ohne dass sie die Probleme, mit denen sie sich beschäftigt haben, lösen konnten, macht mich das einerseits traurig. Denn es zeigt, wie starr unsere Welt ist und wie langsam Veränderungen stattfinden. Andererseits hat es mich zu dem Punkt gebracht, dass ich das Leben, das mir gegeben wurde, sinnvoll nutzen, es aber auch leben möchte. Soll heißen: Wenn ich mich nur mit dem Negativen beschäftige, verpasse ich mitunter die vielen schönen und guten Dinge.

Da bin ich voll bei Dir. Zumal nicht nur schlechte Dinge passieren. Sie sind nur „lauter“ als all das Positive, das Mut und Lust auf Zukunft machen kann – wie ja „Die Zukunft ist besser als ihr Ruf“ zeigt. Weißt Du, ob der Film etwas ausgelöst hat?
Ich hoffe und denke schon. Leider erfahre ich das in den seltensten Fällen – und wenn nur zufällig. So habe ich zum Beispiel bei einer Party jemanden getroffen, der mir erzählt hat, dass er, nachdem er den Film gesehen hat, eine WhatsApp-Gruppe gegründet hat, in der die Mitglieder darüber informieren, wenn sie irgendwohin fahren, wo es gute Lebensmittel gibt. Ein anderes Beispiel ist ein Straßenfest, das jemand vor allem für die vielen „Zuagrasten“ während der Lockdowns organisiert hat, nachdem er „Rettet das Dorf“ gesehen hat (in dem 2020 erschienenen Dokumentarfilm zeigt Teresa neue Perspektiven sowie Potenziale auf und erzählt von Menschen, die mit ihren Ideen zu einer Entwicklung beitragen, die das Dorf weiterleben lässt; Anm.).

Welche Möglichkeiten gibt es denn, damit Filme mehr Wellen schlagen? Du machst unter anderem Filmbesprechungen im Anschluss.
Ja. Filmbesprechungen bieten tolle Gelegenheiten und es war und ist mir ein großes Anliegen neben den üblichen Fragen zum Film einen Raum zu bieten, wo die Menschen Dinge aussprechen können, die später eventuell aufgegriffen und weiterverfolgt werden. Dabei ist schon die Tatsache, dass man Filme physisch live an einem Ort anschaut, eine große Qualität des Kinofilms. Schaut man Filme nur mehr zuhause an, lässt man sich gewissermaßen die Chance entgehen, mit Gleichgesinnten zusammenzukommen, zu sehen, wen dieser Film in der eigenen Umgebung auch anspricht und möglicherweise im Anschluss ins Gespräch zu kommen.

Womit wir wieder beim kritischen Diskurs sind. Danke Dir, Teresa, dass wir hier einen solchen führen und vielleicht auch Mut und Lust auf Zukunft machen und inspirieren konnten.

 

Teresa Distelberger (© NGF)

Zur Person: Teresa Distelberger

… ist Filmemacherin mit Fokus auf Kurz- und Dokumentarfilme. 2017 kam der mit der ROMY 2018 als „Beste Kino-Doku“ ausgezeichnete Film „Die Zukunft ist besser als ihr Ruf“ in die Kinos, den sie gemeinsam mit Niko Mayr, Gabi Schweiger und Nicole Scherg realisierte. 2020 folgte mit „Rettet das Dorf“ (2020) der erste Langdokumentarfilm, den die Wahl-Wienerin als alleinige Regisseurin verantwortete. In Performances, Installationen und dialogische Kunsträume beschäftigt sich die Künstlerin außerdem mit ländlichen Traditionen, urbanen und globalen Lebenswelten, Gedenkkultur und einer vielschichtigen Interpretation des kontroversen Heimatbegriffs.
www.artofco.com

 

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Gestaltbarkeit,Im Gespräch mit...

Wenn wir im Film der Zukunft begegnen…

Filmemacherin Teresa Distelberger durfte schon als Kind erfahren, dass die Zukunft mehr Potenzial bietet, als man ihr zugesteht. Ein Gespräch über Gestaltungsmöglichkeiten des (künstlerischen) Tuns, warum Dokumentarfilme nicht dystopisch sein müssen und wieso wir sie im Kino anschauen sollten.

Seit jeher erzählen uns Märchen, wie die Welt einmal war, und dass der Held und die Prinzessin noch heute leben, wenn sie nicht gestorben sind. Warum tun wir das? Warum erzählen wir den Kindern Geschichten aus längst vergangenen Tagen? Wobei Letzteres gar nicht stimmt, denn sprechende Wölfe, Froschkönige, Erbsen sortierende Stieftöchter und sieben Zwerge hinter sieben Bergen hat es auch anno dazumal nicht gegeben. Dabei können Fantasiewelten dabei helfen, die Zukunft abzubilden und eine Zukunftsstory zu schreiben. Nicht jedoch, wenn sie derart grausam daherkommen, wie das in vielen Märchen der Fall ist. Wie also sollen Kinder, die allabendlich mit solchen Geschichten konfrontiert werden, zu Menschen heranwachsen, die die Zukunft gestalten wollen?
Natürlich könnte man nun argumentieren, dass es bisher ja funktioniert habe. Wobei man sich dann halt auch die Gegenfrage gefallen lassen muss: Und wohin hat uns das gebracht? Wir leben in einer Welt, in der es für viele darum geht, Besitz anzuhäufen und sich Sorgen darüber zu machen, all die vielen Dinge zu verlieren, von denen man nur einen Bruchteil tatsächlich braucht. Damit nicht genug machen wir uns fortwährend Gedanken über die Vergangenheit und können vielfach nicht akzeptieren, dass das Gestern schlicht und ergreifend vorbei ist. Wir können es nicht ändern, ärgern uns dessen ungeachtet maßlos über Schnee von gestern und sind gleichzeitig davon überzeugt, dass früher alles besser war. Irgendwie hat das schizophrene Züge und doch kann es einen ja gar nicht wundernehmen, wenn wir schon im Kindesalter auf „Es war einmal…“ getrimmt werden.

Erinnerungen an die Zukunft

Wobei es ohnehin müßig ist, sich Gedanken darüber zu machen. Vielmehr drehen wir uns dabei im Kreis, denn positive Zukunftsbilder können nicht gezeichnet werden, wenn wir in der Vergangenheit verhaftet bleiben – ganz egal, ob sie uns vor lauter Ärger weiße Haare beschert oder verherrlicht wird. Und so wird einmal mehr der Ruf nach neuen Narrativen laut. Für manche mag der Begriff abgelutscht sein, weil er in den letzten 20 bis 30 Jahren durchaus inflationär verwendet wurde. Andere wiederum verstehen die ganze Aufregung nicht, denn laut Duden handelt es sich schlichtweg um eine sinnstiftende Erzählung. Und man muss dem Narrativ auch nicht mehr Bedeutung beimessen, als nötig. Aber man kann – vorausgesetzt es hält, was es verspricht. Wenn es einer Geschichte nämlich gelingt, sinngebende Werte und positive Emotionen zu transportieren, kann sie wesentlich dazu beitragen, den Menschen Orientierung, Klarheit und Sicherheit zu bieten. Und genau das brauchen wir, wenn wir die Zukunft selbst in die Hand nehmen und optimistisch in die Welt von Morgen und Übermorgen schreiten möchten.
Wollen wir also die Zukunft gestalten, müssen wir anfangen, Geschichten über sie zu schreiben und zu erzählen. Und zwar in der Form, dass sie die Hörer und Leser nicht nur mitreißen und in ihren Bann ziehen, sondern dass sie selbst zu Protagonisten werden wollen und können. Wir brauchen mutige und motivierende Zukunftsstorys, die Lust auf mehr machen. Vor allem wenn die Zukunft nur mehr schwarz gemalt wird, wie das seit geraumer Zeit von den Entscheidungsträgern und Medien getan wird. Es wird Angst geschürt und Verzweiflung gesät, sodass die allgemeine Lethargie beständig zunimmt und zu einem gesellschaftlichen Stillstand geführt hat, der historisch betrachtet seinesgleichen suchen kann. Sir Anthony Hopkins hat einmal gesagt:

„We live in a world where the funeral is more important than the diseased, wedding is more important than love, external looks are more important than brains. We live in a culture of wrapping that despises the content.“

Von dieser Welt dürfen – nein, müssen wir uns wieder verabschieden. Wir müssen die Verpackung mit Inhalt füllen, Neugier und Experimentierfreude statt Passivität an den Tag legen und mit einem kreativen, intuitiven und neuen Mindset an die Zukunft herangehen. Wir müssen eine Zukunftsstory schreiben, die Erinnerungen an die Zukunft schafft. Das klingt auf den ersten Blick absurd, schließlich können wir uns nur an Dinge erinnern, die bereits passiert sind. Erinnerungen sind immer an Erfahrungen gekoppelt, die wir in der Vergangenheit gemacht haben. So zumindest haben wir es gelernt – in der Schule und im wahren Leben. Gut und verständlich erzählte, inhaltlich emotionale und vor allem sinnstiftende Erzählungen über die Zukunft können sich allerdings auch in der Erinnerung einprägen. Dabei ist es einerlei, ob wir als Individuum in die Rolle des Hauptdarstellers unserer eigenen Zukunftsstory schlüpfen oder ob ein Unternehmen eine Art Simulation entwirft, wie der Betrieb in Zukunft ausschauen, mit welchen Produkten und Dienstleistungen er seine Kunden im wahrsten Sinne des Wortes beglücken und welche Vision(en) er verfolgen wird.

Narrative Zukunftsstory

Je besser die Geschichte ist und auch vermittelt wird, umso eher kann das menschliche Gehirn diese Zukunftserinnerungen tatsächlich abspeichern. Und das ist ganz wesentlich, weil wir derart positive Erinnerungen brauchen, um eine zukunftsaffine und zukunftsoffene Einstellung, Denkweise, Haltung, Mentalität und Weltanschauung zu etablieren. Nur so kann sich ein Mindset entwickeln, das uns optimistisch in die Zukunft blicken und gehen lässt.
Eine wichtige Voraussetzung, um eine reale und somit möglichst realisierbare Zukunftsstory zu schreiben, ist ein gewisses Grundwissen über die Zukunft. Das heißt nicht, dass wir nun alle Experten im Bereich der Zukunft oder gar Zukunftsforscher werden müssen. Ebenso wenig müssen wir jeden Megatrend im kleinsten Detail kennen. Das ist zum einen gar nicht möglich und wäre zum anderen auch der falsche Ansatz. Denn, wenngleich das Aufzeigen von Megatrends wichtig ist, fühlt sich der Einzelne oftmals von ihnen überfordert. Kein Wunder, schließlich handelt es sich dabei um Umschwünge, die sich auf unterschiedlichsten Ebenen der Gesellschaft vollziehen. Das passiert nicht von heute auf morgen, sondern vielmehr langsam über einen längeren Zeitraum. In Zeiten wie diesen darf man sich zwar berechtigterweise fragen, was man unter langsam versteht. Doch Fakt ist: Mega ist für viele schlichtweg eine Spur zu groß, weil sie die Trends nicht auf das eigene Leben, das eigene Unternehmen herunterbrechen können. Das ist aber gar nicht nötig. Solange wir die großen Veränderungen im Blickfeld haben, uns mit den verschiedenen Möglichkeiten auseinandergesetzt und ihnen einen Raum gegeben haben, sind wir schon mal gut aufgestellt. So nämlich können wir uns auf die Reise machen, die eigenen Zukünfte in Geschichten abzubilden.

Erzähl‘ mir vom Morgen

Bei der Future Design Akademie vergleicht man die Zukunft mit einer Knetmasse, die es zu formen gilt. Und das passiert nicht (nur) mit den Händen, sondern im ersten Schritt mit den Gedanken. Freilich kann niemand die Zukunft vorhersagen, schließlich wurde die Glaskugel noch nicht erfunden – und hoffentlich wird das nie der Fall sein, denn wenn wir alles wüssten, könnten wir die Zukunft nicht mehr gestalten.
Auf Urdu, der Nationalsprache von Pakistan, gibt es den Begriff goya: Eine Geschichte, die so gut erzählt wurde, dass kein Zweifel mehr aufkommen kann, dass sie real ist bzw. sein könnte. Genau so müssen wir unsere Zukunftsstory schreiben, denn ein Märchen wollen wir niemandem aufbinden. Schon gar nicht wollen wir eine Zukunft, die wir uns nicht einmal in den schlimmsten Träumen ausgemalt hätten – wer will schon vom Wolf gefressen werden?! Das bedeutet nicht, dass wir nur von kunterbunten Blumenwiesen mit eierlegenden Wollmilchsäuen im Schlaraffenland erzählen. Eine gute Geschichte über die Zukunft muss Probleme benennen, Risiken aufzeigen und Herausforderungen im Blick haben, dann nämlich können sie auch gemeistert werden. Dann können wir am Ende als Helden reüssieren.
…und wenn wir heute damit anfangen, werden wir es morgen noch (er)leben.

 

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Christiane Mähr,Gestaltbarkeit

Zukunftsstory: Es wird einmal sein…

Wir müssen anfangen, Geschichten von der Zukunft zu erzählen, sodass wir uns heute schon an das Morgen erinnern können. Wie das geht und warum wir dabei selbst in die Rolle des Helden unserer eigenen Zukunftsstory schlüpfen dürfen.

Die Politikverdrossenheit ist so groß wie nie zuvor und wird durch das Tun bzw. Nicht-Tun der Politik sogar befeuert. Wie sieht das der Bürgermeister einer 2.000-Seelen-Gemeinde im Bregenzerwald?
Grundsätzlich muss man unterscheiden, was für eine Form von Politik und auf welcher Ebene man diese betreibt. Meiner Meinung nach machen wir hier in Hittisau vor allem Gemeindearbeit und weniger Politik. Politikverdrossenheit wächst allerdings von ganz oben nach unten und somit ist sie auch bei uns in der Gemeinde zu spüren. Und es ist durchaus verständlich, dass die Bürger müde sind von der vorherrschenden Diskussionskultur in der Politik auf Bundes- und Landesebene. Andererseits muss man sagen, dass viele gar nicht mehr wissen, wie Demokratie funktioniert. Als ich zur Schule gegangen bin, gab es noch das Fach „Politische Bildung“. Diese Bildung vermisse ich inzwischen bei vielen Menschen.

Bei mir war es Teil des Geschichtsunterrichts und meinem Professor lag sehr daran, dieses Wissen zu vermitteln. Wir können hier keinen Crash-Kurs machen, aber was ist im Hinblick auf das demokratische Prinzip deiner Meinung nach entscheidend?
Demokratie setzt ein gewisses Sozialverhalten voraus. Mit dem Egoismus, den die Menschen heutzutage oft an den Tag legen, ist das leider nicht möglich. Nur über diejenigen zu schimpfen, die bereit sind, politische Verantwortung zu übernehmen, bringt uns nicht weiter. Gerade die Arbeit in einer Gemeinde umfasst unzählige Bereiche, die den Bürgern als selbstverständlich erscheinen, die aber dennoch erst einmal bewerkstelligt werden müssen. Und dafür braucht es im Vorfeld eben oft Entscheidungen in verschiedenen politischen Gremien in der Gemeindevertretung.
Mit zwei unabhängigen Fraktionen haben wir in Hittisau eine recht spezielle Konstellation. Und obwohl es nicht um Parteiinteressen geht, erleben wir immer wieder recht angespannte Situationen. Bei uns geht es immer darum, inhaltlich zu überzeugen und schlussendlich ein Miteinander zu finden. Das macht es nicht leicht, aber spannend. Von „kommunaler Intelligenz“ zu sprechen und dies auch zu verstehen sind zweierlei. Verantwortung für die Allgemeinheit und die nächsten Generationen zu übernehmen ist schlussendlich entscheidend. Eine große Persönlichkeit hat sinngemäß einmal erwähnt: Demokratie ist nicht die perfekte Staatsform, doch es gibt bis dato nichts Besseres.

Oder um es mit Winston Churchills Worten zu sagen: „Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen.“
Genau. Und hin und wieder braucht es auch in der Politik falsche Entscheidungen, daraus kann – oder könnte man lernen. Wenn der Mensch nie experimentiert hätte, würden wir heute noch auf allen Vieren laufen.

Entscheidungen – ob sie schlussendlich richtig oder falsch sind – hängen eng mit Gestaltungsmöglichkeiten zusammen. Wie viele hat ein Bürgermeister tatsächlich und mit welchen Grenzen hat man zu kämpfen?
Spannend, dass du von Grenzen sprichst. Ich selbst möchte nämlich Grenzen nie als solche akzeptieren. Oder sagen wir so: Natürlich gibt es Grenzen, aber dann muss man halt einen neuen Weg suchen. Und den gibt es immer. So, wie viele Wege nach Rom führen, führen viele Wege zur Umsetzung einer Vision. Das kann mühsam sein, doch es funktioniert. In den über sieben Jahren, in denen ich Bürgermeister von Hittisau bin, ist uns sehr viel gelungen, was wir uns als Vision gesetzt haben. Oft hat es länger gedauert, als wir dachten. Das Ziel haben wir dennoch meist erreicht.
Abgesehen davon bin ich überzeugt, dass die Welt nicht an den Grenzen einer Gemeinde aufhört. Soll heißen: Die Region ist wichtig, sie ist das Fundament für eine starke Gemeinde. Und im Bregenzerwald leben wir das sehr gut. Dadurch haben wir auch einen nicht zu verachtenden Einfluss, wenn uns doch mal Grenzen aufgezeigt werden wollen.

Ist das denn oft der Fall?
Nun, man muss schon sagen, dass die Überreglementierung zum Teil ein unerträgliches Ausmaß annimmt – um nicht zu sagen: wir verwalten uns zu Tode. Allerdings muss man dann halt mit den Verantwortlichen darüber reden und Gegenvorschläge unterbreiten. Schlussendlich haben wir viele Dinge erreicht, von denen wir im Vorfeld nicht einmal geträumt haben, sie umsetzen zu können.
Übrigens: Gerade im Hinblick auf gemeinwohlorientiere Angelegenheiten sind nicht alle Grenzen, die etwa vonseiten der Raumplanung oder des Naturschutzes gesetzt werden, lästig. Soll heißen: Wenn wir diese unglaubliche Kulturlandschaft erhalten wollen, die wir hier in Vorarlberg haben, dann müssen Einzelinteressen auch hin und wieder Grenzen gesetzt werden.

Ein Platz zum Nachdenken und Diskutieren: Denk.Mal (© Gemeinde Hittisau)

Du meinst, dass beispielsweise nicht mehr jeder ein Einfamilienhaus bauen darf.
Wir müssen uns die Frage erlauben, ob es noch zeitgemäß und sinnvoll ist, ein Einfamilienhaus zu bauen. Widmungsreserven lassen den Traum vom Einfamilienhaus nach wie vor zu, ob dies dem Sinne von sparsamem Umgang mit Grund und Boden entspricht, vor allem an die nächsten Generationen gedacht wird, sei dahingestellt. Die Basis unserer Lebensqualität ist nicht, dass wir gut und viel verdienen. Es ist eben unsere Kulturlandschaft und diese braucht Freiräume – sowohl in Form von freien Flächen, als auch als Dritte Orte. In Hittisau haben wir etwa den Platz „Denk.Mal“ geschaffen, der einerseits zum Nachdenken, anderseits zum Diskurs einladen soll. Es ist die Aufgabe der Bürgermeister und Gemeindevertreter, eine Basis für ein gutes Leben zu schaffen. Orte und Regionen mit guten Jobmöglichkeiten – vor allem für junge Familien und berufstätige Mütter –, besten Bildungseinrichtungen und einem guten Mobilitäts- und Konsumangebot. Bevor gebaut wird, muss die Infrastruktur vorhanden sein. Andernfalls haben wir „Schlaforte“, wo die Menschen nur schlafen, ansonsten aber keine Zeit verbringen können und wollen.

Ist es denn wünschenswert, dass eine Gemeinde ständig wächst?
Diese Frage können wir uns gar nicht stellen, denn es passiert sowieso. Zum einen gibt es noch viel Bauland, viel mindergenutzte Wohnflächen und Leerstand. Zum anderen haben wir eine entsprechende demografische Entwicklung und auch Zuwanderung. Im Hinblick auf Letztere braucht es allerdings Integration. Bei der Flüchtlingskrise 2015/2016 hat Hittisau vorarlbergweit im Verhältnis am meisten Flüchtlinge aufgenommen. Für uns war klar, dass wir alles tun müssen, die Menschen bestmöglich zu integrieren. Im Gegenzug braucht es selbstverständlich den Willen, sich zu integrieren. Ich weiß das aus eigener Erfahrung, denn ich bin selbst ein „Zuagraster“. Selbst wenn ich nur aus Dornbirn gekommen bin, werde ich immer ein „Zwei-Heimischer“ bleiben und nie zum Einheimischen werden. Wäldar ka nüd jedar sin…

Sind von den damaligen Flüchtlingen auch viele „zwei-heimisch“ geworden?
Ja, etliche sind geblieben. Insbesondere die Jungen haben gute Ausbildungen absolviert und sind in der Gemeinde bzw. in den Vereinen gut integriert.

Du hast schon einige Aufgaben angesprochen, die künftig gemeistert werden müssen. Welche davon sind im Hinblick auf das Gemeinwohl am wichtigsten bzw. am dringendsten?
Ich bin davon überzeugt, dass es in unserer Verantwortung liegt, den Kindern ein gutes Umfeld und beste Bildungseinrichtungen mit den bestmöglichen Pädagogen bereit zu stellen. Genauso brauchen wir Einrichtungen, in denen die Menschen in Würde alt werden können. Und das alles muss allen Menschen zur Verfügung stehen, egal aus welchen Strukturen sie kommen. Niemand darf auf der Strecke bleiben. Jede Familie muss die Möglichkeit haben, ihr Kind bzw. ihre Kinder so früh wie möglich in die die „Spielgruppe“ bzw. Kleinkindbetreuungseinrichtung zu bringen, sodass sie möglichst früh, Sozialkompetenz erlernen können. Das nämlich ist die Basis, damit sie zu Menschen heranwachsen, die Verantwortung für sich und ihre Mitmenschen übernehmen. Exzellente Bildung kann Motivation und Freude erzeugen.

Vielen Dank, Gerhard. Schön, dass es Bürgermeister wie dich noch gibt.

 

Zur Person: Gerhard Beer

…ist parteifreier Bürgermeister von Hittisau und leidenschaftlicher Gastwirt im Betrieb seiner Frau Daniela. Der gelernte Kaufmann stammt eigentlich aus Dornbirn, wo er als Bediensteter im Rathaus erste Erfahrungen in der Kommunalarbeit sammelte. In die Politik wollte er trotzdem – zumindest nicht sofort. Der Liebe wegen zog er nach Hittisau, wurde Gemeindesekretär und -kassier, übernahm Leitungsfunktionen in verschiedenen Pflegeheimen, war Filialeiter einer regionalen Bankstelle und verkaufte außerdem in Deutschland – vorwiegend in Berlin – als selbstständiger Handelstreibender Lebensmittelspezialitäten aus dem Bregenzerwald. Anfang der 2000er-Jahre rückte der Vater von zwei mittlerweile jungen erwachsenen Kindern aufgrund eines Todesfalls in die Gemeindevertretung nach, blieb dort ein knappes Jahrzehnt, legte dann eine – Zitat – „politische Schaffenspause“ ein, bevor er 2015 von der Gemeindevertretung zum Bürgermeister gewählt wurde.
www.hittisau.at

 

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Gestaltbarkeit,Im Gespräch mit...

Ein Bürgermeister kennt keine Grenzen

Gerhard Beer ist Bürgermeister von Hittisau im Bregenzerwald (A). Er versteht, warum die Menschen politikmüde sind – doch: jammern bringe uns auch nicht weiter. Ein Gespräch über Verantwortung und Sozialkompetenz, zu überwindende Grenzen und warum jedes Kind in die „Spielgruppe“ gehen sollte.

Gastkommentare sind Beiträge, die nicht aus der Redaktion von Zukunft Neu Denken entspringen.

 

80 Essays hat Gerhard M. Buurman zwischen April und August 2020 geschrieben, an seine Studierenden verschickt und diese nun in einem Tagebuch veröffentlicht. Sie spiegeln die Erfahrungen der ersten Corona-Welle wider, als plötzlich alles ganz anders war. Die drei Essays, die uns der Autor hier zur Verfügung stellt, geben einen kleinen Einblick und Vorgeschmack auf Texte, die der grundsätzlicheren Neugierde folgen, mit welchem Interesse, welcher Legitimation und mit welchen Folgen der Mensch in seine Welten eingreift, sie umbaut und verändert.
Das Buch ist über Apple Books erhältlich.

 

Derealisation

Karlheinz Stockhausen schrieb 1972 über „Neue Musik“: „(…) dieses kontinuierliche Übergehen von einer Perspektive in eine andere während ein- und desselben Stückes: das ist eigentlich das Thema des Komponierens geworden. Nicht mehr irgendetwas anderes zu komponieren oder darzustellen oder zu exemplifizieren oder zu konstruieren, sondern die Transformationsmöglichkeiten der Klangmaterie sind das Thema selbst.“ Wir haben unsere Welt in einen großen, modularen Möglichkeitsraum zerlegt und denken viel darüber nach, wie wir die Teile „neu“, „besser“, „lukrativer“, „nützlicher“ zusammensetzen können (allg.). Folgende Eskalation schlage ich vor:
Assoziation: Wir bringen Dinge miteinander in eine produktive und alltägliche Verbindung;
Bisoziation: Wir bringen Dinge miteinander in eine ganz neue Verbindung und stellen neue Zusammenhänge her (technisch, kulturell);
Dissoziation: Unsere Wahrnehmung ist gestört, neurologische und kognitive Funktion fallen aus.

Das sind ja ganz neue Regeln

Seit jeher untersucht der Mensch seine Natur, findet Gesetzmäßigkeiten, wendet sie an, variiert und permutiert sie. Dieser infinite Prozess der Selbst- und Fremdentwicklung (Poiesis resp. Autopoiesis) ist eine Art exponentielle Fortschrittsfunktion. Wenn wir über die Gestaltung von Zukünften sprechen (1. Zukunft des Menschen, 2. Zukunft für den Menschen, 3. Zukunft trotz des Menschen), dann sollten wir jene Gestaltungsmethoden genauer studieren, die eine moderierende Wirkung auf unsere viel zu anwendungsorientierte Phantasie ausüben. Vorzuschlagen sei hier nicht der Algorithmus (Regelsystem I), das Gesetz (Regelsystem Il) oder der Verzicht (Regelsystem II).
Schon gar nicht rede ich von der schnellen und vielleicht manchmal auch schmuddeligen Praxis. Dehnen wir unsere Erwartungen doch aus und konzentrieren uns auf die Frage, wie wir zu ganz neuen Regeln kommen können. Eine Publikation des Zentrums für Kunst und Medien in Karlsruhe dokumentiert die Forschungen des Komponisten und Architekten lannis Xenakis, der für seine „stochastische Musik“ die Spiel- und die Zahlentheorie nutzte. Heute „klingt“ uns dieses Prinzip sehr vertraut. „Spieltheorie“, ein passendes Wort in diesem Zusammenhang!

Nur durch Himmelskarten können Erdkarten gemacht werden; nur durch den Standpunkt von oben herab entsteht uns eine ganze Himmelskugel, und die Erdkugel selber wird zwar klein, aber rund und glänzend darin schwimmen.
Jean Paul, Vorschule der Ästhetik

Das Blaue vom Himmel

(…) Die Verhältnisse scheinen kompliziert, seltsam, unordentlich. Darum mögen wir getrost und in professioneller Weise kompliziert und unordentlich aber immer umsichtig vorgehen. Sollte es uns hier und da gelingen, in all der Unordnung eine neue, bessere Ordnung zu erkennen, ist genau das die Hoffnung. Sprechen wir nicht von „gut“ oder „schlecht“ und geben wir nicht immer gleich vor, die Welt zu reparieren. Je mehr wir wissen und können, desto enger werden wohl auch die Grenzen des Erträglichen.

 

 

Über den Autor…

Prof. Dr. Gerhard M. Buurman ist Designer und Kulturwissenschaftler. Von 2001 bis 2017 unterrichtete er an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich, wo er unter anderem die Studienbereiche Interaction Design und Game-Design gründete, den Aufbau des Swiss Design Institute for Finance and Banking initiierte und das Institut für Designforschung leitete. Heute arbeitet der Konstanzer mit seinem Institut für Denkformen einmal mehr an der Schnittstelle von Design und Ökonomie. Gerhard M. Buurman ist außerdem Teil des Zukunftsrates von Zukunft Neu Denken.

www.postmodular.de

 

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Gastkommentar,Gestaltbarkeit

Von der Derealisation bis zum blauen Himmel

Gerhard M. Buurman lässt uns einmal mehr an seinen Gedanken teilhaben und schreibt über Derealisation, neue Regeln und das Blaue vom Himmel.

Viele fühlen sich von der „VUCA-Realität“ ausgebremst. Die Fragen nach dem Sinn eines Unternehmens rücken in den Hintergrund, schließlich muss man alles tun, um in dieser unbeständigen, unsicheren, komplexen und mehrdeutigen Welt zu überleben. Dabei wäre es doch gerade jetzt von immenser Bedeutung, sinnstiftend und zukunftsfähig zu agieren – als Unternehmen, als Gesellschaft, als Individuum.
Nun, das Umfeld hat sich immer schon geändert und wird sich immer ändern. Es ist allerdings eine Frage der Haltung, ob man diese VUCA-Welt als Problem bzw. Gefahr betrachtet, oder ob man sie als Option, als Möglichkeit für Gestaltung sieht: Als etwas, mit dem man umgehen kann, das einem die Chance bietet, Dinge zu verbessern, etwas zu bewirken und zu gestalten. Für manche ist etwa die Klimathematik schlichtweg eine Gefahr. Andere sagen: „Das kann ich gestalten. Ich kann meine Lebensweise anpassen oder sogar Dinge kreieren, mit denen ich etwas dagegen tun kann.“
Am Ende des Tages stellt sich die Frage: Gehört man zu den Gestaltern oder zu den Verwaltern? Und zwar sowohl als Individuum, als auch als Organisation oder Gesellschaft. Unternehmen, die darin einen Sinn sehen, ihr Produkt, ihre Dienstleistung, ihr Tun zu verbessern, neu zu gestalten, damit sie in dieser VUCA-Welt überleben können, sind Gestalter. Und dann gibt es jene, die das Bestehende unter dem Deckmantel des Bewahrens verwalten wollen, denn die Zukunft ist ja vor allem unsicher. Doch wer aus einem Sicherheitsbedürfnis heraus agiert, sieht die Zukunft eher dunkel und dystopisch. Diese Haltung hat vielleicht einen Zweck, wenn man verwalten will, macht allerdings wenig Sinn, wenn es darum geht, die Zukunft zu gestalten. Das Problem ist, dass die Verwalter derzeit dominieren – sowohl in Unternehmen als auch in der Politik.

Viele empfinden es halt als gefährlich, ohne „Sicherheitsnetz“ in die Zukunft zu gehen – vor allem im Managementbereich, so scheint es.
Ja, aber so gelingt Gestaltung und damit Zukunftsarbeit nun mal nicht. Wenn man ständig absichern will, was zu tun ist, wenn man Optionen hin- und herschiebt, Prämissen und Ziele festlegt, verwaltet man bloß die Rahmenbedingungen. In so einem Umfeld kann Gestaltung nicht stattfinden, da es gar keine Räume für Entfaltung gibt. Früher war das Sicherheitsdenken nicht so dominant. Das ist erst mit einer Veränderung in den 1990er Jahren aufgekommen. Seither wurde Zukunft mehr und mehr zum Verwaltungsfeld.
Dabei ist es durchaus verständlich und auch legitim, dass das Management Dinge absichern und Controlling-Systeme einbauen möchte. Der Begriff kommt ja vom Lateinischen „manare“, also jemanden bei der Hand nehmen. Viele Entwicklungen benötigen Absicherung, Kontrolle und Zielsetzungen. Aber fürs Neue benötigen wir immer auch Gestaltung, Entwicklung und Freiraum. Otl Aicher, einer der prägendsten deutschen Gestalter, hat einmal gesagt: „Entwürfe werden in die Welt geworfen.“ Nur so ergeben sich Möglichkeiten, Neues und Besseres zu gestalten. Ein Gestalter wirft einen Entwurf auf – hoffentlich – fruchtbaren Boden, wie ein Samenkorn, damit daraus Wertvolles entsteht. Ein Verwalter möchte am liebsten den Apfel gleich ernten können. Für ihn ist das Risiko, dass der Entwurf nichts wird, zu gefährlich und zu ressourcenverschlingend.

Du bist ja nicht nur Unternehmensberater, sondern leitest an der Hochschule Luzern auch den CAS-Studiengang Design Management – ein Begriff, der an sich wie ein Widerspruch in sich erscheint.
Ja, wobei er eigentlich die zwei Pole bezeichnet, die in Verbindung gebracht werden müssen. Es geht nicht darum, das Design zu managen oder das Management zu gestalten. Es geht um das Zusammenbringen beider Aspekte. Design und Management bzw. Gestaltung und Verwaltung sind die beiden Standsäulen einer Organisation, wobei Gestaltung ihre primäre Funktion ist und Verwaltung als Support dient, und damit sicherstellt, dass Gestaltung überhaupt stattfinden kann. Mit Gestaltung entstehen die Leistungen, mit der Verwaltung werden diese ermöglicht. Idealerweise sollte es so sein, aber in den meisten Unternehmen ist es heute leider umgekehrt: Dort ist die Verwaltung die primäre Funktion. Und dort, wo CEOs reine Verwalter sind, für die vor allem Zahlen und weniger die Kunden zählen, entstehen keine Visionen für die Zukunft. Eigentlich ist ein CEO wie ein Hausmeister: absolut wichtig, aber eben nur unterstützend! Wahres Unternehmertum macht sich darüber Gedanken, was man tun kann, damit Produkte und Dienstleistungen für die Kunden und Mitarbeiter sinn- und zweckvoll sind.
Wir merken das auch in der Gesellschaft: Die Welt wird von der Politik normiert, kartografiert, in Gut und Böse eingeteilt und dadurch – scheinbar – verwaltbar gemacht. In so einem Umfeld kann keine Zukunft gestaltet werden, denn dafür brauchen wir Offenheit, Experimentierfreude und Gestaltungsperspektiven. Wir müssen endlich akzeptieren, dass sich die Dinge verändern und dass das weniger Gefahren mit sich bringt, sondern Möglichkeiten. Als Kind akzeptiert man ja auch, dass man auf dem Spielplatz hin- oder irgendwo herunterfallen kann. Für Kinder ist freies Gestalten viel wichtiger als sicheres Verwalten. Warum nicht auch für uns Erwachsene?

Beim Hinfallen könnte man halt auf die Nase fallen und das würde weh tun. Also lieber alles beim Alten belassen.
Dieses vorherrschende Verwaltungsdenken macht uns aber Gestaltungsthemen gegenüber blind und gaukelt uns Sicherheit vor. Dadurch verlernen wir, uns auf das eigene Potenzial zu verlassen. Und die Frage ist doch: Was steckt für eine Einstellung hinter dem Bewahren und Verwalten? Was projizieren wir dadurch in die Welt? Was sind das für Denkmuster und was bedeutet das für Die Zukunft?
Als ich in den 1960er, -70er Jahren aufgewachsen bin, war die Zukunft grandios. Die Gegenwart hingegen war weitaus schlimmer als heutzutage – meiner Meinung nach zumindest. Damals hieß es: Die Zukunft kann nur besser werden. Heute ist das anders. Heute erwartet man sich für die Zukunft nur mehr Schlechtes.

Die Menschen bekommen das ja täglich vorgekaut: Erst Corona, jetzt der Krieg in der Ukraine mit all seinen negativen Folgen, die erst in den kommenden Monaten so richtig bemerkbar werden. So zumindest der allgemeine Tenor.
Stimmt. Umso wichtiger ist es, dass wir an einer besseren Zukunft arbeiten und diese gestalten wollen. Dafür brauchen wir De-Eskalation und vielfältige Entwürfe, die Optionen sind. Das ist allerdings schwieriger als die Eskalation auf Basis von Zielsetzungen und Vorgaben. Uns fehlen die Politiker, die gestalten können, und die Bürger, die dies einfordern. Es ist nicht einfach, weil wir uns gemeinsam Gedanken darüber machen müssen, was denn die unerwünschte und was die erwünschte Zukunft für alle sein könnte. Das Problem dabei ist: Sobald brillante Ideen in den Raum geworfen werden, werden diese von den Verwaltern in gut und schlecht eingeteilt. Und gut ist, was sicher und verwaltbar ist. Wir müssen wieder lernen, Ideen, Meinungen, Vorschläge, Entwürfe des Gegenübers zu akzeptieren, sie im Raum stehen zu lassen, ohne gleich zu urteilen und von vornherein die Dinge kontrollieren zu wollen. Das nämlich erstickt die Zukunft im Keim.

DM-Gründer Götz W. Werner hat den Begriff der „unternehmerischen Disposition“ geprägt, in der der Mitarbeitende „stets in die Zukunft gerichtet handelt, vordenkt, sich ein Bild schafft“ und somit sich und das Unternehmen gestalterisch in die Zukunft führt. Wie können wir es schaffen, dass jeder so denkt und handelt?
Indem wir es den Kindern von klein auf beibringen, statt sie ständig auszubremsen und ihr Potenzial zu untergraben. Unser Schulsystem ist ja auch ein Verwaltungssystem: Da werden Kinder in Klassen gesteckt, wo sie wie am Produktionsband lernen sollen. Dabei wird der Mensch als Gestalter geboren und nicht als Verwaltungsobjekt. Und um ehrlich zu sein, mache ich mir in der Hinsicht wirklich Sorgen, denn ich habe das Gefühl, dass Menschen so zu Sicherheitsfanatikern großgezogen werden. Eine Generation von sorgenvollen Unsicherheitsvermeidungsmenschen, die nur mehr damit beschäftigt sind, die Gefahren von vornherein zu vermeiden, um so vermeintliche Sicherheiten zu haben. Aber wie soll so eine bessere Zukunft entstehen? Gestaltung benötigt Freiheit, nicht Sicherheit!

Was können wir tun – abgesehen davon, dass das Bildungssystem komplett reformiert gehört?
Jeder Mensch sollte sich darüber im Klaren sein, dass er sowohl einen Gestalter als auch einen Verwalter in sich hat. Es ist wie ein Pendel, das unser ganzes Leben lang hin- und herschwingt. Entsprechend gilt es, immer wieder Unsicherheitsvermeidung zu überwinden und Entwurf und Gestaltung zuzulassen. Dafür aber brauchen wir dringend vertrauensstiftende, lebensbejahende, positive Signale und Impulse, sodass die Menschen wieder mit dem Potenzial der Gestaltungsfähigkeit arbeiten können.

Wir brauchen also eine Bewegung von Menschen, die sozusagen für ihr gestalterisches Geburtsrecht kämpfen.
Ja, eine zukunftsbejahende Bewegung. Wir brauchen eine gestalterische Kultur, die auf Zuversicht und Gestaltungswille aufbaut. Durch ständiges Absichern kommen wir nicht weiter und schon gar nicht durch Konflikte. Wenn wir nur klare Kante zeigen, werden wir daran zugrunde gehen. Wir brauchen Kompromisse, die einem Gestaltungswillen entspringen. Wir brauchen einen wirklich gesunden Wettbewerb ums Bessere, und nicht Kriege um die Verwaltungshoheit.

Fehlt es uns an der Fehlerkultur?
Das ist in meinen Augen ein irreführender Begriff. Fehler machen ist nie gut. Fehler will und sollte jeder vermeiden. Viel besser wäre es doch, wenn wir eine Entwurfskultur hätten. Ich kann den ganzen Tag experimentieren, neue Dinge versuchen und Entwürfe in den Raum werfen. Manches wird funktionieren, anderes nicht. Noch besser wäre eine Kombination aus Entwurfs- und Exzellenzkultur: Zuerst entwerfen wir neue Lösungen und die, die funktionieren, verbessern wir dann solange, bis sie exzellent sind.

Momentan aber geht es leider gar nicht in diese Richtung…
Nein, wir stecken gerade in der Talsohle des Elends fest, schüren Ängste und verknappen Ressourcen. Und es wird meiner Meinung nach noch ein paar Jahre dauern, bis wir aus diesem Tief wieder herauskommen. Bis es jemand schafft, die Menschen davon zu überzeugen, dass die Perspektive für die Zukunft die Gestaltung ist, nicht die Verwaltung. Allerdings fehlen uns aktuell die großen Gestalter, die ein utopisch-annehmbares Bild der Zukunft zeichnen und denen man folgen möchte. Oder anders gesagt: Es dominieren die Verwalter, deren Ziele und Maßnahmen uns davon abhalten eine bessere Zukunft zu gestalten.

Wenn wir alle als Gestalter geboren werden, könnten wir doch auch alle Visionäre sein.
Ja, auf jeden Fall! Dafür müssen wir aber erst einmal den Verwalter in uns zurückdrängen. Dann müssen wir damit Frieden schließen, dass in der Vergangenheit Fehler gemacht wurden, und dass es Dinge gibt, die man nicht kontrollieren kann, dass Unsicherheit Fakt ist. Außerdem müssen wir uns vergewissern, dass wir immer die Möglichkeit haben, die Dinge besser zu machen. Wir müssen bereit sein, Entwürfe und Lösungen ergebnisoffen miteinander zu diskutieren und sie dadurch ständig zu optimieren. Womit wir wieder bei der Entwurfs- und Exzellenzkultur wären.

Vielen Dank, Jan-Erik, für dieses sehr tolle Gespräch.

 

 

Zur Person: Prof. Jan-Erik Baars

…berät Unternehmen in der effektiven und umfassenden Nutzung des Designs. Zudem leitet der in den Niederlanden aufgewachsene, gebürtige US-Amerikaner, der heute in Kempen (D) lebt den CAS-Studiengang Design Management an der Hochschule Luzern (CH). Zuvor war der Autor von „Leading Design“ fast 20 Jahre lang als Industriedesigner und zum Schluss als Leiter Design bei Philips in Eindhoven sowie Wien tätig und zeichnete von 2009 bis 2011 für das Designmanagement der Deutschen Telekom in Bonn verantwortlich.
www.janerikbaars.com

 

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Gestaltbarkeit,Im Gespräch mit...

Die Perspektive für die Zukunft ist die Gestaltung

Jan-Erik Baars arbeitet seit über 25 Jahren an der Schnittstelle zwischen Design und Management und ist überzeugt, dass wir die Zukunft ohne Sicherheitsnetz gestalten müssen. Ein Gespräch über in den Raum geworfene Entwürfe, die Notwendigkeit der De-Eskalation, sorgenvolle Unsicherheitsvermeidungsmenschen und Visionäre, die eine Entwurfs- und Exzellenzkultur leben.

Ich habe oft das Gefühl, dass im Bildungsbereich vorwiegend altes Wissen und somit Vergangenheit vermittelt werden. Zum Teil ist das natürlich notwendig, aber die Zeiten verändern sich so schnell, dass doch der Fokus auf der Welt von Morgen liegen sollte. Wie viel Zukunft steckt also deiner Meinung nach in der Hochschule?
Ich bin nun seit fünfeinhalb Jahren an der Hochschule Ravensburg-Weingarten (kurz RWU), war davor im Lebensmitteleinzelhandel und in der Industrie tätig und im Vergleich dazu kann man das Konstrukt der Hochschule wohl als eher träge bezeichnen. Das liegt unter anderem an sehr langen Entscheidungswegen, die eingehalten werden müssen. In vielen Bereichen sind wir an Ministerien und/oder Bundesländer gekoppelt und Teil eines Beamtenapparats. Manch einer wechselt sogar von der Wirtschaft oder Industrie an die Hochschule oder Universität, weil er diese Art der Langsamkeit sucht. Ein derartiges Umfeld bietet Sicherheit, bremst aber gleichzeitig das System.
Ich selbst habe mich ganz bewusst auf den Weg zur Professur gemacht, weil ich junge Menschen in ihrer persönlichen Weiterentwicklung begleiten möchte. Glücklicherweise habe ich die Möglichkeit, meine Lehrpläne im Rahmen der Vorgaben von den Inhalten frei und großzügig zu gestalten. Auch in der Arbeitsweise habe ich freie Hand; für mich ist diese Freiheit unbezahlbar.

Gibt es denn mehr von „deiner Sorte“? Sprich: Lehrende, die Wandel und somit Zukunft gestalten wollen?
Ja und das ist essenziell, denn wir müssen Wandel forcieren, alleine wegen des demografischen Wandels, den wir als Hochschule im ländlichen Raum besonders spüren. Wir stehen im Wettbewerb mit anderen Hochschulen und müssen entsprechend Differenzierungsmerkmale aufweisen. Zum Glück also haben immer mehr meiner Kolleginnen und Kollegen den Anspruch, jungen Menschen etwas für die Zukunft mitzugeben. Dafür müssen wir uns allerdings mit den Themen der Zukunft wie Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Globalisierung usw. eingehend beschäftigen.

Reicht es denn, auf Zukunftsthemen zu setzen, um eine Hochschule der Zukunft zu werden?
Nein. Wir müssen vielmehr die Studiengänge zukunftsfähig gestalten – und zwar sowohl inhaltlich als auch in der Art und Weise wie wir diese Inhalte vermitteln. An der RWU arbeiten wir schon länger an neuen Lernkonzepten, erproben sie im Hochschulalltag und passen sie kontinuierlich an. Interaktion wird beispielsweise immer wichtiger. Freilich kann man mit einer Anfängergruppe von 120 Leuten nicht in einen Dialog treten, wie das in der Kleingruppe möglich ist. Frontalunterricht allerdings, wie er noch vor 20 Jahren gang und gäbe war, gibt es bei mir so gut wie nicht mehr – zum Glück. Außerdem setzen wir sehr stark auf projekt- und praxisbasiertes Lernen mit echten Case Studies, zu denen etwa Mitarbeiter von Firmen zu uns an die Hochschule kommen.

Klingt interessant. Zu meiner Zeit habe ich Case Studies nur auf dem Papier durchgearbeitet.
Bei mir gab’s im Studium eigentlich nur Frontalunterricht. Umso mehr freut es mich, dass die RWU unterschiedliche Kooperationen mit Unternehmen aus Wirtschaft und Industrie hat. Ein Beispiel hierfür ist Dell Technologies: Pro Semester arbeiten bis zu zehn Mitarbeiter mit den Studierenden in Kleingruppen und unterfüttern sozusagen Theorie mit Praxis. Vielfach geht es dabei um Themen, die bei Dell Technologies künftig von Interesse sein werden – etwa die die Frage, welche Aufgaben die Digitalisierung im Pflegedienst künftig leisten wird können und müssen. Immerhin haben wir es bereits heute mit einem Fachkräftemangel zu tun, der ab 2030 so richtig zum Problem wird. Das sind Themen, über die Studierenden nachdenken müssen, denn es braucht dringend adäquate Lösungen. Die Manager von Dell Technologies holen sich von unseren Studierenden über verschiedene Rechercheansätze wertvollen Input, für den im Arbeitsalltag eines Managers schlichtweg die Zeit fehlt. So lassen sie etwa Marktrecherchen durchführen, geben wissenschaftliche Analysen in Auftrag usw. Im Gegenzug profitieren die Studierenden vom enormen Praxiswissen der Dell Coaches. Es ist eine klassische Win-Win Situation für beide Seiten. Und die Ergebnisse lassen sich oft vorzeigen: Auch eine App für digitale Anwendungen wurde im Rahmen dieser Kooperation schon entwickelt.

Mir scheint eine Hochschule sowieso der ideale Ort für Experimentier- und Möglichkeitsräume.
Absolut. Die RWU hat zahlreiche Labore, in denen die Studierenden forschen und praxisnah arbeiten können. Viele Labore sind technischer Natur. Im Bereich Marketing haben wir ein Marketing Insight Excellence Lab, wo das Blickverhalten mittels Eye Tracking erfasst, analysiert und Handlungsempfehlungen abgeleitet werden. Fakultätsübergreifend gibt es beispielsweise unser Formula Student Team. Hier konstruieren und fertigen Studierende Rennwagen und nehmen damit jedes Jahr beim weltweit größten Konstruktionswettbewerb für Studierende teil. Bei all diesen Projekten werden aber nicht nur Theorie und praktische Erfahrungen vereint, die jungen Menschen haben auch Spaß. Und das ist besonders wertvoll. Wenn man die Grenzen nicht so eng zieht, wenn also Freude am Lernen erlaubt bzw. gefördert wird, führt das im Endeffekt zu besseren Ergebnissen.
Fachwissen ist wichtig, um verschiedene Sachverhalte miteinander in Verbindung bringen zu können. Genauso wichtig – wenn künftig nicht vielleicht sogar noch wichtiger –, ist kreatives Denken und vor allem das Wissen und Können, wie man kreative Ideen auf den Weg bringen kann. Nicht zuletzt aus diesem Grund spielt Interdisziplinarität an der RWU eine entscheidende Rolle.

Du meinst, weil Interdisziplinarität das Entstehen von Innovation fördert, die ja oft genau dort, nämlich an der Grenze zwischen Disziplinen entstehen?
Ja. Aber auch weil wir viel Wert auf zwischenmenschliche Werte legen. Und diese sind nicht nur für das Leben an der Hochschule nötig, sondern in der „Welt draußen“ mittlerweile unerlässlich. Einer meiner Kollegen ist Psychologe, wodurch wir die Studierenden etwa hinsichtlich Führungsthemen, Resilienz, Mindset usw. ganz anders unterstützen können. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass unsere internationale Ausrichtung wesentlich dazu beiträgt, dass die Studierenden sich gegenüber anderen Kulturkreisen öffnen. Auch das ist notwendig, denn die Welt wächst kontinuierlich zusammen.

Apropos Ausland: Ich habe gelesen, dass ihr beim MBA-Studiengang International Business Management & Sustainability auch Studienreisen macht – und zwar nicht nur „um die Ecke“, sondern bis nach Thailand, Singapur oder Kanada.
Ja, denn für international tätige Führungskräfte ist es entscheidend, über unterschiedliche Kulturen Bescheid zu wissen und interkulturelle Gegebenheiten zu beachten. Daher haben wir diese Studienreisen verpflichtend in den Lehrplan aufgenommen, wobei es für die Studierenden weniger eine Pflicht ist, wie sich in den vergangenen Jahren gezeigt hat. Vielmehr nehmen sogar ehemalige Studierende daran teil, unter anderem weil sie wissen, wie wichtig das Netzwerk ist – im International Business eben auf internationaler Ebene.
Neben diesen außereuropäischen Reisen planen wir übrigens im Frühjahr kommenden Jahres eine Reise nach Schweden, um ein Startup zu besuchen, das innovative Verschlüsse auf Naturfaserbasis entwickelt. Und wenn wir schon in Schweden sind, wollen wir uns auch Gemeinden anschauen, bei denen Nachhaltigkeit in einer Art und Weise gelebt wird, von der wir hier nur träumen können. Der Kontakt ist übrigens durch einen ehemaligen Studenten von mir entstanden, der ebendort arbeitet.

Womit wir wieder beim Netzwerk wären. Bei Zukunft Neu Denken nennen wir dieses ja die „Schaltzentrale“ der Plattform. Dabei ist es nicht von Bedeutung, ob jemand bereits über jahrelanges Wissen verfügt oder ganz neu im Feld der Zukunft ist. Wir können alle voneinander lernen und profitieren.
Stimmt. Der Austausch ist so wichtig, denn dabei entstehen neue Ideen. Manche davon sind umsetzbar, andere nicht. Doch darum geht es in erster Linie gar nicht. Stehenbleiben ist Rückschritt. Natürlich verfügen wir Lehrenden über mehr Fachwissen, doch oftmals braucht es eben diesen neuen Blick von außen, den die Studierenden mitbringen. Im Alltag ist das für mich zwar manchmal eine Herausforderung, weil ich meinen Lehrplan immer wieder über den Haufen schmeiße und neu aufstelle. Aber es liegt halt auch in meiner Natur, vorwärts zu denken und die jungen Menschen auf die Zukunft vorzubereiten.

Da bekommt man richtig Lust, wieder zu studieren. Danke für das schöne Gespräch, Barbara!

 

Barbara Niersbach (ganz rechts) und ihr Team (© RWU Hochschule Ravensburg-Weingarten)

 

Zur Person: Prof. Dr. Barbara Niersbach

… ist Studiendekanin des berufsbegleitenden Master-Studiengangs „International Business Management & Sustainability“ an der RWU Hochschule Ravensburg-Weingarten, Professorin für B2B-Marketing and Sales und Auslandsbeauftrage der Fakultät. Die studierte Dilpom-Kauffrau war zuvor mehrere Jahre im Lebensmitteleinzelhandel und Industriebereich tätig, wo sie – zuerst als Verkaufsleiterin bei der Lidl Waldenburg GmbH & Co.KG und im Anschluss als Marketing Managerin in einem Unternehmen für technische Keramik – in die Welt des B2B-Managements eintauchte. 2016 promovierte die Mutter von zwei Kindern an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Neben ihrer Tätigkeit an der RWU ist Barbara zudem Dozentin im internationalen MBA an der Kempten Professional School of Business & Technology sowie am Management Center Innsbruck und Partner beim Coaching- und Consulting-Unternehmen KAM Experts.

…und übrigens: Klaus Kofler bietet zusammen mit Holger Bramsiepe von unserer Schwesterorganisation Future Design Akademie im Rahmen des Masterstudiengangs „Betriebswirtschaftslehre und Unternehmerisches Handeln“ das Wahlfach Zukunftsdesign an. Dabei lernen die Studierenden Zukunftsdesign als einen organisationalen Gestaltungsprozess verstehen und anwenden.

 

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Gestaltbarkeit,Im Gespräch mit...

Hochschule der Zukunft: Interdisziplinärer Experimentierraum

Prof. Dr. Barbara Niersbach, Studiendekanin MBA-Studiengang International Business Management & Sustainability an der RWU Hochschule Ravensburg-Weingarten (D), will junge Menschen auf die Zukunft vorbereiten. Was das mit Interdisziplinarität, interkulturellem Austausch, Case Studies und Laborarbeit sowie Networking zu tun hat und warum sie sich jedes Jahr auf Reisen begibt.