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Es sollte fixer Bestandteil der unternehmerischen DNA sein, sich Gedanken über die Zukunft zu machen und entsprechend zu handeln. Wie siehst du das?
Ja klar, das sollte so sein. Allerdings wird das viel zu wenig gelebt. Solange man im operativen Geschäft ist, steckt man meist in verschiedenen Mühlen, die morgens bis abends laufen. Ich bin seit mehr als 37 Jahren Unternehmer und habe anfangs viele Jahre sieben Tage die Woche, zehn bis zwölf Stunden täglich gearbeitet. Nach rund zehn Jahren bin ich endlich aus dem täglichen Überlebenskampf herausgekommen und hatte tolle Mitarbeiter, die etliche Aufgaben übernommen haben. Es hat aber noch mal gut zehn Jahre gebraucht, bis ich mich strategisch, mit Zukunftsthemen und auch mit meiner Rolle als Unternehmer befassen konnte.

Damit bist Du nicht alleine. Leider, schließlich vergeht dadurch viel Zeit, in der im Hinblick auf die Zukunft verantwortungslos agiert wird.
Stimmt. Ich sage immer: Wir müssen dringend lernen, in die Welt von Übermorgen zu blicken. Ich spreche gerne von der „Welt von Übermorgen“, denn Zukunft ist für viele zu unscharf, nicht greifbar. Doch egal, wie wir es nennen – klar ist: Wir müssen die Welt von Übermorgen im Blick haben, wenn wir heute Entscheidungen treffen. Unsere Welt verändert sich durch neue Technologien, Digitalisierung und andere gesellschaftliche Prozesse umfassend und irrsinnig schnell. Also müssen wir uns fragen: Was wird übermorgen sein? Macht es noch Sinn, Parkhäuser zu bauen, wenn unser Alltag in zehn Jahren durch selbstfahrende Autos und autonomes Fahren geprägt ist und Mobile keine Parkplätze mehr brauchen?

Klingt für viele wohl eher nach Science-Fiction.
Ein weiteres Problem. Denn wer derartige Zukunftsbilder kommuniziert, wird als Geschichtenerzähler, Fantast oder gar Spinner angefeindet. Dabei müssen wir uns diese und viele andere Fragen stellen. Was wäre, wenn Autos fliegen könnten? Welche Risiken müssten wir beherrschen, welche Chancen nutzen können? Autonome Mobilität wird kommen – auf der Straße und in der Luft. Das ist fix. Nur wann wissen wir nicht endgültig. Aber ich muss vorbereitet sein, wenn es soweit ist. Dadurch wird nämlich ein Prozess angestoßen, der die Welt verändert und mit dem wir uns heute schon beschäftigen müssen.

Übermorgen keine Angsthasen (© Karan Mandre, Unsplash)

 

Automatisierte Autos sparen noch dazu Sprit. Was mich zum nächsten Thema bringt, bei dem Unternehmer Verantwortung übernehmen müssen: die Klimathematik.
Autonomes Fahren, also das Zeitalter der „Schwarmmobilität“, bedeutet vor allem, dass wir den Fahrzeugbestand um ca. 75 bis 80 Prozent reduzieren können. Denn das sind dann keine Stehzeuge mehr, sondern echte Fahrzeuge. Das spart ungeheure Ressourcen. Meiner Meinung nach gibt es neben der Digitalisierung und dem Klimawandel einen weiteren Megatrend – und zwar, dass nachhaltiges Wirtschaften zur Pflicht wird. Jedes Unternehmen muss es schaffen, sein gesamtes Business klimaneutral, nachhaltig und in Form einer Kreislaufwirtschaft zu erbringen. Jeder, der das nicht kann oder will, wird ausscheiden. Einerseits, weil es die Gesellschaft nicht mehr akzeptieren wird. Andererseits, weil globale Konzerne das Versprechen abgegeben haben, bis 2030 oder 2035 klimaneutral zu sein. An sich ist das gut und wichtig. Allerdings lagern sie die Verantwortung dafür in gewisser Weise aus, denn die Produkte dieser Giganten weisen einen marginalen Eigenanteil auf – der größte Teil wird zugeliefert. Damit also Apple und Co. klimaneutral werden können, müssen das auch zigtausende Zulieferer werden, ansonsten fliegen sie aus der Lieferkette. Das haben viele aber noch nicht kapiert.

Eigentlich unverständlich. Abgesehen davon, dass sie ihr Dasein als Zulieferer sichern, würden sie Verantwortung für die Zukunft übernehmen.
Ja, eigentlich unverständlich. Und das Bild von morgen ist ziemlich scharf. Es geht vor allem darum, wann welche Technologie sich durchsetzt. Es ist verständlich, dass manche nur ungern den Ast absägen, auf dem sie schon lange sitzen und mit dem sie gutes Geld verdienen. Da braucht es schon Weitsicht und Mut, auf neue Produkte und Entwicklungen frühzeitig umzusteigen. Und das fällt nicht leicht in einem Land voller Angsthasen. Viele sind aber auch einfach Ignorant.

Wir sind halt Gewohnheitstiere, die neue Dinge nervig finden.
Bei vielen geht es nicht um „nervig“, sondern um Verlustängste. Eine meiner größten Qualitäten als Unternehmer – wenn ich das so sagen darf – war es, mir mindestens einmal im Jahr mit meinem Team anzuschauen, welche unserer heutigen Produkte der Kunde auch morgen noch brauchen wird. Dabei haben wir alles infrage gestellt und uns auch von gut laufenden Geschäftsfeldern getrennt, wenn wir davon überzeugt waren, dass diese sich nicht mehr lange tragen werden. Wir haben das immer ganz bewusst zu einem Zeitpunkt gemacht, in dem dieses oder jenes Produkt noch erfolgreich war und es uns noch gut ging. Steht man erst einmal mit dem Rücken zur Wand, geht das nicht mehr.

Verändere die Welt von Übermorgen (© Austin Chan, Unsplash)

Erfolg ist für dich somit der perfekte Zeitpunkt, um weiterzuziehen.
Ja, wobei das in den wenigsten Fällen Entscheidungen waren, die mir leichtgefallen sind. Ein Beispiel: Ich habe unter anderem eine Eventlocation betrieben, bei der wir knapp 65 Prozent der Umsätze mit Party-Events gemacht haben. Im Sommer 2008 haben wir nach einem über zweijährigen Findungsprozess beschlossen: 2009 machen wir keine Partys mehr, sondern setzen auf Unternehmerevents, Hochzeiten usw. Und dann kam die Lehman-Pleite mit der Weltwirtschaftskrise und alle Unternehmensevents brachen plötzlich weg. Da stand ich vor der Frage: Bleibst du bei der Entscheidung, obwohl nicht absehbar ist, wie lange das dauert? Verzichtest du auf über 60 Prozent des Umsatzes, nur weil du vor ein paar Monaten eine Idee hattest? Ich habe daraufhin vier Wochen Tag und Nacht gegrübelt und irgendwann war mir klar: Wir haben jetzt zwei, drei Jahre darüber nachgedacht und wissen es ist die grundlegend richtige Entscheidung. Also wird das auch klappen. Und wir hatten 2009 tatsächlich ein Rekordjahr – mitten in der Wirtschaftskrise.

Heute machst du allerdings keine Events mehr…
Nein. Im März 2020 brach nämlich – „Corona sei Dank“ – wieder alles zusammen. Diesmal allerdings mein ganzes Business. Sprich: Es gab weder Events noch konnte ich Vorträge halten oder Bücher bei Events verkaufen. Anfangs dachten wir ja alle, dass das in ein paar Wochen vorbei ist. Anfang Juni aber war klar: Ich sitze auf einem toten Gaul. Und Mitte Juni habe ich von heute auf morgen beschlossen, die Eventlocation zu schließen. Das fiel mir nicht leicht, schließlich musste ich 50 Leute entlassen, mit denen ich viele Jahre eng und sehr gut zusammengearbeitet habe. Es war die schlimmste unternehmerische Entscheidung, die ich in meinem Leben treffen musste. Doch es war die einzige Möglichkeit, meine Substanz zu retten – und zwar so, dass ich jetzt ein neues Projekt aufbauen kann, das noch besser und größer wird als das alte.
Was ich damit sagen möchte: Als Unternehmer muss man sich häufig neu erfinden – egal, ob man gerade erfolgreich ist oder eben auf einem toten Gaul sitzt. Ohne Innovationsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein für die Welt von Übermorgen geht das gar nicht. Außerdem sollte man immer seinem unternehmerischen Gefühl vertrauen. Und nicht auf das Geschwätz mancher Medien hören.

Vielen Dank für das Gespräch, Jörg!

 

Jörg Heynkes (© André Bakker)

 

Zur Person: Jörg Heynkes

Der Unternehmer, Autor und Speaker betrieb viele Jahre eine Eventlocation in Wuppertal. Dann kam Corona und der gelernte Industrie- und Werbefotograf entschied einmal mehr, seine Zukunft selbst in die Hand zu nehmen und so wird aus der VillaMedia Eventlocation nun ein KitaConceptCampus. Sein neues Projekt heißt www.gut-einern.de . Hier bündelt er alle Themen, die ihn in den letzten Jahren beschäftigt haben. Jörg engagiert sich außerdem ehrenamtlich am Projekt „Klimaquartier Arrenberg“ und entwickelt mit einer seiner Firmen die Software zum Betrieb von humanoiden Robotern wie Pepper, der bei seinen Vorträgen häufig an seiner Seite ist. Und ja, Jörg provoziert, ist radikal und unbequem – weil er ungemütliche Fragen stellt, auch an sich selbst.

www.joergheynkes.de

 

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weiter neu denken

Du bist schon seit drei Jahrzehnten in der Zukunftsarbeit tätig. Was hat sich seither verändert?
Die Zukunft ist seit jeher ein Thema – für den einzelnen, die Gesellschaft als Ganzes, für Industrie, Wirtschaft und Politik. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Allerdings ist das Thema in Gestalt der Zukunftsforschung mittlerweile auch in anderen Bereich angekommen – von Bildungseinrichtungen bis hin zu Ministerien und Regierungen. Natürlich ist der Weg nicht beendet, er geht weiter. Und das ist ja eigentlich das Spannende: Zukunft kann nie gebannt werden, sie bleibt störrisch und immer überraschend. Sie wird immer eine kreative Annäherung erfordern. Letzteres ist im Grunde die herausfordernde Konstante, wenn es um Zukunft geht. Die Bedingungen ringsherum verändern sich laufend. Und aktuell haben wir es noch dazu mit multiplen Krisen zu tun: Klima, Corona, Krieg – um nur einige zu nennen. Das erfordert ein Nachdenken im Voraus: Wie gehen wir künftig mit dem Selbstverständnis um, das wir in Europa über all die Jahre im Hinblick auf Sicherheiten entwickelt haben? Gibt es diese Sicherheiten überhaupt noch?

Hat es sie überhaupt jemals gegeben? Obwohl wahrscheinlich nicht absehbar war, dass es derart viele, wie Du sagst, multiple Krisen in so kurzer Zeit gibt.
Nein! Wobei ich nie behauptet habe, die Zukunft voraussagen zu wollen, geschweige denn zu können. Aber man muss sich schon darüber im Klaren sein: Krisen gehören zur gesellschaftlichen Routine – Krisen, wie das Waldsterben, Tschernobyl, 9/11, die Weltwirtschaftskrise 2008, Corona und jetzt eben der Ukraine-Krieg begleiten uns beständig. Wenngleich natürlich niemand gehofft oder erwartet hat, nach 77 Jahren Frieden noch einmal eine derartige Krise erleben zu müssen. Das haben wir wahrscheinlich ein Stück weit auch verdrängt. Die heftig umstrittene Ost-Politik von Willy Brandt war der Versuch, eine Nachkriegsordnung zu entwerfen, die dauerhaft Frieden ermöglicht. Dieser Versuch ist gescheitert. Fakt ist auch: Eine derart einseitige Energieabhängigkeit von Russland zu schaffen, war ein großer politischer Fehler, gerade im Hinblick auf die notwendige Energiewende.

Ein Fehler, aus dem wir nun lernen dürfen bzw. mit Blick auf die Klimathematik eigentlich müssen…
Stimmt. Krise heißt ja, etwas zum Besseren zu wenden. Und obwohl es nicht widerspruchsfrei ist, so eröffnet sich derzeit immerhin ein Fenster der Möglichkeiten, sodass etwa die Energiewende breiter diskutiert und die eine Beschleunigung erfahren wird, eine mit Sackgassen und Umwegen. Gradlinigkeit ist keine Sache der Zukunft.

Apropos Wende: Welches war und/oder ist Deiner Meinung nach im Sinne der Zukunft die wichtigste Transformation?
Ich denke gerne in historischen Analogiebildern. Schaut man sich etwa die Entwicklung der Industriegesellschaft an, so ist der Verbrauch der Ressourcen in den letzten 200 Jahren exponentiell angestiegen. Und das hat mit den langen Wellen der gesellschaftlichen Entwicklung, die von Basistechnologien getrieben wird, zu tun: von der Dampfmaschine über die Elektrizität bis heute zu Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz. Allerdings wird dabei meiner Meinung nach viel zu wenig darüber diskutiert, dass die Basistechnologien auch jeweils eine neue Infrastruktur benötigen: Autos brauchen Straßen, Energie braucht Leitungen und Computer brauchen Netzwerke. Das passiert aktuell beim Megatrend der Digitalisierung wieder. Was sich aktuell auch beim Megatrend der Digitalisierung mit der Herausbildung von Plattformen zeigt. Die Digitalisierung ist dabei lediglich eine Technologie, sie ersetzt und ist keine Ethik.
Interessanter und hinsichtlich der Zukunft sogar wichtiger sind die Kontexte dahinter: die kulturelle Aneignung, die Entfaltung neuer Produktionsweisen, die Chance, mit neuen Möglichkeiten, aktuelle Probleme anzugehen, wie etwa eine algorithmengesteuerte, ressourceneffiziente Kreislaufwirtschaft. Und es geht auch immer um alte Fragen: Was hält uns zusammen und wie wollen wir leben?

Es braucht also Wissen und Austausch.
Ja, wobei man hier zwei Dinge bedenken sollte: Etliche Studien zeigen, dass die große Mehrheit der Bevölkerung nicht zukunftsoffen ist, sondern der Zukunft eher ängstlich und kritisch gegenübersteht. Das muss man ernst nehmen. Man darf die Menschen nicht vor vollendete Tatsachen stellen, sondern muss sie an Veränderungen beteiligen. Auf einer abstrakten Ebene ist das schwierig, daher brauchen wir einen breiten Diskurs, Auseinandersetzung, Kommunikation, wohin wir wollen und wie wir dorthin kommen. Außerdem müssen den Bürgern Erprobungsräume für Zukünftiges eröffnet werden. Erfolge und Misserfolge müssen erlebbar sein. Spannend ist hier etwa der neue Ansatz einer missionsorientierten Innovationspolitik in Deutschland und Europa: Die Ziele der Innovationen sollen sich an den 17 UN-Zielen für eine nachhaltige Entwicklung orientieren und im Rahmen partizipativer Prozesse unter Einbindung der Zivilgesellschaft formuliert werden. Bis dato ist das noch kaum in der Zivilgesellschaft angekommen, doch der Ansatz verdient mehr Aufmerksamkeit.

Und der zweite Punkt, den wir bedenken sollten?
Der betrifft das Wissen. Noch nie standen den Menschen so viele Informationszugänge zur Verfügung. Wir werden regelrecht davon überflutet. Das war im Verlauf der Industrialisierung nicht der Fall. Außerdem haben wir mit den Fortschritten in Wissenschaft und Technik jetzt Werkzeuge in der Hand, die neu und mächtig sind: von der Atomkraft bis zu KI und Life Science. Nicht zuletzt auch aus diesem Grund wurde Anfang des Jahrtausends der Begriff des Anthropozäns geprägt. Demnach erleben wir aktuell eine Epoche, in der der Mensch zum wichtigsten Faktor auf den blauen Planeten geworden ist. Er bestimmt nicht nur den CO2-Eintrag in die Atmosphäre, er ist heute in der Lage in die Grundbausteine des Lebens, den Atomen, Genen, Bits und Bytes gestaltend einzugreifen.

Die Frage ist: Wird es das Zeitalter des zerstörerischen Menschen und der Krisen?
Das kommt darauf an. Die Klimaproblematik – sicher eine der größten Krisen unserer Zeit – ist etwa auf das Engste mit unserer Lebensweise und unserem Wohlstandsmodell verbunden. Und ja, damit nachfolgende Generationen noch eine lebenswerte Welt vorfinden, braucht es ein Umdenken und einen weitreichenden Wandel. Ob wir uns tatsächlich, wie viele sagen, in einer Zeit des Epochenwechsels befinden, ist schwer zu sagen, wenn man selbst Zeitgenosse ist. Es spricht aber einiges dafür, schließlich erleben wir vielfältige Veränderungen, auch Kipppunkte, sei es politisch, technologisch, ökonomisch oder eben ökologisch. Wir müssen grundsätzliche Dinge des Zusammenlebens, des Wirtschaftens und Arbeitens neu denken.

Allerdings kann Wandel halt auch nicht angeordnet werden. Der Einzelne kann durch die eigene Veränderung andere inspirieren und somit zum gesellschaftlichen, kulturellen Wandel beitragen.
Sofern der Einzelne das tut. Schlussendlich kann die bevorstehende und politisch gewollte Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft nur gelingen, wenn Akteure der Zivilgesellschaft daran beteiligt werden – mit all ihren unterschiedlichen Sichtweisen. Robert Jungk, den ich selbst noch kennenlernen durfte, war in der Hinsicht ein großer Vordenker. Er hat sich gegen das Expertentum ausgesprochen und für Beteiligungen wie in Zukunftswerkstätten stark gemacht. Uns muss klar sein, dass wir in der Gesellschaft Rechte aber auch Pflichten als Bürger haben. Das ist ein Grundsatz der Demokratie und die ist nun mal kein Geschenk. Das müssen wir ebenfalls begreifen. Wenn wir Demokratie zu schätzen wissen, werden wir sie mit klarer Haltung gegen alle Krisen verteidigen und an die jeweiligen Rahmenbedingungen anpassen müssen.

Womit wir bei D2030 sind: Eine Initiative, die Du zusammen mit anderen Visionären 2018 ins Leben gerufen hast mit dem Ziel, eine Landkarte von Zukunftsbildern für Deutschland zu erstellen.
Ja, wir wollten in einem offenen Szenarioprozess „Deutschland neu denken“. Wir wollten zeigen: Es gibt Alternativen und Perspektiven. Und wir wollten damit Orientierung bieten. In drei Beteiligungsrunden haben wir acht Szenarien erarbeitet, die zusammen eine Zukunftslandkarte ergeben. Die sogenannten Neue Horizonte-Szenarien wurden dabei als wünschenswert bewertet. Die Szenarien beschreiben Pfade in die Zukunft. Man könnte sie auch als Trichter betrachten, der einen prinzipiell vorstellbaren Zukunftsraum aufspannt. Mit Corona haben wir sie auf ihre Robustheit überprüft und sie haben standgehalten. Wir sind aber derzeit dabei, die Neue Horizonte-Szenarien nach 2018 insgesamt neu zu entwerfen. Es ist viel passiert, nicht zuletzt der Krieg in der Ukraine. Weiters wollen wir als Verein, der Zukunft eine Stimme geben, etwa mit unseren monatlichen Futures Lounges via Zoom oder durch praxisbezogene Projekte und Initiativen. Wir sind übrigens offen für Mitarbeit.

Also wir sind auf jeden Fall dabei. Danke für das inspirierende Gespräch, Klaus!

 

Zur Person: Klaus Burmeister

… ist, wie er selbst sagt, Zukunftsdiagnostiker – und nicht Zukunftsforscher. So oder so ist er seit Mitte der 1980er-Jahre im Bereich der Zukunftsarbeit tätig, baute 1990 das Sekretariat für Zukunftsforschung in Gelsenkirchen auf, war 1997 Mitgründer von Z_punkt und rief 2014 das foresightlab in Berlin ins Leben. Seit 2016 ist er außerdem Geschäftsführer der gemeinnützigen Initiative D2030.
www.foresightlab.de
www.d2030.de

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Featured,Im Gespräch mit...,Transformation

Krisen gehören zur gesellschaftlichen Entwicklung

Klaus Burmeister ist davon überzeugt, dass Krisen immer auch Möglichkeiten eröffnen und die Welt dadurch besser werden kann. Außerdem sprechen wir über fehlende Infrastrukturen, Zukunftsängste und zu viel Wissen in Zeiten des Wandels und warum Deutschland nun eine Landkarte von Zukunftsbildern hat.

Transformation ist in aller Munde, im Prinzip aber ein alter Schuh. Eine Tatsache, die dem Gebot der Stunde – nämlich, dass wir einen per definitionem fundamentalen und dauerhaften Wandel benötigen – freilich keinen Abbruch tut. Im Gegenteil: Wir müssen uns schleunigst aufmachen. Insbesondere, wenn Transformation als Prozess der Veränderung von einem aktuellen Ist- zu einem angestrebten Ziel-Zustand verstanden wird. Schließlich deutet schon das Wort „Prozess“ darauf hin, dass das eben nicht von heute auf morgen passiert, sondern mitunter irrsinnig langwierig vonstatten geht.

Einfach (zu) schnell

In dem Zusammenhang aber müssen wir uns fragen, ob wir inmitten einer VUCA-Welt überhaupt die Zeit haben, uns in aller Ruhe zu verändern. Eine derart volatile, unsichere, komplexe und ambigue, also mehrdeutigen Welt kann uns nämlich rasch um die Ohren fliegen, während wir uns gemächlich einem Wandel unterziehen. Es sei denn, wir verstehen die Transformation selbst als anhaltenden und dauerhaften Prozess. Dann werden wir in gewisser Weise selbst zu VUCA-Wesen – Bumblebee, Jazz, Ironhide, Ratchet und Co. lassen grüßen. Ob wir uns nun sprunghaft und sozusagen mal eben auf die Schnelle verändern, den Wandel zur Normalität werden lassen oder zuerst das eine und dann das andere, ist der Zukunft allerdings komplett egal. Die nämlich behält ihr Tempo bei, das sie seit einigen Jahren an den Tag legt. Und wie das halt so ist:

Hat man erst einmal an Fahrt aufgenommen, steigt man nur ungern vom Gas. Die Welt von (Über-)Morgen gestaltet sich in der Hinsicht nicht anders.

Für uns heißt das jedoch: Wollen wir mit der Zukunft Schritt halten, müssen wir uns beeilen. Ansonsten laufen wir Gefahr, entweder ungebremst in die nächste Wand zu knallen oder – sofern wir versuchen, das Tempo zu drosseln – sozusagen in bester „Speed“-Manier uns selbst in die Luft zu jagen.
Was also gilt es zu tun, damit wir morgen nicht die Hauptrolle im eigenen Science-Fiction-Movie oder Action-Thriller spielen? Wie können wir der Welt von (Über-)Morgen begegnen? Indem wir erst einmal das eigene Denken verändern. Die Antwort ist so einfach, dass man ihr eigentlich gar nicht Glauben schenken möchte. Und ganz so easy ist es eh nicht, schon alleine, weil wir Menschen Gewohnheitstiere sind.

Gewöhnliche Höhle

Dass Veränderung aber in erster Linie im Kopf stattfindet oder zumindest dort ihren Anfang nimmt, wussten schon die antiken Philosophen – womit wir wieder beim „alten Transformationsschuh“ wären. Das Höhlengleichnis, das Sokrates seinem Schüler Platon erzählte, der es wiederum im siebten Buch der Politeia niederschrieb, wird immer wieder gern herangezogen. So auch an dieser Stelle, obwohl es ursprünglich die Notwendigkeit verdeutlichte, warum wir uns auf einen philosophischen Bildungsweg begeben sollen, um uns schließlich aus der sinnlich wahrnehmbaren Welt der vergänglichen Dinge zu befreien und in eine rein geistige Welt des unwandelbaren Seins einzutreten. Letzteres scheint in einer VUCA-Welt von vornherein unmöglich – insbesondere, wenn man den Wandel als stetigen Prozess versteht. Dennoch macht es Sinn, sich mal kurz in Sokrates‘ Höhle zu begeben.
Viele, die dort verharren, tun das nämlich aus Gewohnheit. Das Neue ist – nomen est omen – neu und daher gewöhnungsbedürftig. Mit dem Alten kennen wir uns aus und fühlen uns wohl. Wir wissen, was zu tun ist, was wir von diesem halten oder wie wir auf jenes reagieren sollen, ganz egal, ob es sich dabei um vermeintlich falsche Abbildungen handelt oder nicht. Diejenigen, die es doch wagen, sich aus der Komfortzone zu begeben und sozusagen vom Dunkeln der Höhle ins Licht zu steigen, werden im ersten Moment geblendet. Dass ist weder angenehm noch erstrebenswert – zumindest auf den ersten Blick. Allerdings können wir uns auf diesen blinden Fleck vorbereiten und zwar schlichtweg indem wir ihn erwarten. Ganz nach dem Motto: Be prepared for the unexpected!

Dodo und die Komfortzone

Die Frage ist: Wagt man den Aufstieg oder nicht? Bei dieser Entscheidung kann es helfen, sich mal mit sich selbst eingehend zu unterhalten. Klingt schizophren, ist es aber nicht! Vielmehr führen wir ständig innere Monologe. Wer es nun schafft, daraus einen inneren Diskurs bei vollem Bewusstsein zu machen, tut einen entscheidenden Schritt in Richtung Selbstreflexion, Planung und Problemlösung. Oder eben: Raus aus der Höhle, rein in die Zukunft.
Im Übrigen ist auch das nichts Neues, schließlich werden wir von klein auf angehalten, wohlüberlegte Entscheidungen zu treffen. Schwierig wird das allerdings, wenn man gleichzeitig klein gehalten wird. Müssen wir beispielsweise essen, was auf den Teller kommt, werden wir nie erfahren, über den Tellerrand hinauszuschauen. Anderes Beispiel: Müssen wir stets unser Bestes geben, werden wir nie aus Fehlern lernen. Die Folge ist immer dieselbe: Wir verharren im inneren Monolog, ziehen uns ins ach so bequeme Schneckenhaus zurück und werden zu Dodos. Das Wappentier von Mauritius ist oder vielmehr war ein Vogel, der verlernt hat zu fliegen. Er nistete auf dem Boden und ernährte sich von vergorenen Früchten. Und dann kamen die Holländer und mit ihnen Ratten, verwilderte Haustiere, Schweine und Affen – der Anfang von Dodos Ende.
Der Mensch in seiner Komfortzone hat in gewisser Weise auch verlernt zu fliegen, verharrt in seinem feinen Nest bzw. in seiner kuscheligen Höhle, sprüht definitiv nicht vor neuen Ideen und macht sich nur mehr selten Gedanken – schon gar nicht über die Welt von (Über-)Morgen. In so einem Zustand rückt Veränderung in weite Ferne. Zum Glück aber ist es jederzeit möglich, einen anderen, einen neuen Weg einzuschlagen.

Let’s talk future

Und aller Anfang ist gar nicht so schwer, denn er passiert im eigenen Denken. Mit Blick in die Zukunft muss Transformation schlussendlich jedoch größer angegangen werden. Nur wenn wir uns als Gesellschaft verändern, den Wandel sozusagen als Teil unserer Kultur etablieren, werden wir der Welt von (Über-)Morgen tatsächlich begegnen können. Oder um einmal mehr das Höhlengleichnis heranzuziehen:

Jeder von uns vollzieht den Aufstieg aus der Höhle für sich. Doch wenn wir dabei von anderen unterstützt werden, es zu einem gemeinschaftlichen Bemühen machen, geht es nicht nur einfacher, sondern wird auch wesentlich nachhaltiger sein.

Wir können die Menschen um uns herum nicht ändern – und schon gar nicht globale Konzerne, die seit Jahren nur auf Profit, Absatz- und Gewinnsteigerung ausgelegt sind. Dass dabei Mensch, Umwelt und unser aller Zukunft ausgebeutet wird, ist ihnen herzlich egal. Um aber nicht in der dystopisch anmutenden Realität zu verharren, braucht es ein Umdenken, das beim Einzelnen beginnt. Und wenn wir erst einmal eine Transformation hingelegt haben, können wir gar nicht mehr damit aufhören. Dann werden wir anders denken und leben, nachhaltiger konsumieren und uns gesünder ernähren. Dann werden wir andere unweigerlich anstecken. Worauf also warten wir eigentlich? Machen wir uns gleich heute mit Vollgas auf, die Welt von Morgen so zu gestalten, dass wir ein im positivsten Sinne utopisches Übermorgen erleben. Und reden wir darüber!

 

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Christiane Mähr,Transformation

Raus aus der Höhle: Mensch verändere dich

Warum wir endlich raus aus der Höhle kommen und anfangen müssen, uns, unser Leben und unser Denken zu verändern – jetzt. Und wieso all das in die Welt hinausposaunt gehört.

Craig Foster war mit seinem Bruder viele Jahre als Dokumentarfilmer in der Wildnis Afrikas unterwegs. 2010 schlitterte er ins Burn-out, verlor die Lust am Filmen, zog sich zurück und fand beim Freitauchen wieder den Weg ins Leben. Während seiner täglichen Tauchgänge im Algenwald von False Bay vor Kapstadt begegnete er einem Oktopus-Weibchen – und war vom ersten Moment an regelrecht entflammt. Über ein Jahr lang tauchte Foster hinab in die küstennahen Tiefen, gewann einerseits das Vertrauen des Oktopusses, andererseits aber auch Einblicke in den nicht immer einfachen Alltag dieses erstaunlichen Tarnungskünstlers. Foster setzte sich immer intensiver mit dem „Chamäleon der Unterwasserwelt“ auseinander, spürte die Angst, wenn sich ein Hai näherte, den Schmerz, wenn Letzterer dem Kraken im Gefecht einen Arm abriss, und die fast kindliche Freude, wenn sein Octopus Teacher mit anderen Meeresbewohnern oder mit Foster selbst spielte. Am Ende jedoch muss er sich von seiner Freundin verabschieden – schlichtweg, weil es die Natur so vorgesehen hat.

Ein Taucher und sein Lehrer

In diesem Jahr hat Craig Foster auch sich selbst (wieder) gefunden. Für manch einen Grund zur Kritik an dem vielfach ausgezeichneten und hochgelobten Film. So bezeichnete etwa Bernd Graff in der Süddeutschen Zeitung den Film als „Bankrotterklärung für Tierdokumentation in Zeiten des realen Klimawandels“, denn es gehe „nicht um den Achtarmer, sondern um den armen Taucher“. Es mag sein, dass „My Octopus Teacher“ kein reiner Tierfilm ist.
Doch vielleicht hatten Foster und seine Filmemacher-Kollegen Pippa Ehrlich und James Reed das gar nicht im Sinn? Was, wenn es eben genau darum ging, aufzuzeigen, dass wir es nicht mit getrennten Welten zu tun haben? Was, wenn sie verdeutlichen wollten, dass wir tatsächlich Teil der Erde und nicht nur Besucher sind, auch wenn wir lediglich für eine bestimmte Zeit hier sind? Dann nämlich muss jedem klar werden, dass es an uns liegt, Verantwortung zu übernehmen – für uns und die nachfolgenden Generationen. Für die Welt vor unserer Haustür genauso wie für jene am anderen Ende des Globus. Für die Natur am Land und im Wasser, für andere Menschen ebenso wie für Flora und Fauna.

 

 

Craig Foster hat nicht nur für sich einen neuen Weg gefunden, sondern vor allem auch Verantwortung übernommen und 2012 das Sea Change Project gegründet: Eine Non-Profit-Organisation, die sich vor allem um diese beeindruckende Unterwasserwelt bemüht, die sich vor der Küste von Südafrika auftut. Ein Gebiet, das stellenvertretend für alle anderen Regionen steht, wenn es darum geht, dass es allerhöchste Zeit ist, endlich verantwortungsvoll mit der Welt umzugehen, in der wir leben dürfen.

 

Die Bilder, die uns vom Sea Change Project zur Verfügung gestellt wurden, geben einen kleinen Vorgeschmack auf den Film, der auf Netflix verfügbar ist.
www.seachangeproject.com

 

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Fotostrecke,Verantwortung

My Octopus Teacher: Einander Lehrer sein

„Wir sind Teil der Erde, nicht nur Besucher“, sagt Craig Foster am Ende von „My Octopus Teacher“. Ein oscarprämierter Film, der die faszinierende Freundschaft zwischen ihm und einem Oktopus-Weibchen dokumentiert und zugleich aufzeigt, dass Mensch und (Meeres-)Tier einander Lehrer sein können.